Das natürliche Gleichgewicht - Das schlechte Gewissen
Eine philosophische Betrachtung in 3 Teilen
Teil 3
Also kann/soll man einfach die Augen verschließen vor allem
Unrecht der Welt, vor zerknüppelten Robbenbabies, gejagten Walen, geschundenem
Mastvieh und Legehühnerbatterien??
Wohl kaum, hier kommt wieder das Gewissen ins Spiel.
Die Frage wird sein ob und in wie weit man beide Fraktionen
dahin bringt zu begreifen, dass die Menschheit Teil der Natur ist und es nur um
Regularien geht diese so zu nutzen dass die gesamte Menschheit eine möglichst
lange Spanne auf der Erde leben kann. Und hier beginnt die Differenzierung,
auch was das „natürliche Gleichgewicht" angeht, womit wir wieder beim Thema
wären.
Je nachdem in welchem Erdteil ein Mensch geboren wurde, mit
welcher „Bildung" und in welchem Umfeld er aufgewachsen ist, unterscheiden sich
die Grenzen die er zieht, wenn es darum geht zu unterscheiden was der Mensch
„noch darf", um sein Dasein zu fristen.
Denn Fakt ist nun mal, dass jeder Mensch (auch Vegetarier,
Veganer, Frutarier etc.) anderes Leben vernichten müssen, um selber zu
überleben. Bei diesen ganzen Diskussionen geht es letztlich ja nur darum, wo
man die Grenze zieht.
Einem Kind, das in Afrika hungert, wird es ziemlich egal
sein, ob und wie und welche Art von Pflanzen oder Tieren zu seiner Ernährung
herangezogen werden - Hauptsache es gibt überhaupt was zwischen die Zähne. Ein
westeuropäischer Mensch kann sich dagegen den Luxus leisten, über eine
Grenzzeihung nachzudenken, ob es sinnvoll oder moralisch/ethisch richtig sein
kann, dass man Tiere ist, oder Produkte von Tieren, oder welche Arten von
Tieren und Pflanzen man ohne schlechtes Gewissen „meucheln" darf.
Dabei geht es interessanterweise ja nicht um eine objektive
Abgrenzung - dem Leben als solches ist es letztlich schließlich egal, ob der
genetische Code von einem Einzeller oder einem komplexen Wesen wie dem Menschen
weitergegeben wird. Die moralisch/ethische Beurteilung (das schlechte Gewissen)
rührt also am Ende daher, wie ähnlich ein Tier oder eine Pflanze den Menschen
ist.
Ob und in wie weit Pflanzen, Pilze oder Tiere empfinden
können, ist dabei ein beliebter Streit. Wobei das „empfinden" eigentlich zuerst
mal voraussetzt, dass ein Lebewesen sich selbst bewusst ist. Denn „empfinden" setzt
ja eine bewusste Reaktion auf einen Reiz voraus. Und auch hier streitet sich
die Wissenschaft. Es gibt Experimente nach denen z. B. Orcas wohl die in dieser
Beziehung mit am „weitesten (heißt ja nix anderes als am „menschenähnlichsten")
entwickelt sind und tatsächlich ein „Selbstbewusstsein" haben.
Die von Ökoromantikern gerne ins Feld geführten anderen
Walarten, Robben und auch Delphine scheinen davon aber nach jetzigen
wissenschaftlichen Erkenntnissen noch weit entfernt zu sein.
Geschweige denn dass Mastschweine, Hühner in Batterien oder
in Treibhäusern „vergewaltigtes" Gemüse die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung
hat. Bedeutet das also, dass hier die Grenze zu ziehen wäre??
Oder doch eher eine Stufe drunter, dass man sagt, Tiere
allgemein sind dem Menschen so ähnlich, dass man sie grundsätzlich nicht töten
sollte um selber zu überleben?
Oder gleich ganz radikal, man nimmt nur zu sich, was die
„Natur" einem freiwillig gibt, also von den Bäumen fallendes Obst und Nüsse??
Diese ganzen von den Ökoromantikern gerne ausführlich
diskutierten Punkte, Einstellungen und Forderungen, um das jeweilige „schlechte
Gewissen" möglichst sicher zu beruhigen, bringen eine dabei aber kaum weiter
(wobei dann gerne immer diejenigen, welche ihr persönliches „schlechtes Gewissen"
eine Stufe höher ansiedeln als besondern moralisch verwerfliche Mitglieder der
menschlichen Gemeinschaft tituliert werden, da die ja schon so weit sind, die
Grundsätze zu begreifen aber nicht bereit dazu dies auch in möglichst reiner
Form umzusetzen (siehe dazu Diskussionen zwischen Veganern und Vegetariern)).
Zudem stört es das gerne angeführte „natürliche
Gleichgewicht" letztlich auch nicht, ob die Menschheit insgesamt eher
tierisches oder pflanzliches Leben meuchelt um zu überleben - darüber macht
sich die Natur/Evolution/das Leben keinerlei Gedanken.
Nur eben der Mensch - der dazu das alles auch nur aus seiner
zeitlich und räumlich beschränkten Sichtweise sehen kann. Einem Bakterium das
sich von Schwefel an schwarzen Rauchern ernährt ist es aller Voraussicht nach
ziemlich wurscht, ob ein Kind in Afrika verhungert oder sich ein Westeuropäer
Gedanken über eine ethisch/moralisch einwandfreie Ernährung macht. Denn wenn
die Menschheit längst Geschichte ist werden die Nachfolger dieses Bakteriums immer
noch den genetischen Code des Lebens weitergeben.
Allerdings resultiert aus diesen Überlegungen heraus auch
die Diskussion, was der Mensch/die Menschheit eigentlich mit den Lebewesen auf
diesem Planeten anstellen darf, wenn es nicht um die reine Ernährung sondern um
das „Vergnügen" der oder des Menschen geht. Ist es also moralisch/ethisch zu
rechtfertigen, wenn Menschen zu „ihrem Vergnügen" jagen oder angeln??
Sagen wir mal so, es ist genauso gerechtfertigt, wie ein
Spaziergang. So wie sich ein Angler bewusst sein wird, dass für einen Fisch der
Fang mit der Angel und danach entweder das töten oder das zurücksetzen nicht
unbedingt „Vergnügen" bereitet (wobei man hier schon wieder diskutieren müsste,
in wie weit das überhaupt möglich ist, für Wesen die sich selber nicht bewusst
sind, Vergnügen oder Missvergnügen zu empfinden (im menschlichen Sinne)), so
muss ich jeder Veganer oder Frutarier als extreme Ausprägung moralisch
hochstehender Menschen darüber im Klaren sein, dass er bei einem Spaziergang
zig Lebewesen töten wird - angefangen von zerdrückten Pflanzen (sofern der
moralisch hochstehende Frutarier in der „freien Natur" spazieren zu gehen
pflegt) wie er im Falle dessen, dass er deswegen auf befestigten Wegen laufen
will, sich darüber im Klaren sein sollte, dass Zur Anlegung des Weges oder der
Straße auch zig pflanzliche oder tierische Lebewesen ihr Leben lassen mussten.
Auch hier resultiert der Anspruch des moralisch/ethisch
„Höherstehenden also nur daraus, dass man wie oben beschrieben eine andere Grenze
zieht.
Fische einen Haken ins Maul treiben ist „pfui" - Millionen
Einzeller und Bakterien lebend „einzuatmen" und danach verrecken zu lassen ist
dagegen „hui". Dass weder das eine noch das andere die Natur/das Leben/die
Evolution in größerem Maße stört, wird dabei gerne vergessen - ebenso dass es
das nicht existierende „natürliche Gleichgewicht" selbstverständlich auch in
keinster Weise tangiert.
Ist also letztlich der Genuss oder das Vergnügen der oder
des Menschen der einzige Maßstab, an dem wir unser Verhalten gegen Mitlebewesen
messen lassen sollen?
Auch hier könnte man wieder mit Radio Eriwan sagen:
Im Prinzip ja....
Nur steht dem auch wieder der ruhige Schlaf entgegen, den
man als Mensch gerne hat und der doch durch das schlechte Gewissen heftigst
gestört werden kann. Und Schlafmangel kann wissenschaftlich erwiesen zu
verfrühtem Ableben führen. So dass also der Mensch letztlich ein Interesse
daran haben sollte, sowohl mit sich selbst wie auch mit seinem Mitgeschöpfen -
ob pflanzlich, pilzlich oder tierisch - gut auszukommen.
Dazu gibt es auch eine interessante Studie zur so „gesunden"
vegetarischen Ernährung. Danach leben Vegetarier, welche Fleisch nicht essen
weil sie es nicht mögen, nicht länger als der Durchschnitt fleischessender
Menschen mit gleichen Lebensgewohnheiten (da Vegetarier oft insgesamt bewusster
leben als „Fleischfresser", nicht rauchen oder trinken und auch Sport treiben).
Die oft angeführte längere Lebenserwartung rührt nämlich NICHT von der
vegetarischen Ernährung ab, sondern von den insgesamt einer optimalen
menschlichen Lebensweise ohne Gifte mit viel Bewegung.
Interessanterweise leben Vegetarier mit ansonsten gleichen
Lebensbedingungen wie „Fleischfresser" kürzer, wenn sie aus moralisch/ethischen
Gründen auf den Verzehr von Fleisch verzichten. Denn sie sind im ständigen
Stress wegen des schlechten Gewissens, um ja keinen Fehler zu begehen. Und
Stress und „Schlafmangel" auf Grund schlechten Gewissens verkürzen nun mal das
Leben.
Es hängt also am Ende an der Gesellschaft, was als moralisch
und ethisch noch vertretbar gilt. Während viel „Naturvölker" bedenkenlos und
ohne schlechtes Gewissen - aber mit Respekt gegenüber Mitlebewesen - alle möglichen Tiere und Pflanzen zum
eigenen Überleben „meucheln", macht sich der „ge(ver?)bildete" Westmensch also
Gedanken darum, welche Arten man für welchen Zweck meucheln darf.
Dass aber für Menschen auch das „Vergnügen" mit zu einem
langen und erfüllten Leben gehört, wird dabei oft vergessen. Dabei sind wir
wieder beim „moralischen Unterschied" z. B. zwischen Angeln und Spazieren
gehen.
Im Laufe der Jahre haben die Menschen also dank der
Intelligenz auch eine Kultur entwickelt. Dies unterscheidet den Menschen/die
Menschheit nach Ansicht vieler Ökoromantiker grundsätzlich von anderen Lebensformen
und legt dem Menschen/den Menschen auch eine besondere Verantwortung auf.
Das ist aber wieder eine rein menschliche Sicht, die absolut
nichts damit zu tun hat, ob und in welcher Weise die Natur/das Leben/die
Evolution weiter vorankommen wird - schon gar nicht im „kosmischen Maßstab"
betrachtet wenn man daran denkt dass auf der Erde in ca. 3 Milliarden Jahren eh
alles vorbei sein wird, wenn sie in der sich aufblähenden Sonne verglüht.
Auch hier geht es nur wieder um das schlechte Gewissen, dass
man für ein langes und vergnügliches menschliches Leben vermeiden sollte.
Und auch wenn mich jetzt Ökoromantiker, Tierrechtler- und
Schützer, Bioaktivisten und sonstige moralisch/ethisch hochstehende Menschen
verurteilen mögen:
Da gehe ich doch lieber im Einklang mit der Natur angeln um
mich dabei zu entspannen, Spannung zu finden, mein persönliches Leben zu
bereichern als mir ständig Gedanken darüber zu machen, welches Mitgeschöpf
tierischer, pilzlicher oder pflanzlicher Herkunft ich wie nutzen darf oder
nicht.
Und die ganzen Ökoromantiker sollten sich mal überlegen, ob
es nicht viel mehr in ihrem Sinne wäre, wenn man die Bewirtschaftung von
Gewässern z. B. Anglern überlassen würde. Zwar würde dadurch der Fisch in der
Supermarkttheke teurer werden. Insgesamt könnte man aber mit wesentlich
geringerer Fangmenge wesentlich höhere Umsätze als mit der Industriefischerei
erzielen. Was dann letztlich auch wieder den so gerne gehätschelten Robben und
Walen zu Gute kommen würde, die dann auch genügend Nahrung zur Verfügung
hätten. Mit der Konsequenz allerdings, dass man dann zum Schutz dieser Arten
keine Spenden mehr sammeln könnte.
Ein Wicht wer dabei Böses denkt und deswegen den „Schützern"
unterstellen würde, an einer Zusammenarbeit zur Verbesserung mit Naturnutzern
bei der Nutzung der Ressourcen kein Interesse zu haben.
Thomas Finkbeiner
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