Das kleine Glück...
Das kleine Glück....
Angelzeitschriften, Fernsehen, das Internet, überall kann man immer wieder auf Berichte und Artikel über traumhafte Fänge an traumhaften Gewässern in traumhaften Ländern stoßen. Ist es da ein Wunder, dass viele Angler ihre Erwartungen hochschrauben? Ja, Angeln ist auch immer eine Sache des Erfolges. Wer nie was fängt, wird nicht lange Angler bleiben.
Die Frage ist doch aber, in welchen Dimensionen denkt da der Angler, wenn es um seinen Erfolg geht? Muss es wirklich (mindestens!!) der Ü80 - Zander sein, der meterlange Hecht? Ist wirklich ein Karpfen unter 15 Kilo „Fischunkraut? Ist ein Hornhecht neben der Meerforelle wirklich ein minderwertiger Fang?
Es ist verständlich, das man seine Ziele immer höher setzt, je mehr man von Erfolgen anderer in den Medien etwas mitbekommt. Aber es ist in meinen Augen komplett unverständlich, wenn man deswegen das ganze kleine Glück vergisst oder gering schätzt, welches (auch) Schneidertage, untermäßige Fische, der Brassen statt dem Karpfen, der Hornhecht statt der Meerforelle für den Angler bereit halten.
Viele werden die „großen Glücksmomente" des Lebens schon mal erlebt oder auch miterlebt haben. Sei es die Geburt eines Kindes, der erfolgreiche Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums, das unversehrte überleben nach einem schweren Unfall.... Da gibt es vieles, was solche großen Glücksmomente sein können.
Da vergisst man gerne, sich auch mal an das viel öfter vorkommende, „kleine Glück" zu erinnern. An den auf Anhieb passenden Schuh beim einkaufen. Einen schönen und warmen Sommerabend auf der Terrasse mit Freunden beim grillen, bei dem Gewitterwolke sich im Nachbarort entlädt. Der um 2 Cent gefallene Spritpreis beim nächsten Tankstellenbesuch. Ein Lob vom Chef bei der Arbeit, die Umarmung der Kinder, und, und, und....
Beim Angeln ist es wie im „richtigen" Leben. Die kleinen Glücksmomente werden wesentlich häufiger auftauchen als die großen. Wer jetzt noch in der Lage ist, diese kleinen Momente nicht nur zu erkennen, sondern auch zu genießen, der ist dann auf dem Weg zum „richtigen Angler". Der muss sich weder mit Fängen noch mit Bildern oder Diskussionsbeiträgen „beweisen".
Der genießt einfach mal, dass man frühmorgens vor der Arbeit sowohl mal die Zeit hatte wie auch en inneren Schweinehund überwinden konnte, um mit der Spinnrute loszuziehen und dabei einen grandiosen Sonnenaufgang erleben konnte.
Der freut sich in der Beißpause über den Anblick einer ordinären Stockentenfamilie, die man nebenher etwas mit eigentlich zum anfüttern gedachten Brot beschäftigen kann.
Der sieht zwar, dass die aufgewühlte See - untypisch im Mai - nicht optimal zum geplanten Hornhechtangeln ist. Freut sich aber auf der anderen Seite, wieder mal im Meer zustehen und Salzwasser zu riechen.
Der freut sich auch einfach mal darüber, dass ein Angelfreund einen tollen Fisch gefangen hat - auch wenn man selber Schneider blieb.
In wie weit sind wir den überhaupt noch in der Lage, uns am „kleinen Glück" zu freuen? Wenn man gleichzeitig medial von tollen Fangmeldungen kapitaler Fische überschüttet wird? Ist die Erwartungshaltung eines erfolgreichen Angeltages also wirklich immer an den vorher schon oft „generalstabsmäßig" geplanten Fang eines möglichst kapitalen Exemplares des Zielfisches gekoppelt?
Ist Angeln wirklich schon auf dem Weg zum „Leistungssport"? Wobei man da auch den Begriff „Sportangeln gerne mal diskutieren könnte.
Müssen wir uns wirklich an der zwei Handvoll „Experten" und Halbprofis messen, die mit viel Engagement, Wissen, Zeit und Erfahrung - aber auch mit den richtigen Gewässern - zu ihren Erfolgen kommen? Das sind ja zumeist Menschen, die für Tacklefirmen als Marketingprodukt „arbeiten". Also unter völlig anderen Voraussetzungen am Wasser sind als wir. Ist es wirklich erstrebenswert, das Hobby zum Beruf zu machen, Profi oder Halbprofiangler zu werden? Wo dann schon der „Nichterfolg" zum Misserfolg wird?
Welche Maßstäbe legen wir an, wenn es um einen schönen Angeltag geht? Wie oft reicht uns wirklich mal das kleine Glück?
Izaak Waltons berühmtes Angelbuch trägt nicht umsonst den schöne (Unter)Titel:
Eines nachdenklichen Mannes Erholung
Ein „nachdenklicher" Mann kann sicherlich auch das kleine Glück genießen.
Kann ein „Profi" noch den Fang eines ganz normalen Fisches unter ganz normalen Umständen überhaupt schätzen?
Mein Tipp:
Einfach angeln gehen und genießen.
Lasst euch weder von den Erwartungen oder Meinungen anderer beeinflussen, noch setzt euch selbst unter Erfolgsdruck.
Thomas Finkbeiner
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