Das unbekannte Nass
Das unbekannte Nass
Auf der Suche nach Zandern im Land
des Weines
In Frankreich gibt es wunderbare
Weine, leckeren Käse, Baguette an jeder Ecke - und Zander? Im Juli 2006 erfuhr
ich, dass ich ab Oktober in der kleinen Stadt Cambrai in Nordfrankreich nahe Lille
meiner Tätigkeit als Sprachassistent für Deutsch nachgehen würde. Die Freude
hielt sich in Grenzen, denn Wunschorte waren eigentlich Nizza und die
Atlantikküste. Doch wie so oft, das vermeintlich Schlechte wird besser als man
dachte.
Nachdem ich meine Koffer in meiner neuen WG verstaut hatte, machte ich mich sofort auf die Suche nach einem Angelladen. Ein schwieriges Unterfangen, wenn selbst das Touristenbüro nicht helfen kann. 50 Euro zahlt man für eine Jahreskarte, in der man in der Region Nord-Pas-de-Calais in allen öffentlichen Gewässern angeln darf. Schnäppchen! Natürlich hatte ich in Deutschland schon recherchiert und gleich den Kanal entdeckt, der durch Cambrai fließt und 15 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt ist. „Bien sûr qu'il y a du sandre dans le Canal!" Alles klar, Zander ist vorhanden, Hecht eher weniger, Barsche wohl auch.
Der Reiz eines neuen, unbekannten Gewässers ist für mich sehr hoch, vor allem, wenn man absolut nichts über die neuen Jagdgründe weiß. Zunächst besichtigte ich das Gewässer ausgiebig, ohne Angel. Es gibt zahlreiche Schleusen, kleinräumig aber interessant. Einen toten Arm gibt es und ein altes Hafenbecken. Hier muss doch was zu holen sein, dachte ich mir. Am nächsten Tag ging ich gleich los und konnte prompt ein paar Minizander fangen, direkt an der Schleuse, zudem Barsche von 30cm. Ich war sehr zufrieden, da ich zandertechnisch gesehen noch nicht so bewandert bin.
Gefangen habe ich mit kleinen Attractoren in perlbraun (3-5cm). Auf größere Köder bekam ich leider keine Bisse. Drei Wochen lang habe ich geangelt und viele kleine Zander bis maximal 32cm gefangen, sowie viele schöne Barsche und das immer an den verschiedenen Schleusen.
Ich habe unzählige Kilometer absolviert und nicht einen vernünftigen Zander gefangen. Mit meinem Freund Jérémy, den ich am ersten Tag kennen lernte, habe ich beschlossen, das Hafenbecken genauer abzutwistern, da dort normalerweise bessere Zander gefangen werden. Ach so, Twistern geht hier fast niemand und wenn, dann kurbeln sie die Gummis wie Blinker durch das Wasser.
„Au vif" wird hier geangelt, also mit lebendem Köderfisch und natürlich auf Brassen und Karpfen. Mein Kumpel Birger hat mir ein Paket geschickt mit neuen Gummis, darunter auch perlbraune Attractoren in 7cm mit den nagelneuen Flachköpfen vom Profiblinker. Jérémy und ich begannen eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang (hier darf man eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang und eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang angeln). Schon beim dritten Wurf bekam ich den ersten lang ersehnten trockenen und kräftigen Zanderbiss in der Absinkphase. Sitzt! 45cm, mal ein Zander, der nicht zwischen 15 und 20cm groß ist.
Am Abend konnte ich noch einen 55er nachlegen sowie eine dicke Brasse, die den Köder regulär genommen hatte. Alles auf die 7er Attractoren mit den neuen Köpfen, die für eine längere Absinkphase sorgen.
Zudem fing ich viele Barsche, Jérémy am Ende noch einen 40ger Zander. Nun denn, hier geht also doch was. Warum hab ich nicht schon vorher konzentrierter im Hafen geangelt? Diese Frage stelle ich mir immer noch. Gleich am nächsten Tag ging ich wieder los, diesmal allein. Und siehe da, schon sitzt ein Köfiangler auf meiner Fangstelle des Vortages. Habe mich daneben gestellt, natürlich vorher freundlich gefragt.
Erster Wurf, zweites Anrucken und rums! Der ist besser. 60cm!!!
Meine Freude war riesig. Vor allem, weil ich anschließend noch 4 Zander fangen konnte, alles in einer halben Stunde vor Sonnenuntergang, alles auf den gleichen Köder wie am Vortag. Die anderen hatten um die 45 cm, zufrieden war ich allemal. Die Angler staunten, wie schnell ich zu meinen Fischen kam und alles auf Gummi. Sie blieben Schneider, obwohl sie mitten zwischen den Zander angelten. Schlecht wurde ihnen, als sie sahen, dass ich alle Fische zurücksetzte. Das konnten sie nicht nachvollziehen. Hier in Frankreich ist C&R erlaubt und ich als Anhänger dieses Vorgehens kann hier ohne Schelte dem Releasen nachgehen, ein Traum!
Natürlich bin ich auch am nächsten Tag los, diesmal in der Früh und ich fing sofort einen 50ger und einen 40ger, noch im Dunkeln. (40ger.jpg) Am Abend konnte ich einen weiteren 60ger verwandeln und 3 kleinere Zander, diesmal auf einen knallroten Kopyto mit Glitter. UNFASSBAR, dachte ich mir.
In den nächsten Tagen wurde es merklich wärmer, um die 15 Grad, nachts nicht kälter als 9 Grad. Und das Mitte November.
Ich konnte nur noch Bisse verzeichnen, viele, jedoch keine Fische mehr fangen, hier und da mal einen kleinen Zander und Barsche natürlich.
Dafür konnte ich einige Brassenkontakte verzeichnen: Schleim auf der Schnur und quer gehakte Fische. Was kann man nun aus dieser Zeit lernen? Eins ist klar: wer anders angelt als die anderen, der fängt meist besser und Gummis für Zander, ob Twister oder Shads, sind in meinen Augen, meistens allen anderen Ködern überlegen. Der bei uns als so tödlich geltende verbotene lebende Köderfisch ist hier in Cambrai zumindest die absolute Lachnummer. Ich habe mit vielen Anglern gesprochen, die Fangen teilweise nur 3 maßige Zander im Jahr, gehen aber verhältnismäßig oft los.
Außerdem: wo Brassen, da Zander. Diese Regel kann auch mein Kumpel Birger bestätigen, der sehr viel auf Zander angelt. Wenn man im Winter die Brassenschwärme gefunden hat, also Schnurschwimmer hat und Fische querhakt, dann sind die Zander meist nicht weit. Diese Regel bestätigt sich auch hier in Nordfrankreich. Wenn man an ein neues Gewässer kommt, sollte man sich zunächst auf die vermeintlichen Hotspots konzentrieren, in meinem Falle auf die Schleusen und das Hafenbecken. In dem größeren Hafenbecken im Vergleich zu den Schleusenbereichen fing ich die besseren Fische. Auch wenn es mal tagsüber nicht gut beißt, in den Morgen und Abendstunden und teilweise schon im Dunkeln kann man eine kleine Sternstunde erleben, die einem den Tag retten kann. Tagsüber lässt die Beißerei oft nach. Wenn ein ein paar Grundregeln beachtet, dann bleiben einen mühselige Stunden an einem neuen Gewässer erspart. Ausnahmen gibt es immer und das ist ja auch gerade das interessante am Angelsport.
Beim Zanderangeln muss natürlich beachtet werden, dass es Phasen gibt, in denen man nur Bisse bekommt und keinen Biss verwandeln kann. Jedoch ist dies ein gutes Zeichen, zumindest weiß man, wo die Fische stehen, stimmt der Tag und das Wetter, wird man sie fangen. Ich warte nun auf einen erneuten Kälteeinbruch, werde aber dennoch testen, ob sich zwischenzeitlich etwas am Beißverhalten geändert hat. Natürlich werde ich weiter testen, also große Köder verwenden, andere Bereiche abtwistern. Denn unverhofft kommt ja bekanntlich oft. Und auch wenn der Käse hier schmeckt und auch der Wein und das Baguette, auch wenn meine Mitbewohner und die Lehrer und Schüler nett sind, die Zander sind und bleiben die Zuckerstücke, die mir die Zeit hier versüßen! J
In diesem Sinne, allzeit Petri Heil und schöne Fische...
Steffen
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