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Der "Hechtprofi"



august04_hechtprofi_1.jpg Das Reiseziel schwedischer Schärengarten war erreicht, das Gepäck schnell und notdürftig verstaut, wogegen die Angelausrüstung mit aller Sorgfalt zusammengestellt wurde. Blinker, Wobbler, Spinner, Gummifisch lagen griffbereit im Angelkoffer, ebenso der überdimensionale Kescher "Typ Berufsfischer". Am Gürtel baumelte das neu erstandene Gaff, natürlich seewasserfest mit gehärteter Spitze, für alle Fälle. Schließlich wollte ich nichts dem Zufall überlassen und vor allem den mit angereisten Freunden beweisen was "30 Jahre Hechterfahrung" so bewirken kann.

Der Wind blies aus Südwest, leichter Wellenschlag, mäßige Bewölkung, genau wie letztes Jahr als ich meine Fangkünste mehr als deutlich unter Beweis stellen konnte. Was sollte in diesem Jahr anders sein?? Der Motor tuckerte gewohnt zuverlässig und ruhig und so steuerte ich zielsicher, im Kielwasser die "Anfänger", die erste Schilfbank an. Das persönliche Schonmaß wurde von mir auf 80 cm Länge festgelegt. Vor dem ersten Wurf mussten sich meine Anglerkollegen noch die letzten taktischen Ratschläge von mir anhören.


"Also, Freunde, wir haben jetzt Ende Mai, der Hecht hat abgelaicht, somit steht er noch vor den Schilfbänken im Flachwasser. Gummifisch, Typ Hering ist angesagt und führt ihn mir nicht zu schnell"! Nach einer Stunde und ca. 100 Würfen trafen mich die ersten fragenden Blicke meiner "Schüler". Was nun, konnte ich in Ihren Blicken lesen. Was nun dachte auch ich, nur keine Blöße geben, eine neue Taktik musste her. Köderwechsel hieß mein Befehl! Jeder einen anderen und dann werden wir schon sehen welcher heute am geeignetsten ist. Ich montierte heimlich ein Attack-System, unglaublich fängig, mit Beißgarantie!!!

Leider war mein Gerätehändler nicht anwesend um meine Garantieansprüche geltend zu machen, denn nach weiteren zwei Stunden und annähernd drei Kilometern abgefischten Schilfgürteln hatten wir nur zwei Exemplare vorzuweisen, beide zusammen erreichten nicht das von mir angestrebte Mindestmaß. Peinlich! Ein Profi weiß immer Rat! Ein kurzer Griff ins Wasser, aha, es ist wärmer als sonst um diese Jahreszeit. Wie konnte mir das nur passieren?? Die Hechte und wenn ich Hecht sage, dann verstehe ich darunter ausnahmslos Exemplare von 10 Pfund und mehr, stehen natürlich schon an den Schärkanten in vier bis sechs Metern Tiefe. Nun musste die Technik ran!

Das Echolot wurde aktiviert um die Unterwasserlandschaft zu erkunden, wie soll man sonst die begehrten Standorte finden. Langsam zog ich meine Kreise durch unser Anglerparadies, gefolgt voller Vertrauen, wie Entenküken ihrer Mutter, von den zwei Booten meiner Freunde. Endlich wurde von mir die ideale Stelle gefunden oder vielmehr bestimmt. Viele Jahre Erfahrung und den sicheren Instinkt eines "Hechtprofis" braucht es, um solche Plätze ausfindig zu machen. Ich witterte förmlich die "Großen". Wo sonst, wenn nicht hier sollten sie sich aufhalten? Der Anker wurde vorsichtig gesetzt, nur ja kein Aufsehen erregen. Es konnte losgehen!! Alle Sinne die ein guter Angler braucht waren hellwach in mir!

Ein letzter prüfender Blick über meine Spinnrute, Carbon-Profi-Ultra-Spinn mit semiparabolischer Aktion, die Rutenspitze aus Epoxi, dazu passend abgestimmt meine Hi-Tech-Rolle XXL, 7-fach gelagert, ebenfalls kugelgelagertes Schnurlaufröllchen, salz-wasserfest eloxiert, präzise Mehrscheibenbremse, die Weit-wurfspule aus Aluminium mit garantierter, exakter Kreuzwicklung, dazu ein Mahagoniholzgriff. Eine 0,18er multifile Schnurr, hochverstreckt mit enormer Tragkraft, 0-Dehnung und hoher Abriebfestigkeit, bestens geeignet für den schnellen präzisen Anhieb, komplettiert meine Ausrüstung.

Als Vorfach wählte ich ein 60 cm langes, beschichtetes Stahlvorfach, (gemäß dem Vorsatz: Länge des Vorfaches sollte mindestens die halbe Länge des erwartenden Hechtes betragen), mit 16 kg Tragkraft und dreifach gesicherten Karabinerhaken. Als Köder verwendete ich einen Spinner der Größe 7 mit doppelten, handpolierten Spinnerblatt für mehr Reflexe und größere Druckwellen, rotierender Geräuschtrommel, bestückt mit einem Drilling aus feinstem Carbonstahl an dem ich noch einen pinkfarbenen Twister befestigte.

august04_hechtprofi_2.jpg


Meine innere Spannung wich nach ca. 40 Minuten, 10 Minuten später als die meiner Kollegen, die sich mittlerweile über die Biervorräte hermachten. Ihre strafenden Blicke, obwohl 40 Meter von mir entfernt, trafen mich hart. Den Beweis meiner Hechttauglichkeit blieb ich schuldig. Auch mein Beiname "Inselkönig", den ich vor Jahren dank meiner überragenden Fänge erhalten habe, wird wohl abgeschafft. Oder doch nicht? Ich verspürte einen Ruck, nein einen Schlag in meiner Rutenspitze! Jetzt noch einen und wieder!

Mein Anhieb kam sofort und kraftvoll. Der Hecht hing. Ich dehnte den Drill etwas länger als nötig aus. Meine Freunde im Nachbarboot hatten mittlerweile Ihre Sitzposition aufgegeben und starrten stehend, da eine bessere Sicht, zu mir herüber. Meine "unendliche Erfahrung" ließ mich fühlen, dass es zwar ein Hecht war, aber mit Sicherheit kein kapitaler Bursche. Vor der Handlandung ließ ich noch etwas Wasser spritzen, gewährte ihm auch noch zwei, drei Fluchten um die Spannung zu erhöhen. Dann packten mich erhebliche Zweifel an meiner Festsetzung des Mindestmaßes. Zur Erinnerung, es waren 80 cm! Unter dem Beifall, ob er ernst gemeint war kann ich heute nicht mehr sagen, ließ ich ihn mit seiner Länge von 72 cm ins Wasser zurückgleiten. Er hatte eine schöne Zeichnung!
 
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august04_hechtprofi_3.jpg
oder hier???


Die mittlerweile angebrochene Dämmerung ließ uns Richtung Blockhaus fahren. Das Tuckern des Motors hatte nichts beruhigendes mehr für mich, vielmehr klang es wie Trommelwirbel vor dem Auftritt eines Artisten. Für mich gleichbedeutend mit der abendlichen Diskussion warum und wieso, die nun unweigerlich folgen würde. Und ich hatte keine Antwort parat! Auch unser mittlerweile traditionelles Hechtessen am ersten Urlaubstag (hat sich im Schärengarten so eingebürgert), muss nun Käse und Wurst weichen. Noch nie mussten wir in den letzten 12 Jahren darauf verzichten!

Langsam kamen wir dem Bootssteg näher. Mein Gaff hing immer noch am Gürtel und der Kescher lag unbenutzt und trocken im Boot, Zeichen des Misserfolges. Meine Gedanken wurden abgelenkt als ich aus der Ferne eine hüpfende, wild gestikulierende Gestalt bemerkte. Es war der "fünfte Mann" des Nachbarhauses. Der Koch! Ein Nichts, ein Niemand, ein Greenhorn in Sachen Hechtfischen. Gut, er konnte kochen, vielleicht sogar gut kochen, aber gibt ihm das das Recht uns ein Monster zu präsentieren, ein Monster von einem Hecht, von noch unbekannter Länge.

Ich kramte in meiner Profiweste, die mit den 24 Taschen, nach dem Bandmaß. Zuerst erwischte ich das Fernglas, dann den Kompass, es folgten die Ersatzspule, der Flachmann, die Arterienklemme, Autan, die Polarisationsbrille (dreifach entspiegelt), zwei Feuerzeuge, lauter Dinge die ein Hechtprofi braucht, dann endlich das Bandmaß. 1,16 Meter! "Ist das ein Hecht........???", fragte der Koch. Mir wurde schlecht!

Gefangen von ihm aus Langeweile, weil das Abendessen schon fertig war. Mit einer Angel die er zufällig im Bootshaus fand, mit einem Köder namens Effzett der früher einmal silbern war, aber durch Salz und Wasser bronzefarben wurde. Ein Gast hatte vor Jahren die alte Fiberglasrute, da unbrauchbar, samt Spule (2-fach gelagert) und 35-iger, monofiler Hauptschnur zurückgelassen. Es war meine alte Rute.

Eine (fast) wahre Geschichte, von "Pit" Gaidos, (Pit´s Angelreisen) wie sie vor Jahren einmal geschehen ist.

 
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