Leseprobe: Am Fluss
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November Rain
In den Bergen im Nordwesten Britisch Columbias entspringt der Fluss Skeena, der mit einer Länge von 570 Kilometern eines der längsten unregulierten Fließgewässer der Erde ist. Lachsangler aus aller Welt finden sich hier alljährlich ab Anfang Juni ein, wenn die Saison mit dem Aufstieg der mächtigen Königslachse (King) beginnt. Später folgen mit dem Chum Salmon, Sockeye, Pink Salmon und Coho vier weitere Lachsarten. Weiterhin ist der Skeena einer der weltbesten Flüsse für den Fang von wildlebenden Regenbogenforellen (Steelhead), die hier Gewichte bis zu 15 Kilogramm erreichen.
Ursprünglich lebte am Skeena das Volk der Tsimshian, dessen Name übersetzt „Volk inmitten des Skeena-Flusses" bedeutet. Von den heute noch lebenden 10.000 Ureinwohnern wohnen etwa 8500 in Kanada. Sie ernähren sich hauptsächlich vom Fischfang, sowie der Jagd nach Robben und Seelöwen. Einige betreiben Angel-Lodges am Skeena, denn der Lachstourismus ist eine lohnende Einnahmequelle.
Ein befreundeter Angler aus einer Nachbarstadt fischte viele Jahre lang Lachse in Schottland und Norwegen. Vor einigen Jahren zog es ihn schließlich nach Kanada, und in der Nähe der Ortschaft Terrace fand er in einer kleineren Lodge direkt am Skeena seine neue Angelheimat. Ende der neunziger Jahre lud Robert seinen Sohn Jens auf eine gemeinsame Angeltour dorthin ein. Jens war damals 20 Jahre alt, er studierte Musik in den Niederlanden und ist heute auf dem Weg, ein erfolgreicher Studiomusiker zu werden. Die beiden hatten in der Vergangenheit schon öfter in Norwegen auf Lachse gefischt. Jens ist ein begeisterter Fliegenfischer, daher war er ein wenig skeptisch, als sein Vater von den Angelmethoden erzählte, die am Skeena angesagt und erfolgreich sind.
Dort wird mit schwerem Gerät auf den Chinook, wie Einheimische die Königslachse nennen, geangelt. An einer Seitenarm-Montage hängt hierbei ein Gewicht von 80 Gramm, getrennt durch einen Dreiweg-Wirbel, an der Hauptschnur mit einem Durchmesser von 0,50 mm. An die letzte freie Öse des Wirbels bindet man das Vorfach von etwa einem Meter Länge, an dessen Ende ein „Spin-n-Glow" befestigt wird. Dies ist eine Spinnvorrichtung mit zwei farbigen Flügeln, die wie eine Turbine von der Strömung gedreht wird und durch die Bewegung und grelle Farbe Fische anlockt und zum Biss verleitet. Nachgeschaltet ist ein Einzelhaken, bestückt mit konservierten Lachseiern. Die gewichtige Montage platziert man vom Ufer aus im Winkel von 80 Grad im Wasser, stellt seine Angelrute in einen Halter und wartet auf den Anbiss eines Lachses.
Robert und Jens buchten in der zweiten Juniwoche einen Flug von Düsseldorf nach Vancouver. Von dort aus gelangten sie mit einer kleineren Maschine zum Flugplatz von Terrace und trafen am frühen Abend am Reiseziel ein. Nach ein paar Stunden Schlaf, einem Frühstück und der Montage ihrer Ruten, saßen sie im Boot der Lodge, das sie zu ihrem Angelplatz brachte. Mit von der Partie waren drei weitere Angler, nebst dem Guide der Anlage. Es befand sich bereits eine große Anzahl von Kings im Fluss, daher konnte sich jeder Lachsfischer am Ende des Tages über den Fang mehrerer Fische freuen, von denen jeweils einer entnommen werden durfte. Am folgenden Tag ging es erneut auf Angelfahrt. Während Robert die Stunden am Fluss in vollen Zügen genoss, stellte sich bei Jens schon am zweiten Abend Langeweile ein. Ihm lag diese Art der Fischerei überhaupt nicht, daher wollte er lieber mit einer leichten Fliegenrute in einem nahegelegenen Bach auf Forellen angeln. Außerdem beabsichtigte er auf seiner mitgebrachten Gitarre während des Urlaubs an einigen neuen Musikstücken zu arbeiten. Robert war das recht, daher gingen Vater und Sohn ab nun getrennte Wege.
Jens schlenderte am nächsten Vormittag durch die nahegelegene Siedlung und frühstückte im Pub des Ortes. Eine junge Frau von vielleicht 25 Jahren bediente ihn und sie kamen ins Gespräch. Sheila war eine waschechte Tsimshian. Sie arbeitete als Aushilfe in dem kleinen Lokal, in dem sie auch gelegentlich als Sängerin einer Band auftrat. Da sie erst am Abend wieder arbeiten musste, beschlossen die beiden jungen Leute, den Nachmittag miteinander zu verbringen. Jens brachte seine Gitarre mit zu Sheilas Haus und auf der Veranda sangen sie gemeinsam einige ihrer Lieblingssongs der amerikanischen Rockband „Guns N` Roses": „...nothing lasts forever even cold November rain..."
Während der verbleibenden Urlaubswoche sahen sich Robert und Jens nur noch zum Abendbrot. Robert erzählte begeistert vom Angeltag und sagte zu Jens, er solle doch wieder einmal mit zum Angeln an den Fluss kommen, schließlich hatte die Fahrt eine Menge Geld gekostet. Jens meinte, er wolle lieber mit einem netten Mädchen, das er kennengelernt hatte, Musik machen anstatt zu angeln.
Er traf sich also weiterhin mit Sheila, denn die beiden waren sich nicht nur musikalisch näher gekommen. Am Abend vor ihrer Abreise eröffnete Jens seinem Vater, er habe sich entschlossen, die Frau zu heiraten, von der er erzählt hatte. Robert war perplex! Obwohl die beiden ein freundschaftliches, offenes Verhältnis haben, ahnte Robert nichts von dieser tiefen Zuneigung seines Sohnes zu seiner Bekannten. In einem langen Gespräch überzeugte er seinen Sohn jedoch, zumindest wieder mit zurück nach Deutschland zu fliegen, die Sache in Ruhe zu überdenken und dann einen Entschluss zu fassen. Jens willigte schließlich in den Vorschlag ein.
Als sie am folgenden Morgen mit gepackten Koffern vor der Lodge auf den Transfer zum Flughafen warteten, fuhr ein alter Dodge-Transporter vor. Ihm entstiegen zwei Männer, gingen auf Robert zu und hielten ihm eine Rechnung entgegen. Auf dieser waren alle Zeiten notiert, die Sheila und Jens gemeinsam verbracht hatten. Die Summe betrug knapp 1100 kanadische Dollar und die resolut auftretenden Männer akzeptierten ausschließlich Barzahlung.
Das neue Buch von Georg Rosen „Am Fluss"
Gewandt und mit feinem Humor erzählt Georg Rosen in 29 Kapiteln Geschichten, die sich rund um das Lachsfischen drehen. Ergänzt wird das Buch durch imposante Farbfotos und künstlerische Arbeiten, die den Kurzgeschichten einen zusätzlichen Reiz verleihen. 160 Seiten, hochglanz.
Das Buch kostet 19,80 Euro (1. Auflage 2006)
Lieferung frei Haus (Deutschland) Europa: 3,00 Euro
Bestellung: Salmo Verlag, Marienstr. 6, 49808 Lingen, Tel: 0591-2920
Fax: 0591-4198 E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
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