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Ausgabe November 2017

Geflochtene Schnur unter der Lupe

Geflochtene Schnur unter der Lupe

Was hörte man nicht alles von den Marketingleuten über die Vorzüge der geflochtenen Schnüre. Höchste Tragkraft bei geringsten Durchmesser war für jede geflochtene das alleinige Verkaufsargument, geschürt durch entsprechende Publikationen in der Fachpresse. Über die Jahre hinweg stellte sich dann allerdings raus, das wohl irgend etwas nicht stimmen kann.

Da kauft man die 20er geflochtene, bekommt aber nur soviel auf die Rolle wie bei einer 40er Mono. Dass die angegebene lineare Tragkraft auch nicht das Maß der Dinge sein kann, beweist ja nicht zuletzt der Markterfolg der Knotenlosverbinder. Denn Knoten schwächen die geflochtenen Schnüre um bis über 50%. Zudem hat man bei den geflochtenen Schnüren das Problem, das sie meist nur sehr wenig abriebfest sind.

Im Magazin hatten wir zum Thema „reelle Angaben“ bei Tragkraft und Durchmesser sowohl bei geflochtenen wie bei monofilen Schnüren schon mehr als einen Artikel, so dass es eigentlich niemanden wundern kann, das die auf den Schnurpackungen aufgedruckten Werte nur mit Vorsicht zu genießen sind.

 

Nun könnte man ja sagen:

„Ok., was solls, wir wissen ja dass die Angaben nicht stimmen und haben uns damit arrangiert“.

Aber gerade in der BRD, wo alles reglementiert und geregelt ist, soll es möglich sein dass die Hersteller, Umspuler oder Großhändler bezüglich der Tragkraft und des Durchmessers behaupten können was sie wollen?? Wo bei jeder Metzgerei das Eichamt die Waagen kontrolliert, jede Zapfsäule auf minimale Abweichungen geprüft wird, auf der berühmten „Wiesn“ laufen die Kontrolleure fast Amok, wenn beim Zapfen der Eichstrich nicht erreicht wird.

Und der Angler lässt sich Angaben gefallen die teilweise um das doppelte zu „optimistisch“ sind??

Auch im Forum vom Anglerboard geistern zu dieser Frage immer wieder viele Diskussionen herum. Dabei sollte man aber daran denken, dass wir Angler auch oft dabei das Hintergrundwissen nicht haben, um alles richtig beurteilen zu können. So kommt es auch, dass dabei immer viele Gerüchte im Umlauf sind, viele Halbwahrheiten und Unausgegorenes. Umso wertvoller war dann der „Schnurtest“, den das Anglerboardmitglied Walko mit verschiedensten ihm zugesandten geflochtenen Schnüren gemacht hat.

Nicht umsonst weist er auf der Seite, auf de er den Test veröffentlicht hat ausdrücklich auf die vielen Unwägbarkeiten hin, wie verschiedene Lagerbedingungen, das Alter der Schnüre und was es an Faktoren zu beachten gibt. Ebenso beschreibt er genau seinen „Testaufbau“, sowohl bei der Messung des Durchmessers wie auch bei der Messung der Tragkraft.

Auszug aus Walkos Seite (http://people.freenet.de/walk.freenet.de/index.html ):

Das Mess-Mikroskop, welches ich für die Messungen verwendet habe und seit Jahren beruflich nutze, ermöglicht es auf ca.0,005mm Genauigkeit zu messen.

Einschränkend muss folgendes berücksichtigt werden:

  • Ich kann nicht garantieren, dass die mir zur Verfügung gestellten Schnurproben auch der angegebenen Bezeichnung und Marke entsprechen
  • Obwohl die Schnurproben in der Regel unbenutzt waren, könnte aufgrund von Alter und Lagerung ihre Tragkraft vermindert worden sein
  • Aufgrund der geringen Anzahl von Schnurproben (Serienstreuungen) sind die von mir gemessenen Werte nur als Richtwerte zu betrachten.
  • Für genaue Aussagen wären viel umfangreichere Tests mit mehreren Proben des gleichen Typs erforderlich.
  • Alle von mir gemachten Durchmesserangaben wurden durch optische Messung mit einem Mess-Mikroskop ermittelt.
  • Für die Berechnung der Schnurfassung auf der Angelrolle können diese Durchmesserwerte etwas zu hoch sein

Durchmessertest:

Um die Schnur für die Messungen spannen zu können, wurde in die Schnur eine Schlinge geknüpft, die etwas kleiner als die Spannweite meiner Gabel war, die ich speziell für die Messungen angefertigt habe. Nachdem die Schlinge um die zusammengedrückte Gabel gelegt und die Gabel losgelassen wurde, hatte die Schnur eine Spannung von mehreren Kilogramm. Dabei habe ich festgestellt, dass es nur bei lose geflochtenen und gebrauchten Schnüren wichtig ist, richtig unter Spannung zu messen. Bei neuen, eng geflochtenen Schnüren, machte die Spannungstärke so gut wie keinen Unterschied beim gemessenen Durchmesser aus. Da die meisten Schnüre alles andere als rund und gleichmäßig sind, habe ich die Ergebnisse der einzelnen Messungen gemittelt.

Test auf Tragkraft:

Der Test der Tragkraft erfolgte mit einer einfachen Federwaage, die ich vorher auf ihre Genauigkeit überprüft hatte. An der Waage wurde ein No Knot angelegt, an dem dann die Schnur befestigt wurde. Das andere Ende der Schnur wurde am Stielende mit Hilfe vom doppelseitigen Klebebandes befestigt, und der Stiel wurde im Schraubstock eingespannt. Danach habe ich langsam an der Waage gezogen, bis die Schnur gerissen ist.

Die Schnurlänge zwischen No Knot und Stiel betrug ca.70-80cm, wobei ich auch keine Veränderungen der Ergebnisse feststellen konnte, wenn die Schnur mal etwas länger oder kürzer war. Die Ergebnisse habe ich auf 0,5kg aufgerundet, da mit meiner Waage kein genaues Messen im 0,1kg Bereich möglich ist. Bei jeder Schnurprobe wurden mindestens 3 Messungen durchgeführt, bei größeren Schwankungen der Messergebnisse noch mehr. Die Tragkraft habe ich auch an beiden Seiten von den mir zugesandten Schnurproben getestet.

 

Die Tragkraft mit No Knots schwankte zwischen ca. 70% und  100% der  linearen Tragkraft der Schnüre.

 

Die Tragkraft mit Knoten habe ich mit dem Schlaufenknoten gemessen.

http://www.blinker.de/default1.php?http://cm.jahr-tsv.de/blinker/angelpraxis/knotenkunde/schlaufen.php.

Dieser Knoten hat keine gute Tragkraft bei geflochtenen Schnüren, und hielt ca.40-70% der linearen Tragkraft.

Eine sehr gute Tragkraft bei geflochtenen Schnüren hat beispielsweise der Bimini-Twist-Knoten, der bei meinen Tests, abhängig von Schnur und Qualität der gebundenen Knoten  zwischen ca. 70% und 100% der Linearen Tragkraft hielt. Damit besitzt der Knoten in etwa die gleiche Tragkraft wie die Verbindung mit No Knots.

Für geflochtene Schnüre gibt es auch bessere Knoten,  z.B. den Bimini-Twist Knoten, der viel mehr Tragkraft bei geflochtenen Schnüren hat. Laut meinen Tests, von ca. - 30% bis zu der linearer Tragkraft, je nach Schnur und Qualität der gebundener Knoten.

Die Tragkraft mit dem Beminitwistknoten Knoten zu messen ist sehr zeitraubend, deswegen habe ich das nur zu Experimentzwecken an ein paar Schnüren durchgeführt.

Das Fazit von Walko nach seinen Tests:

Fazit:

  • Die Mehrheit der teureren Schnüre liegt mit ihrem tatsächlichen Tagkraft-Durchmesserverhältnis auf ähnlichem Niveau,
  • wobei gewisse Schwankungen zwischen den einzelnen Schnüren vorhanden sind.
  • Die preisgünstigen Schnüre sind im Durchschnitt von dem Tagkraft-Durchmesserverhältnis etwas schlechter als die teureren Schnüre.
  • Die Tragkraft (gemessen mit No Knot) schwankte zwischen ca. 50% und ca. 125%  der Herstellerangabe.
  • Die Durchmesserangaben der Hersteller schwanken ebenfalls und liegen etwa zwischen ca. 35% und ca. 85% des von mir gemessenen Durchmessers.

Auszug Ende

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Davon abgesehen ob das jetzt wirklich „objektive“ Testmethoden sein mögen, genauer als die Angaben der Hersteller, Umspuler oder Großhändler scheinen sie allemal sein. Vor allem bei der berührungsfreien Durchmessermessung mittels Mikroskop. Denn ob die „offiziellen“ Durchmesserangaben rechnerisch aus der Summe der Einzelfäden oder per „Lehre“ (also nicht berührungsfrei, man könnte da den Durchmesser auf die gewünschte Zahl „drücken“) ermittelt wurden, die berührungsfreie Messung dürfte dabei immer objektiver sein.

Nicht zu vernachlässigen scheint dabei aber auch die Serienstreuung bei manchen Schnüren zu sein, wo Schnüre mit den selben Angaben durchaus sehr unterschiedliche Messergebnisse aufweisen können. Aber insgesamt muss man feststellen, dass Walko hier das erste Mal (soweit mir bekannt) verschiedene Schnüre die auf dem Markt erhältlich sind mit den gleichen Messmethoden miteinander vergleichbar gemacht hat.

Und da ist das Ergebnis erschreckend. Denn von einer Ausnahme abgesehen kam eigentlich keine Schnur den auf der Packung angegebenen Werten auch nur nahe. Abweichungen von über 100% waren da drin. Hier die Tabelle der getesteten Schnüre (nochmals mit dem Hinweis, dass dieser Test nicht behauptet wissenschaftliche Kriterien zu erfüllen, sondern dass er nur die Schnüre miteinander vergleichbar macht, nun dürfte aber klar sein, warum man oft nicht so viel 20er geflochtene wie angegeben auf eine Rolle spulen kann.) Interessant dabei auch, dass es doch Firmen zu geben scheint, die Wert darauf legen, dass die Angaben, die sie machen, auch einigermaßen der Realität stand halten können.:

 

Bezeichnung der Schnur

Gemessener Durchmesser

in mm

Gemessene

Tragkraft mit No Knot in kg

Gemessene

Tragkraft mit

Schlaufen-knoten in kg

Calcutta Ultra Braid 10Lbs  0,10mm

0,18 x 0,30

10-11

6,5-7

Calcutta Ultra Braid 50Lbs

0,36

15-15,5

10-11

 

 

 

 

Fireline 0,10 / 3,6kg

0,15-0,16

6

3-3,5

Fireline 0,12 / 6,8kg

0,19

6

3-3,5

Fireline 0,15 / 7,9kg

0,22

 

 

Fireline 0,17 / 10,2kg

0,27

9-11

6-8

Fireline 0,20 / 13,2kg

0,28

9,5-12

6-8

Fireline XDS  16 /  9.75kg  Gebraucht

0,21

6,5

 

 

 

 

 

Hemingway Dyneema 12/ 9,5 kg       

0,29-0,3

10

5-6,5

Hemingway Dyneema 16 / 13,5kg neu

0,36

15,5-16

8,5-9

Hemingway Dyneema 16 / 13,5kg       

0,35

13-14

8

Hemingway Dyneema 20 / 15kg   neu

0,38

17-18

10

Hemingway Dyneema 25 / 22kg   neu

0,40

19-21

10-11,5

Hemingway Dyneema 30 / 25kg

0,48-0,50

26,5-27

15-15,5

 

 

 

 

Hemingway Dynasteel 28 / 24kg

0,41

22-24

12-14

Hemingway Dynasteel 22 / 16kg

0,35

14-17,5

9-11

Hemingway Dynasteel 18 / 14kg

0,32-0,33

15,5-16

8-9

Hemingway Dynasteel 16/  12kg

0,3-0,31

13,5-14

7,5-8

Hemingway Dynasteel 14 / 10kg

0,27

11,5-12

7-7,5

               

 

 

 

Power Pro 8Lbs

0,26x0,14

6,5-7,5

4

Power Pro 15Lbs

0,28 ?

12 ?

8 ?

Power Pro 20Lbs

0,28-0,29

11-16,5 ?

7-10 ?

Power Pro 30Lbs                Gebraucht

0,30

17*

10-12

Power Pro 40Lbs

0,33-0,37**

14-19**

8-13**

Power Pro 65Lbs

0,42-0,43

16-17

25+

 

 

 

 

Powerline 0,08/9kg

0,18-0,19

7,5-8

4,5-5

Powerline 0,11 / 11,8kg

0,22

8

3,5-6

Powerline 0,14 /  14,2kg

0,28

13KG

8,5

Powerline 0,16 / 15,1kg

0,29

12

7-8

Powerline 0,25 /  27,8kg

0,43

24

14

 

 

 

 

Penn 15kg                               

0,20

7

4

Penn 22kg

0,27

11

6,5-7,5

Penn 39kg

0,38

25

14

Penn 39kg                           Gebraucht

0,41

24

 

 

 

 

 

Penn International Dynabraid 0,16/9,1

0,26 x 0,43

13-14

6

Penn Internation Dynabraid 0,26/13,6

0,35 x 0,58

16-18

9-12

 

 

 

 

Profi-Blinker Carbon X Dynamic 14,2kg Gebraucht

0,35

12Kg

 

 

 

 

 

Quantum Quattron 0,17   8,5kg/17Lbs

0,195

7,8-9

5

 

 

 

 

Sänger Speciflex 0,20/16kg

0,3 x 0,51

14-17

7-7,5

 

 

 

 

Stroft GTP 3kg

0,18

3,5-4

2-2,5

Stroft GTP 6kg

0,23

6,5-7

4

Stroft GTP 8kg

0,26

9

5

Stroft GTP 10kg

0,28

9,5-10

6

 

 

 

 

Spiderwire 0,17/16,5kg

0,22-0,23

11-12

6-7

Spiderwire 0,35 / 51kg      Gebraucht

0,44

17?***

12

 

 

 

 

Tuf Line XP 15Lbs. /  6,8KG

0,25

11,5-12,5

7,5-8

Tuf Line XP 20Lbs. /  9,1KG

0,25-0,26

8,5-12

5-7,5

 

 

 

 

Whiplash 0,10 / 14,1kg

0,29-0,3

11,5-12

7,5

Whiplash 0,17 /  21,7kg       Gebraucht

0,35

17,5-18,5

10

 

 

 

 

Da wir alle nicht wissen können, wer letztlich daran „Schuld“ hat, welche Angaben bei den einzelnen Produkten auf der Spule stehen, möchte wir auch niemanden einen schwarzen Peter zuschieben. Aber in der Kette vom Hersteller über den (möglichen) Umspuler oder Großhändler bis hin zum Händler und Kunden muss ja jemand dafür verantwortlich sein, welche Werte angegeben werden. Vielleicht sollten da die Verantwortlichen aber mal dran denken, das ja nicht nur der Angler sondern auch der Händler mit falschen Zahlen „gefüttert“ wird, was letztlich dazu führt, dass der Händler den Angler nicht richtig beraten kann.

Selbstverständlich wurde – auch durch die Medien gepuscht – das Verhältnis von möglichst geringem Durchmesser bei möglichst hoher (linearer) Tragkraft gerade bei geflochtenen Schnüren zum Verkaufsargument schlechthin. Vielleicht ist es – auch durch die Tests und diesen Artikel hier – jetzt doch für die Verantwortlichen an der Zeit, das einmal zu überdenken und zukünftig auch „realistischer“ zu gestalten.

Denn in der Praxis sind doch eigentlich Sachen wie Knotenfestigkeit, möglichst runde Flechtung zur besseren Verlegung auf der Rolle, Abriebfestigkeit, Beschichtung und andere Dinge mehr eigentlich entscheidender.

Wir würden uns auf jeden Fall sowohl darüber freuen, wenn sich Verantwortliche mit uns in Verbindung setzen würden um die Sache auch aus ihrer Sicht darzustellen, als auch wenn sie mehr oder weniger „stillschweigend“ zukünftig realistischere Zahlen verwenden würden.

Und zum Abschluss noch ein schönes Foto von Walkos Seite, wo er verschiedene Schnüre nebeneinander unter dem Mikroskop fotografiert hat.

 

Auf dem folgenden Bild sind die unten gelisteten Schnüre (Reihenfolge von oben nach unten) zu sehen:

1 Fireline 0,17(Grau)

2 Fireline 0,12 (Gelb)

3 Powerline 0,11(Schwarz)

4 Penn 15KG (Grün)

5 Stroft 3KG (Grün)

6 Stroft 10KG (Grau)

7 Tuf Line 9,1KG (Gelb)

8 Powerline 0,17(Gelb)

9 Power Pro 30Lbs (Grün)

10 Power Pro 40Lbs (Gelb)

11 Penn 22KG (Grün)

12 Whiplash 0,10 (Grün)

13 Whiplash 0,17 (Grün)

14 Penn 39KG (Grün)

15 Hemingway Dyneema 16,  13,5KG (Gelb)

16 Poweline 0,25 (Gelb)

17 Spiderwire 0,35 (Grün)

18 0,36mm Monofile.

 

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Thomas Finkbeiner  

Kommentare 

 
+3 #1 jr portitz 2012-01-26 19:07
Große Klasse !

solche unabhängigen Vergleiche muss es öfters geben.

DANKE
 


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