Neues vom Ferkelfahnder
Das gilt natürlich auch für den Ferkelfahnder, diesmal im Besonderen aber nicht in dieser Funktion, sondern bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Bootsangeln.
Vorab erstmal zwei Preisfragen an alle Angler.
Die erste ist für Bootsbesitzer und erfahrene Bootsangler sicherlich ganz einfach zu beantworten:
Was ist ein Abscherstift?
Für alle anderen: gebt mal den Begriff bei Wikipedia ein, denn besser als dort kann ich's auch nicht erklären.
Nun, auch ich weiß es jetzt, aber dazu später.
Die zweite Frage ist schon etwas komplizierter und sicherlich in gemütlicher Runde auch einer interessanten Diskussion würdig, aber darum geht es mir erstmal nicht, sondern primär möchte ich, dass jeder, der das hier liest, sich ganz objektiv erstmal selbst fragt, wie er entschieden hätte.
Stellt Euch mal folgende Situation vor:
Du befindest Dich irgendwo im geschützten Bereich der Deutschen Ostseeküste mit einem küstentauglichen Kleinboot und 5PS-Außenborder, mit dem du schon mehrfach in den letzten 10 Jahren in ähnlichen Gewässern erfolgreich unterwegs gewesen bist. Du weißt, dass es bei 4-5 Knoten Fahrt durch eine Halbmeterwelle auch mal etwas spritzt, aber erstens ist das Wasser mit 18-20° ziemlich warm und zweitens hast du entsprechend wasserfeste Kleidung an. Nachdem du an 3-4 Tagen nur (zu) kleine Dorsche in maximal 10-12m Tiefe gefangen hast und dir alle anderen Bootsangler vor Ort den Tipp geben, dass der Dorsch wegen des warmen Wassers in Tiefen ab 15m steht, ziehst du deine Seekarte zu Rate uns stellst fest, dass du von deinem aktuellen Hafen aus ca. 1,5 Stunden fahren müsstest, um das empfohlene Fanggebiet zu erreichen. Die gesamte Fahrtstrecke dorthin führt dich in maximal 100 Meter Uferentfernung an der Küste entlang, die angepeilte Angelstelle liegt dann senkrecht zur Fahrtstrecke ca. 500-800 Meter vom nächsten Ufer entfernt. Deine Sicherheitsausrüstung besteht aus Seekarte, wasserfestem Hand-GPS, wasserfestem Handy, und Schwimmweste. Du hast im Hafen ein Notebook mit Internetzugang und 2 PKW zur Verfügung, mit denen Du das Boot von jeder Stelle der Küste aus abholen lassen kannst.
Der Tank ist voll, genau wie der große Reservekanister. Es ist morgens 9:30 Uhr, die Sonne scheint bei teilweiser Bewölkung, der Wind bläst schwach bis mäßig (3 Bft.) in Hinfahrtrichtung. Du startest dein Notebook, rufst 3 verschiedene Wetterdienstseiten auf und bekommst als Wetterbericht für den Tag folgende Angaben:
Dienst 1: morgens
heiter bis wolkig, 3 Bft,
mittags wolkig mit Schauern 4 Bft in Böen 5-6
abends wolkig mit Schauern, 4-5 Bft
Dienst 2: 11:00 Uhr Sonne und Wolken, Wind 3-4 Bft.
13:00 Uhr leicht bedeckt, Schauer, Wind 4-5 Bft., vereinzelt Gewitter möglich
15:00 Uhr sonnig bis bedeckt mit Schauern, Wind 4-5 Bft., vereinzelt Gewitter möglich
17:00 Uhr sonnig bis bedeckt, Wind 4-5, vereinzelt Schauer
Dienst 3: Windvorhersage
3-4 Bft., im Tagesverlauf auffrischend 4-5, Schauerböen
wechselnd wolkig mit einzelnen kräftigen Schauern,
Regenwahrscheinlichkeit 60%
Für die nachfolgenden Urlaubstage sind 5-6 Windstärken und Schauerböen bis 90 km/h vorhergesagt, also eine Wetterlage, bei der du davon ausgehen kannst, dass heute der letzte Tag deines Urlaubs ist, wo du überhaupt eine Chance zum Bootsangeln hast.
Nun die Frage: Würdest du mit deinem Angelfreund zusammen raus fahren?
Für mich war es ein klares JA, denn Regen und Spritzwasser machen mir nichts aus, zumal bei entsprechender Bekleidung, zwischen Schauern kommt immer wieder die wärmende Sonne raus, wir würden immer ein Ufer in Reichweite haben, falls sich doch mal aus einem Schauer ein Gewitter entwickeln würde, und im Zweifelsfall, z.B. wenn für die Rückfahrt die Welle bei Gegenwind zu unangenehm wird, haben wir auf der gesamten Strecke 7 Anlandemöglichkeiten, wo wir problemlos das Boot aus dem Wasser und auf's Auto verladen können.
Genau unter diesen Voraussetzungen sind wir um 11:00 Uhr gestartet, waren um 12:20 besprenkelt von einzelnen Spritzwasserfontänen in der Nähe des angepeilten Platzes, hatten Fischanzeige auf dem Echolot und um ca. 12:45 den ersten mäßigen Dorsch aus 14m Tiefe im Boot. Beim ersten Umsetzen konnten wir einen einsetzenden Regenschauer auch noch so geschickt umfahren, dass wir nur einige wenige Tropfen abbekamen. Während wir „gemütlich" drifteten und Wattwurm bzw. Twister auf oder knapp über Grund führten, zogen zwei weitere Schauerfronten auf, eine in Windrichtung, so, dass sie wohl wieder südlich an uns vorbeiziehen würde, die andere eher auf bzw. über die Küste, aber die war schon von weitem deutlich dunkler. Wir behielten sie im Auge, angelten weiter und versemmelten zwischendurch mal eben den nächsten Biss. Der Blick zum Horizont machte uns dann doch stutzig, weil aus dem Dunkel der unteren Wolkenschichten sich klar und deutlich eine nach oben gerichtete Haufenwolke bildete. „Na, das wird doch nicht...?", aber schon 5 Minuten später war ein entferntes Donnergrollen zu hören. Also beschlossen wir, erstmal in Ruhe den Bootstank aufzufüllen, um flexibel zu bleiben und das nächstgelegene Ufer aufzusuchen, damit wir, falls das Gewitter in unsere Richtung drehte, nicht mehr auf dem offenen Meer lagen. Mittlerweile war die Situation so, dass wir dadurch uns dem Gewitter eigentlich selbst näherten, aber noch war genügend Zeit.
Aus der Ferne sah das angepeilte Ufer so aus, wie ein Abschnitt mit Sand und vereinzelten Steinen.
Nach ca. 10-15 Minuten nicht allzu schneller Fahrt waren wir ca. 50m davon entfernt und mussten feststellen, dass es doch weitaus steiniger war als wir eigentlich gedacht hatten.
Zwar sahen wir in ca. 500 Meter Entfernung eindeutig Sandstrand, aber diesen genau in Richtung des Gewitters, was wir dann nicht mehr riskieren wollten. Deshalb nahmen wir in Kauf, dass die Hosenbeine nass wurden, stiegen über Bord ins knietiefe Wasser und zogen das Boot auf die Steine, wo wir es sicher festtäuen konnten. Dann kauerten wir uns ans ca. 2-3 Meter hohe Steilufer und ließen den Gewitterregen über uns hinwegziehen.
Nach nur einer halben Stunde war der Spuk quasi vorbei, einzelne schwere Tropfen fielen noch, aber weder war uns kalt noch hatte die Lust zu angeln irgendwie nachgelassen. Wie das so ist, folgt auf Regen ja bekanntlich Sonnenschein, und auf der Rückseite der Gewitterwolke war auch strahlend blauer Himmel zu erkennen. Einziges Manko war die windbedingt aufgekommene Brandung, durch die wir durchrudern mussten, wenn wir das Boot wieder starten wollten. Dies erwies sich als schwierig, aber nicht unmöglich, und bald schon ertönte von hinten der Ruf „Ich starte den Motor".
Als dieser ansprang, verzichtete ich aufs Rudern in der Meinung, nun problemlos aus der Brandung raus zu kommen. Doch plötzlich brach die erste Welle vor uns und schickte eine ordentliche Ladung Wasser ins Boot. Dann der entsetze Schrei von hinten: „Sch....! Der Motor macht keinen Schub!"
Wir standen mitten in der Brandung und eine Welle nach der nächsten erbrach sich in unser Boot, das im Nu voll bis zum Rand war.
Also nix wie raus, alle Sachen auf den Strand getragen und das Notfallhandy eingesetzt, damit unsere Frauen uns suchen, finden und aufsammeln konnten. Durch die Ausräumaktion war zum Glück auch die Besatzung der DLRG-Station des nächsten Badestrandes auf uns aufmerksam geworden und schickte zwei Jungs im Schlauchboot zu uns. Als diese ankamen, hatten wir den Motor bereits abgenommen und an den Strand gebracht, um das Boot auskippen zu können. Es wurde beschlossen, dass ich mich mit dem Boot, den ebenfalls bereits raus genommenen Böden und dem schweren Motor von den DLRG-Jungs zum Strand schleppen ließ, während mein Freund bei den Angel- und sonstigen Sachen am Strand blieb, die wir dann gemeinsam mit unseren Frauen irgendwie zum Auto bringen wollten.
Der Strand, zum dem ich samt Boot geschleppt wurde, gehörte zu einem Campingplatz, wo meine Frau mich abholte und mit trockener Kleidung versorgte. Von dort fuhren wir zu unserem Notlandeplatz am Ufer, wo mein Freund mittels Ruder und Schwimmweste ein Se(e/h)zeichen am Steilufer hinter einem abgeernteten Kornfeld gesetzt hatte, dessen Boden fest genug war, dass wir bequem mit dem Auto ihn und die Sachen abholen konnten. Dann fuhren wir zurück zur Landestelle auf dem Campingplatz, holten das Boot aus dem Wasser, luden die Böden und den Motor ein und hievten das Boot aufs Autodach.
Zu guter Letzt machten wir noch einen kleinen Umweg an der DLRG-Station vorbei, um uns bei unseren netten jungen Helfern persönlich und mit einem angemessenen Trinkgeld zu bedanken.
Tja, alles noch mal gut gegangen. Auf der
Verlustliste stehen ein paar Kleinteile vom Angelzeug, die Sonnenbrille meines
Freundes, der zuvor gefangene Dorsch und der besagte Abscherstift.
Am Heimathafen angekommen, stellten wir nämlich fest, dass offensichtlich beim
Start die Schraube an einen Stein gekommen war und der Abscherstift seiner
Sicherheitsfunktion nachgekommen war. Ein Ersatzstift war in der
Motorverkleidung befestigt, so dass der Motor schnell wieder repariert war.
Gut, hätten wir mehr Ahnung von Bootsmotoren gehabt, hätten wir diese Reparatur
auch vor Ort ausführen können, aber das war uns ziemlich egal.
Der entscheidende Gedanke, der durch die Havarie aufgekommen ist, ist der, dass wir trotz der festen Überzeugung, alles Mögliche und Notwendige für die Sicherheit unserer Tour getan zu haben, gar nicht weit von einer gefährlichen oder sogar lebensbedrohenden Situation entfernt waren.
Was wäre gewesen, wenn ein einfacher und in einer Viertel- bis halben Stunde behebbarer Motorschaden wie der Bruch des Abscherstiftes, dann eingetreten wäre, als wir das Gewitter auf uns zu kommen sahen? Vielleicht wären es genau die entscheidenden Minuten gewesen, in denen wir auf dem offenen Meer schutzlos dem Gewitter ausgesetzt gewesen wären.
Und auch wenn nur einer von drei aufgerufenen Wetterdiensten das Auftreten von Gewittern für möglich hält, werde ich in Zukunft in einer vergleichbaren Situation die Frage 2 mit einem klaren NEIN beantworten.
Ich hoffe, diese Geschichte, die jetzt, wo ich sie niederschreibe, gerade mal eine Woche alt ist, trägt dazu bei, den einen oder anderen Leser noch mehr zu sensibilisieren.
Heinz-Peter Lattko
PS:
Gedanken und Meinungen zu dieser Geschichte können hier ausgetauscht werden
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Kommentare
ja, sowas passiert wenn man sich zu sicher fühlt. Habe selber mit einem 18 meter Boot ähnliches erlebt, war auf den Oarkneys zum Angeln ( übrigens Tolle Fänge) und bevor ich die Rückreise über die Nordsee antreten wollte ebenfalls entsprechende Wetterberichte eingeholt, man sprach von gutem Wetter bis Mittag dann eine starke verschlechterun g bis 6-7 BF. O.K. trotzdem begann ich alleine !!! die Rückfahrt. OK, 2 Motoren also auch zwei Schrauben alles ging gut bis ca. 20 Sm vor den Niederlanden, dort liegt mein Boot im Ijselmeer, hier wurde aus 6-7Bf plötzlich wesentlich mehr, (im Nachhinein erfuhr ich dann 8-10 in Böhen ......
laut meinem Radar war in der Nähe ein weiteres Schiff, welches ich ansprach, nach 3 maligem Ruf meldete sich dieses mit Neederlandse Rijkspolizei Küstenwache.. dass war OK denn bei mir versagte plötzlich ein Motor, klar mit einem gehts auch noch gut vorrann. aber der Teufel steckt im Detail, nach einer weiteren 1/2 Stunde gab auch der zweite Motor keine Leistung mehr ab. Freundlicher weise nahm mich die NL Küstenwache ins schlepp, bei dem Seegang keine kleinigkeit, und schleppte mich in den Hafen bis nach Amsterdam. Dort kümmerte sich gleich ein Maschinist der Küstenwache um meine Motoren, aber die waren in Ordnung, der Taucher fand dann den Grund ... ein paar Netzstücke von Fischern als Beschädigt also kaputt im Meer gelassen wurden durch den Seegang der bis zum Grund aufgeühlten See an die Oberfläche getrieben und haben sich nacheinander in den Schrauben verfangen. Klar haben wir abends noch tüchtig gefeiert, aber es hat mir zum Nachdenken verholfen, bisher war ich immer dagegen (auch wegen der Kosten ) aber jetzt habe ich an beiden Schrauben ein (Messer) das zertrennt eventuel angezogene Netzteile und Stoff.
Also, Vorsicht und ein Paar Euro sind wertvoller als eine Havarie auf See, außerdem wurde mir im nachhinein klar, dass es schon ein wenig Leichtsinnig war so völlig allein diese Tour zu unternehmen, also in Zukunft auch mindesten 2 Kameraden an Bord.
Petri Heil