Ausgabe Mai 2012

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    Technisches Hilfswerk - Wie es zur Angelrolle für "Einarmige" kam..

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    Technisches Hilfswerk

     

      Eine Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte

     

     

    Seit dem 30.Mai 2004 ist für mich nichts mehr so wie es vorher war.

    Nachdem man mich irgendwann Mitte Juni aus dem künstlichen Tiefschlaf holte, dämmerte mir trotz starken medikamentös bedingten Wahrnehmungsstörungen langsam, dass etwas Schlimmeres passiert sein mußte, denn dort, wo sich eigentlich mein linkes Bein befand, lag nur ein verbundener Stumpf.

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    Zögerlich und häppchenweise klärte man mich auf der Hochintensivstation des Universitätsklinikums über den schweren Motorradunfall auf und nach etwas mehr als zwanzig Operationen unter Vollnarkose wurden mir die lebenslangen Folgen  schlagartig klar, als ein Orthopädietechniker das Wort „Rollstuhl" fallen ließ und meine Körpermaße nahm, um eben diesen passend zu bestellen.

     

    Die zahlreichen Frakturen und Traumata heilten ganz gut ab, aber der rechte Arm, der über den gesamten Zeitraum vollkommen bandagiert in einem Schlingengestell hing, ließ sich nicht mehr bewegen. Und das sollte auch für immer so bleiben. Plexusläsion durch Wurzelausriss und irreparabel. Na, toll!

     

    Im August war der Rest des linken Oberschenkelsanzeige_geoff-anderson_50x5.jpg soweit belastbar, dass man mir einen „Kelch" für den Stumpf anpasste und eine prozessorgestützte Beinprothese anschraubte, mit der ich langsam wieder das Laufen lernte. Parallel dazu brachte ich mir das Schreiben,  Rauchen und Pinkeln mit der linken Hand bei, da meine rechte ja für immer in die Hosentasche verbannt worden war.

     

    3 Monate später, im November, ein paar Tage vor meinem 39. Geburtstag und nach unzähligen Trainingseinheiten mit meinem sensationellen Physiotherapeuten Frank, stuften mich die Ärzte als überlebensfähig ein und entließen mich nach Hause, wo neben meiner Frau Laura auch mein inzwischen 2 jähriger Sohn Tim und Ridgebackhündin Beira auf mich warteten. Tja, und jetzt?

     

    Nach Monaten des Grübelns meldete ich meine kleine Maschinenbaufirma, die zwischenzeitlich geruht hatte, beim Finanzamt ab und verkaufte unser so liebgewonnenes, altes Wohnhaus. Wir zogen in ein behindertengerechtes Einfamilienhaus direkt am Wasser. Auch nicht schlecht.

     

    Und so ganz allmählich bekam ich den Alltag wieder in den Griff.  Der Prozess gegen den Unfallverursacher ging zu meinen Gunsten aus. Ich war jetzt mit 40 Jahren Frührentner und hatte viel Zeit, aber leider nicht mehr alle körperlichen Möglichkeiten.

     

    Viele Dinge wie Rasen mähen, Hecke schneiden usw. konnte ich gottseidank nicht mehr machen. Das galt leider auch für meine Hobbies.

     

    Meine Leidenschaft für den Marathonlauf? Natürlich erledigt! Rennrad fahren? Geht auch nicht mehr! Motorrad fahren mit Stützrädern? Untersteh`dich! In der Feierabendband Gitarre und Saxophon spielen? Abhaken, kein Instrument ausser Trompete lässt sich einhändig spielen.

     

    Dann blieb eigentlich nur noch das Angeln, welches ich in den letzten Jahren in erster Linie aus Zeitmangel  sträflich vernachlässigt hatte. Der Virus wurde mir aber schon früh im Alter von 7 Jahren eingepflanzt, als ich während des Familienurlaubs in Holland unter Anleitung meines Vaters Aale fing. Schnürsenkel zwar, aber dafür einen nach dem anderen.

     

    Also inspizierte ich meine Gerätschaften und stellte schnell fest, dass man mit nur einer Hand wirklich sehr limitiert ist. Ruten mit Rollen schieden deshalb aus, es kam nur eine Kopfrute mit starkem Gummizug in Frage, um damit auch größere Weißfische landen zu können.

     

    Das klappte wider erwarten auch ganz gut. Kleinere Probleme, wie die Made an den Haken zu bringen oder den Fisch sicher landen und versorgen zu können, wurden mit  Hilfsmitteln, wie Arterienklemme, Abhakmatte usw., behoben.

     

    Es mag vielleicht etwas länger dauern und ungelenk aussehen, aber man kann es ganz alleine bewerkstelligen. Die größte Herausforderung bestand darin, mit Gepäck und Beinprothese möglichst unfallfrei die Uferböschungen entlang zu torkeln. Aber egal...Endlich mal wieder kleine Erfolgserlebnisse!

     

    Trotz alledem wurmte es mich aber gewaltig, nicht mit der Rollenrute auf größere Fische angeln zu können. Die Schönheit eines gelungenen Wurfes, die Freude über den perfekt plazierten Wobbler, die konzentrierte Köderführung bis zum ersehnten Ruck. All das fehlte mir und so reifte  der Entschluss eine Rolle zu bauen, die es mir ermöglichen würde, alleine und einhändig auf Safari zu gehen.

     

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    Die Idee, eine elektronische Multirolle zu verwenden, wurde verworfen, da ich die Vorteile der Stationärrolle nicht missen mochte. Also wurde eine Akkuwinkelbohrmaschine von Makita an eine entsprechend modifizierte Stationärrolle adaptiert. Und siehe da, man konnte damit Angeln.

     

    bild_2_rolle_mit_akkuschrauber.jpg

    Aber mehr auch nicht, denn der Trumm wog 1,6 kg und entpuppte sich sowohl ergonomisch wie auch optisch als Katastrophe. Aber die Makrelen flogen mit geschätzten 30 km/h an Deck!

     

    Das nächste Experiment geriet schon etwas besser. Ein Modellbaumotor wurde auf die  Kurbelwelle der Rolle gepflanzt, gegen Mitdrehen gesichert, an einen elektronischen Bohrmaschinenschalter angeschlossen und aus Gewichtsgründen von einem externen Akku mit Spannung versorgt. Der Motor war zwar etwas schwach, aber ich war stolz und mir sicher in die Geschichtsbücher des Maschinenbaus einzugehen, bis der Regen kam und mein Konstrukt mit einem lauten „Popp" und fiesem Zischeln an einer einsamen Uferböschung verrauchte. Ich konnte die Fische lachen hören.

     

    Das war der Punkt, an dem ich beschloss, die Bastelei zu beenden und etwas von Grund auf Neues zu entwickeln. Als Maschinenbaumechanikermeister brachte ich die entsprechenden Voraussetzungen dafür mit. Eine elektronische Stationärrolle, bei der man keine Kompromisse eingehen muss um fertige Bauteile zusammenzubringen, die eigentlich nicht füreinander bestimmt sind.

     

    Ich setzte mich mit einem guten Freund aus Schleswig Holstein zusammen, von dem ich wusste, dass er im CAD Bereich eine Koryphäe ist, und wir konstruierten über mehrere Monate die Rolle mit Hilfe eines 3D Zeichenprogrammes an unseren Laptops. Wirklich erstaunlich, was man damit so alles anstellen kann und um so rätselhafter, wie man davor überhaupt Autos bauen konnte.

     

    Parallel dazu wollten wir überprüfen, ob unser virtuelles Produkt eventuell sogar patentfähig sei. Der Landkreis bot im Rahmen der Wirtschaftsförderung kostenlose sogenannte Erfinderseminare an. Wir bekamen einen Termin und es stellte sich bei diesem Gespräch heraus, dass die Berater Mitarbeiter eines gewinnorientierten Unternehmens waren, das auch Patentrecherche betreibt. Wir tappten in die Falle und bekamen für viel Geld etwas Papier. Es handelte sich um Auszüge aus  Datenbanken, in denen sehr weitläufig patentierte Erfindungen aus dem Bereich „Angelrolle" dokumentiert wurden. Immerhin war ein  Patentauszug eines Japaners aus den frühen 70ern dabei, dessen Zeichnung der unseren entfernt ähnelte und wir hatten schlussendlich die Gewissheit, dass es so etwas noch nicht auf dem Markt gab.

     

    Patente laufen nach 25 Jahren aus, können aber verlängert werden. Geschieht dies nicht, ist das Patent „verbrannt" und somit Stand der Technik.

     

    Die Sache gestaltete sich auch deshalb schwierig, da die „Erfindungshöhe" nicht ausreichend sei. Wir hätten wahrscheinlich schon eine Brennstoffzelle einbauen müssen, um patentwürdig zu sein. Manche Firmen knicken ein Flacheisen und lassen es anschließend patentieren, um die Konkurrenz zu ärgern und zu konstruktiven Umwegen zu zwingen.

     

    Ein Geschmacks- oder Gebrauchsmusterschutz war auch keine Alternative, da sie wachsweich zu umgehen sind, die Marktüberwachung sehr aufwendig und teuer ist, von den eventuellen Prozesskosten ganz zu schweigen. Ein gewiefter Patentanwalt versicherte uns später, dass so etwas ganz schnell fünfstellig werden kann und warnte uns vor der typischen „Erfindereuphorie". Er kannte Menschen, die für ihre Idee Haus und Hof opferten und sich dann, als die Idee gescheitert war, nicht mehr davon erholten. Diese Menschen waren aber auch nicht mit meiner Frau verheiratet.

     

    Wir machten ohne Patent weiter und haben bei einem Betrieb für Feinmechanik die zu fräsenden Teile der ersten beiden Prototypen in Auftrag gegeben. Man spürte sofort das Engagement der Leute dort, nachdem wir vorher bei mehreren Firmen abgewimmelt wurden (zu aufwendig, zu geringe Stückzahl, zu viel Arbeit für wenig Geld). 2007 hatten diese Firmen aber auch noch mehr als genug zu tun...

     

    Als Organspender wählten wir die Penn Slammer 360 aus, da sie sehr robust und ohne modischen Schnickschnack gebaut ist. Solche Teile wie Spule, Schnurfangbügel oder Zahnräder brauchte man nicht neu zu erfinden. Und sie wurde - China sei  Dank - auch erschwinglicher, ohne irgendwelche Abstriche bei der Qualität machen zu müssen.

     

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    Weitere Wochen später hatten wir die Hardware zusammen und der mit Spannung erwartete Zusammenbau konnte beginnen. Und dank der sorgfältigen Konstruktion und Simulation am Laptop, der perfekten handwerklichen Ausführung des Feinmechanikers, gelang die Montage problemlos und auch die Funktion begeisterte auf Anhieb.

     

    Was dann folgte war ein zwölfmonatiger Testmarathon, der mich unter anderem zweimal für 10 Tage nach Smöla / Norwegen führte. Mit der Dieselschnecke fuhren wir bis maximal 3 km vor die Küste und fingen ganz ordentlich, aber nicht mehr so wie in den Jahren zuvor. Doch das schöne war, die Rollen liefen tadellos und zeigten keinerlei Funktionsstörungen. Die Mischung aus Drehzahl und Kraft ließ sich gefühlvoll handlen, wir wollten keine Seilwinde für Fisch, aber jederzeit genügend Reserven für den Drill.

     

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    Erstaunlich war der geringe Stromverbrauch der Elektrorolle. Ich hatte mir einen Wft Lithium-Ion Akku mit 14,8 Volt und sagenhaften 9,6 Ah bei etwas über 800 Gramm Gewicht gegönnt. Obwohl ich solchen Leistungsdaten (und Verkaufspreisen) sehr skeptisch gegenüber stehe hat mich dieses Kraftpaket überzeugt und ist eigentlich ein Muss für jeden Elektrorollenfischer. In den 10 Tagen habe ich ihn, trotz schwerer Pilker, manchmal 190m auf dem Echolot und zehnstündigen Törns, nur ein einziges mal nachladen müssen.

     

    Unser Entschluss, von der Rolle eine kleine Serie herzustellen, stand fest, nachdem ich sie meinen Bootskollegen immer häufiger leihen musste und sie diese nicht mehr hergeben wollten.

     

    Handlungsbedarf bestand aber bezüglich des provisorischen Bohrmaschinenschalters. Da wir keine Elektroniker sind, taten wir ein kleines Hamburger Ingenieurbüro auf, welches sich auf die Entwicklung verschiedenster Elektronikkomponenten spezialisiert hatte. Der mit Kabeln, Steckern, Platinen und Messgeräten übersäte Arbeitsplatz von Arno, auf den man keine Kaffeetasse mehr abstellen konnte, ließ uns zwar erst zusammenzucken, aber Elektroniker sind so und die prozessorbestückte Platine funktionierte hervorragend.

     

    Wir zeichneten das Elektronikgehäuse, welches für alle Ruten passend verstellbar ausgeführt werden sollte und änderten noch ein paar kleinere Details an der Rolle.

     

    Bevor es dann aber richtig los ging, musste erst eine GmbH gegründet werden. Ein Vorgang, der in dem ach so reglementierten Deutschland wider erwarten problemlos und zügig von statten ging.     

                                                                                     

    Nun stand dem Bau der Kleinserie eigentlich nichts mehr im Wege.

    W. Bült
    www.reelex.de

     

    Kommentare 

     
    0 #1 Micha 2009-12-04 13:14
    Behalte Deinen Lebensmut und Dein Erfindertum ich finde Deine Idee super.Schöne Feiertage einen guten Rutsch und immer einen guten Fang.
    Petri Heil Micha aus Beeskow
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    0 #2 Seifert 2009-12-04 16:40
    Toll gemacht -das gilt sowohl für die Bewältigung dieser Lebenskrise als auch für den Erfindungsreich tum.
    Es zeigt sich immer wieder: Behinderte können (fast)alles,geb t ihnen Chancen im Arbeitsleben - natürlich auch sonst!!
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    0 #3 Stefan Nitsch/slowhand 2009-12-04 19:29
    Ich bin derjenige, der Eure Rolle bei ebay entdeckt und hier im Board den entsprechenden Trööt angezettelt hat(\\\"Für Einarmige und ganz Bequeme...), natürlich ohne die Hintergründe der Entwicklung zu kennen. Erstmal Hut ab und großen Respekt vor soviel Willenskraft und Einsatz! Da tut es mir doch leid, daß mein Trööt z.T. ins Lächerliche abgedriftet ist, nicht zuletzt durch mich...
    Nur muß ich auch betonen, daß der eigentliche Zweck dieser Rolle, bzw. die eigentliche Zielgruppe weder auf Eurer Internetseite, noch in dem ebay-Angebot angesprochen wird, was auch durch die Reaktionen im Trööt deutlich wird.
    Ich würde mich freuen, wenn Du im Trööt kurz auf diesen Bericht im Magazin hinweisen könntest oder ein Mod den Trööt einfach löscht, da er meiner Meinung nach so wie er jetzt aussieht, der Sache bei weitem nicht gerecht wird... Oder ich mache das einfach, ich würde mich aber über einen persönlichen Kommentar von Euch sehr freuen!

    Wünsche alles Gute!

    Stefan
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    0 #4 Martin Grosso 2009-12-04 20:49
    Hi !Sorry hatte keine Zeit zu Antworten war im Ausland .... habt Euch da ja echt was exclusives Einfallen lassen ... finde ich toll .... das Dir das Angeln auch wieder Lebensmut gegeben hat .... mir nämlich auch ... bei mir hat es gedauert aber der erste Drill und ich wusste es geht wieder ein bichen Berg auf .... Gruß Märt .... www.after-crash.de
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