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Specimen Hunting oder Würmerbaden?????
Eine kleine philosophische Betrachtung zum Thema Angeln und Angelgerät
Wir haben die Globalisierung, die Welt scheint sich immer schneller zu drehen – und fast täglich werden Angler mit „neuen“ Erfindungen der Geräteindustrie beglückt. Getestet von diesem Weltmeister, jenem Journalisten oder den hauseigenen „Experten“. Und mit diesem neuen Gerät oder Zubehör wird versprochen, dass selbst der normale Angler seine Fänge mindestens verdoppeln, wenn nicht gleich ganze Fischbestände ausrotten kann. Auch in der Angelindustrie müssen sich die Räder drehen, also muss immer wieder was Neues her.
Denn auch die Journalisten der Fachpresse haben ja Interesse an allem „Neuem“. Man kann zwar nicht jedes Jahr das Angeln neu erfinden, aber viele neue Werkstoffe und neue Herstellungstechniken lassen auch in diesem Bereich immer wieder Neues entstehen. Man denke da nur an die Boiliewelle oder die geflochtenen Schnüre. Und eine Neuheit verkauft sich nun mal besser in einer Zeitschrift als die „alten Zöpfe“. Auch wenn immer noch den Fischen mit Rute, Rolle, Schnur und Haken nachgestellt wird. Und die Hersteller nehmen dankbar jede neue Methode zur Kenntnis, bietet sich doch da wieder die Chance für ein neues Segment in einem schon fast ausgereizten Markt.
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Man kann es beklagen oder akzeptieren, aber das Angeln scheint sich in den letzten Jahren schon verändert zu haben. Statt sich darüber zu freuen, angeln zu gehen, scheint auch bei unserer Passion der Konkurrenzkampf immer mehr die Oberhand zu gewinnen. Und eigentlich ist es auch müssig, darüber nachzudenken, wer jetzt schuld daran hat. Die Fachpresse, die Geräteindustrie und die Händler oder der Angler selbst. Denn es ist wie bei einem Getriebe: Nur wenn alle Zahnräder funktionieren, funktioniert auch das Ganze.
Träumen wir Angler hier einfach von der guten alten Zeit, in der man ja mehr Fische gefangen hat und weniger Ärger mit Tierschützern hatte? Als es üblich war, mit 50er Monoschnur und 200 Gramm – Pilkern auf dem Angelkutter zu stehen – und man hat damals (angeblich!) trotzdem mehr Dorsch als heute gefangen. Und als Köder auf Karpfen waren nicht Boilies der Favorit, halbgar gekochte Kartoffeln waren angesagt, oder Dosenmais. Und der Hecht nahm noch bedenkenlos den 40 – Gramm – Effzett an einem Stahlvorfach, das man heute zum Abschleppen von Lastwagen verwenden würde.
Haben wir Angler dabei vielleicht vergessen, dass zu der Zeit auf dem Angelkutter 5 - 10 Dorsche pro Angler schon für ein zufriedenes Gesicht gesorgt haben, dass ein Karpfen jenseits der 5 Kilo als schöner Angelerfolg und nicht als Baby angesehen wurde, und dass man zwar mit seinem robusten Spinngerät wirklich ein paar Hechte gefangen hat, aber diese Fänge heute noch genauso möglich sind??
Ausdruck dafür sind auch die verschiedenen Gruppen, die sich auf das Angeln bestimmter Fischarten spezialisiert haben, neudeutsch „Specimen Group`s“ genannt. Wer nur gezielt eine Fischart beangelt, wird zwangsläufig, der eine mehr, der andere weniger, zum Experten auf diesem Gebiet werden. Was dann wiederum zum einen „Material“ für die Medien bringt, die von neuen Methoden und Taktiken berichten können. Zum anderen freut sich natürlich die Geräteindustrie darüber, denn so gibt es immer wieder einen neuen Markt, in dem man, zumindest am Anfang, noch vernünftige Margen realisieren kann.
Lassen wir Angler uns vielleicht auch gerne in den Konkurrenzkampf treiben?? So ein Foto mit einem 15 – Kilo - Karpfen macht ja schon was her, man muss ja auch im Vereinsheim zeigen können, dass man angeln kann. Und das präparierte Schwert eines grossen Marlin oder das Ganzpräparat eines schönen Hechtes belegen ja auch den „Vorsprung“ gegenüber den Angelkameraden. Und man muss ja auch jede neue Angelmethode und jedes neue Gerät ausprobieren. Vielleicht ist ja endlich einmal die ultimative Methode oder das ultimative Gerät dabei.
Angefangen und geschürt wurde das Ganze auch mit von der Fachpresse. Wer Zeitschriften verkaufen will, braucht tolle Fotos auf dem Titel und eben immer wieder etwas Neues zu berichten. Und wenn ein Angeljournalist eine neue Angelmethode vorstellt, muss diese Methode ja mehr und grössere Fische fangen als die althergebrachten – sonst würde es ja keinen interessieren. Und die Angler liefern dafür auch immer bereitwilliger Fotos und Berichte – es ist eben schon was, wenn man mal in einer Angelzeitschrift veröffentlicht wurde.
Dass dabei die Ansprüche sowohl der Presse wie auch der Angler immer weiter stiegen und es daher auch zu oft fragwürdige Methoden kommen kann, um tolle Bilder zu bekommen, steht auf einem anderen Blatt. Dass die Redaktionen nicht klar sagen, dass sie keine Bilder von gehälterten Fischen wollen, die nachts gefangen wurden aber dann erst tagsüber fotografiert werden, um besserer Licht zu haben, das verstehe ich allerdings nicht. Und dass man nicht jedes neue Gerät und jede neue Methode als die jetzt ultimative neue Möglichkeit darstellen muss, das wäre auch schön. Denn eigentlich funktioniert ja jede Methode, nur eben nicht an jedem Gewässer und nicht auf jede Fischart.
Der Handel und die Hersteller nehmen natürlich auch gerne jeden neuen Trend auf.
Schliesslich muss sich das Rad ja weiterdrehen, und mit einer „revolutionären Neuheit“ spricht man eben mehr Kunden an, als mit dem „alten Kram“. Viele Firmen haben ja schon „Expertenteams“. Und gerade von diesen kommen ja immer wieder neu Ideen, Methoden und Geräte.
Was ja an sich nichts schlechtes ist. Wenn man aber teilweise sieht, wie viel neues Gerät nach kurzer Zeit wieder vom Markt verschwindet ist sicher die Frage berechtigt, ob die Firmen nicht etwas mehr Zeit in die Entwicklung stecken sollten, statt in schöner Regelmässigkeit was Neues zu bringen. Die Rolle in der Preisklasse um die 30 – 50 Euro, die ich mir vor 2 Jahren gekauft hätte, findet man dafür heute wahrscheinlich nur noch als „Restposten“ bei einem Angelgerätehändler in der Ecke stehen.
Und wir Angler nehmen viele Neuheiten aber auch dankbar an, denn schliesslich geht man ja Angeln um Fische zu fangen – und wenn man mit neuen Methoden mehr oder grössere Fische fangen kann – oder das zumindest versprochen wird - kann das ja nur gut für uns sein. Und dann wundern wir uns, wenn das „Angeln an sich“ nicht mehr das Erlebnis ist, sondern es zu einem Konkurrenzkampf mit den Angelkollegen ausartet. Und ein Angeltag nicht mehr als solcher ein schöner Tag ist, sondern der Fangerfolg darüber entscheidet, ob man zufrieden nach Hause geht. Und am besten ist es dann noch, wenn ein Meldung unseres Fanges in einer der Fanglisten von den Zeitschriften erscheint – am besten mit Foto.
Was verlangt eigentlich der Angler (wenn es „den Angler“ überhaupt gibt) wirklich von seinem Gerät?? Es gibt natürlich zuerst einmal grosse Unterschiede zwischen den Anglern. Der eine ist fast täglich unterwegs, dementsprechend „strapaziert“ er seine Ausrüstung. Der andere ist „Wochenendangler“, dem das Erlebnis Angeln wichtiger als der Fisch ist. Und dem dann auch weniger hochwertiges Gerät genügt.
Was natürlich jeder gerne hätte, ist Angelgerät, bei dem der Preis zur Qualität passt. Oft genug ist aber billiges Gerät nicht mal das Geld wert, das man dafür bezahlen soll. Robustes, hochwertiges Qualitätsgerät wird dafür oft auch zu sehr hohen Preisen angeboten. Und dabei ist es egal, ob es sich um Ruten, Rolle, Schnüre, Kunstköder, Posen, Stahlvorfächer oder sonstiges Zubehör handelt.
Viele Angler träumen noch heute von den „guten alten Quick Rollen“, die mit nur einem Kugellager besser laufen sollen als die meisten modernen Rollen. Und die Bremse, die war doch ein Gedicht. Und die Firma Sportex hat zum Beispiel immer noch die „honiggelbe Pilke“ im Angebot, es scheint also zumindest einen gewissen Markt für „klassisches“ Angelgerät zu geben.
Damit mich hier niemand falsch versteht: Ich bin sowohl der Fachpresse wie auch den Herstellern und dem Handel dankbar. Viele Neuentwicklungen haben einem das Leben ja leichter gemacht. Wenn ich nur daran denke, wie viele Blinker und Pilker ich nicht mehr verloren habe, seit ich mit geflochtener Schnur fische. Aber man kann auch alles übertreiben. Und das gilt sowohl für die Medien, wie für die Hersteller und den Handel - wie aber nicht zuletzt auch den Anglern. Denn wer sich in einen Konkurrenzkampf treiben lässt, statt einen schönen Angeltag zu erleben, der hats dann wirklich nicht besser verdient.
Folgenden wirklich schönen Spruch dazu habe ich schon des öfteren im Anglerboard gelesen:
Der schlechteste Angeltag ist immer noch besser als der beste Arbeitstag!
Das kann er aber nur so sein, wenn man sich vom Konkurrenzkampf frei macht, sonst kommt man beim Angeln in die gleichen Zwänge wie im Berufsleben. Und dafür sollte uns allen unsere Leidenschaft eigentlich zu schade sein.
Thomas Finkbeiner
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