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Ausgabe Januar 2018

Winnetous Äsche

Winnetous Äsche

Es ist ein herrlicher Spätsommertag. Einer dieser Tage, an denen die Sonne sich noch einmal besonders anzustrengen scheint, um Luft und Erde aufzuwärmen, um die Insekten auf Betriebstemperatur zu bringen und somit auch den Tisch für die Fische in unserem kleinen Flüsschen zu decken.
Es schwirrt und schwärmt überall. Winzige Mücken werden von den Sonnenstrahlen in goldene Fünkchen verwandelt, die scheinbar wirr und ziellos in rasendem Tempo umeinander kreisen. Die Luft ist warm, aber feucht und schwanger mit dem Geruch von Wasserminze und Mädesüß.

Wieder einmal habe ich die Fliegenrute gepackt und will sehen, was sich mit den kleinen Kunstwerken aus Federn überlisten lässt.
Mannshoch ist der Uferbewuchs, ein Verhau aus Brennnesseln, Kletten und Brombeerranken. Schmale Pfade im Bewuchs zeugen davon, dass ich nicht der erste und einzige bin, der hier sein Glück versucht. Aber heute gehört mir das Flüsschen alleine.

anzeige_pitsangelreisen_50x.jpgBald bin ich am Ufer und beginne mit sanften Schwüngen Länge zu gewinnen. Immer darauf bedacht, die Fliege nicht im hohen Bewuchs hinter mir zu parken. Dann legt sich die kleine Sedge auf´s Wasser, treibt ab und wird ignoriert. Doch nicht lange. Schon beim dritten Wurf steigt eine schöne Rotgetupfte und nimmt die Sedge. Der Drill dauert nicht allzu lange und ich habe sie am Ufer. Jetzt, zu dieser Jahreszeit scheinen die Bachforellen besonders schön zu sein. Die Fische sind wohlgenährt und kräftig, die Farben satt und leuchtend.

Schnell ist die Fliege entfernt, ohne den Fisch aus dem Wasser zu nehmen und weiter geht es.
So fische ich einige hundert Meter das Ufer entlang bis ich an die große Brachfläche gelange.
Hier hat irgendjemand irgendwann eine größere Fläche bis zum Ufer mit Split und Kies verschüttet und planiert. Keiner weiß mehr wer und wieso. Der Bewuchs ist hier eher spärlich. Kamille und Mohn herrschen vor und zaubern zur Hochzeit ein weiß-rotes Blütenmeer. Jetzt aber ist die Pracht schon fast vergangen, nur einzelne Spätzünder sorgen noch für einen Farbtupfer hier und da.

So verlasse ich den Dschungel, nicht ohne mir zuvor noch eine Brennnessel durch´s Gesicht zu ziehen. Alles ist halt miteinander verwoben und versponnen. Tritt man unten auf eine Ranke, zieht sich oben der Bewuchs zusammen. Natur halt.

Die Brachfläche ist zwar bequem, aber auch recht schwierig. Nichts gibt dem Angler Deckung, kaschiert seine Silhouette. „Auf die Knie, wer fangen will“ heißt die Devise.
So gelange ich in arg gebückter Haltung an die große Rausche. Ein guter Platz für gute Fische.
Viele Erfolg versprechende Würfe hat man hier nicht. Zu wenig Deckung halt. Und der erste Fisch sollte der beste sein, denn um diesen abzuhaken muss man sich zu erkennen geben, muss an´s Wasser. Schon ist man durchschaut und hat erst einmal eine lange Pause. Bis die Fische den Feind vergessen haben.

Drum gilt es, zunächst einmal die Lage zu sondieren. Vorsichtig, Zentimeterweise wird der Kopf gehoben. Die Augen tasten die Wasseroberfläche ab, versuchen in die Tiefe zu dringen. Wo steht der gute Fisch, den man gezielt anwerfen kann.

Der Blick geht zunächst leer aus. Kein Fisch zu sehen. Sie müssen tiefer stehen, viel tiefer.
Förmlich meint man zu spüren wie die Augäpfel beim fokussieren vor und zurück quellen, doch es hilft nichts. Kein Fisch.

Also dann, ein paar Würfe auf Verdacht. Der rechte Arm geht in Position, will grade den ersten Schwung ansetzen, da erstarre ich.
Da, kaum einen halben Meter von meinem Ufer entfernt, dort wo de Strömung an die Uferböschung prallt und einen tiefen Graben gezogen hat, dort ist etwas. Ganz unten, auf dem Grund.
Wieder versuchen meine Augen die Tiefe zu durchdringen. Das Wasser ist hier noch sehr unruhig, verzerrt die Perspektiven und die Umrisse. Doch, jetzt sehe ich es besser. Ein großer, länglicher Körper steht dort in der sanften Unterströmung.

Ein Döbel ?? Das Flüsschen beherbergt durchaus kapitale Exemplare, der hier ist nicht der allergrößte, doch ganz sicher kein schlechter.

Noch mal ganz genau hingestarrt. Nein, das ist kein Döbel. Ich sehe eine große Fahne auf dem Rücken des Fisches. Ich sehe, wie diese von der Strömung sanft hin- und hergewiegt wird. Rhytmisch mit den leichten Bewegungen des Fisches.

Eine Äsche !!! Und was für ein Kaliber !!!

Mir wird heiß. Natürlich gibt es auch Äschen hier, aber so eine Granate hab ich hier noch nie gesehen. Ich versuche sie zu schätzen. 50cm müsste sie haben. Rechne ich noch Optimismus und Lichtbrechung ab, ganz sicher 45. Oder doch mehr ?

Langsam und vorsichtig ziehe ich mich zurück. Es gilt einen Plan zu machen.

Direkt vor meinen Füßen – nein Knien – kann ich sie nicht anwerfen. Das würde den Fisch ganz sicher erschrecken. Also heißt es Abstand zu gewinnen. Fünf, sechs Meter stromab muss ich, dann den Fisch seitlich überwerfen, so dass nur der Köder direkt auf in zu schwimmt. Das kann ich.

Also gedacht, getan.

Nach zwei ergebnislosen Driften wird mir klar, wie dumm mein Vorgehen ist. Einen so tief stehenden Fisch zum steigen zu bringen ist vermessen. Also weg mit der Trockenfliege und eine beschwerte Nymphe angeknotet.

Schwung, Wurf und Abdrift. Perfekt ! Genau so muss es sein.

Genau so sollte es sein. Nach gut einem Dutzend Würfen wird mir klar, dass diese Äsche nicht einfach zu fangen sein wird. Ob sie überhaupt noch dort steht? Von meiner jetzigen Position aus kann ich den Fisch nicht sehen. Ich beschließe, sowieso eine Pause einzulegen und schleiche mich erst mal stromab. In unverdächtiger Entfernung fische ich weiter stromab, fange noch zwei Rotgetupfte und eine mittlere Regenbognerin.

Eine Stunde später bin ich wieder an der Rausche. Werfe zunächst aus sicherer Entfernung den Standplatz der Äsche an, doch vergeblich.
Schluss für heute. Noch einmal robbe ich mich ganz vorsichtig in Höhe des Standplatzes ans Ufer, blicke in die Tiefe. Ja, da steht sie noch. Genau wie vorhin. Aber was soll es, heute scheint sie nicht fangbar und so begebe ich mich heimwärts.

anzeige_zebco_50x50_2004.jpgNeuer Tag, Neues Glück. Am nächsten Nachmittag bin ich wieder zur Stelle. Wieder robbe ich über die Brachfläche ans Ufer, dorthin wo gestern die große Äsche stand. Was ich nicht zu hoffen wagte, ist eingetreten. Die Äsche steht immer noch am selben Platz. Wahnsinn.
Sollte Petrus auf meiner Seite sein? Hat er mir diesen Fisch dort platziert, so lange wie ich brauche um ihn zu fangen ?

Egal, Attacke.

Um den geneigten Leser meiner Geschichte nicht über Gebühr zu langweilen mache ich es kurz. Nix, Nada, Null. Was ich auch versuche, welche Nymphe ich auch präsentiere, die Äsche ist davon völlig unbeeindruckt. Ich bin ratlos, frustriert. Irgendwann muss das Vieh doch mal fressen. Die kann doch nicht ewig dort an dieser Stelle stehen ohne Nahrung aufzunehmen. Ich fasse es nicht. Ich gebe auf.

In der folgenden Nacht träume ich von Äschen. Große Äschen, länger als einen Meter umkreisen meinen Köder, zeigen mit einer Brustflosse darauf und grinsen. Tippen sich mit selbiger an den Kopf nach dem Motto „ Für wie blöd hältst Du uns eigentlich?“

OK. Ihr wollt Krieg ? Ihr bekommt Krieg.

Der nächste Morgen. Indianerstunde. Die Nacht ist schon gestorben, der Neue Tag noch nicht geboren. Laut Karl May genau die Zeit, in der die Indianer am liebsten angreifen. Ich habe beschlossen, dass Petrus ein Blödmann ist und mich Winnetou zugewandt. Der Tau hat den Bewuchs der Brache klatschnass gemacht. Egal, runter.
Nein, nicht auf die Knie, ganz runter, auf den Bauch. Zumindest die letzten Meter. Schlangengleich bewege ich mich zum Ufer. Schlangengleich in etwa wie eine Python, die grade eine Gazelle gefressen hat. Jedenfalls verrät kein Knirschen, kein Schaben, kein brechendes Ästchen mein Annähern. Kurz vor dem Ufer mache ich halt, wende den Kopf und schaue nach oben. Im grauen Lichterspiel des Himmels meine ich Winnetous Gesicht zu erkennen. Wie er mir wohlgefällig zunickt als wolle er sagen „ Hugh weißer Bruder, Genau so geht das. Du machst mir Ehre „

Noch vorsichtiger schleiche ich bäuchlings bis ganz ans Ufer. Jetzt müsste ich genau auf Höhe der Äsche sein. Doch die ist ganz sicher nicht mehr da. Drei Tage hält es keinen Fisch an einer Stelle, niemals. Langsamer als Zeitlupe schiebt sich mein Kopf über die Böschung. Es ist noch nicht ganz hell, aber – ich kann es kaum glauben – da steht die Äsche immer noch, oder schon wieder. Knapp einen Meter trennen mich von der Wasseroberfläche. Dann sind es noch mal knapp zwei Meter bis zum Grund und zur Äsche.

Mein Kopf schiebt sich gaaanz langsam zurück, dafür schiebt sich meine Rutenspitze über die Böschung. Auch gaaanz langsam.

Von oben meine ich ein leises „Ächmmm“ zu hören. Ich blicke hoch und meine nun den alten Petrus zu sehen, wie er missbilligend schaut und mit dem Zeigefinger mahnend winkt. Was will der denn ? Gut, statt einer Fliege oder Nymphe hangelt da ein quicklebendiger Mistwurm am Haken, und die Rute ist auch nicht wirklich eine Fliegenrute, sondern eher eine drei Meter lange, leichte Teleskoprute. So what, es ist Krieg werter Petrus, schon vergessen ?
Ein Stück weiter am Himmel nickt mir Winnetou anerkennend zu. Es ist eine List, keine Schande, mein Freund.

Wenigstens habe ich den Wurm auf den Namen „ Hardy „ getauft so bleibt der Bezug zum Fliegenfischen rudimentär erhalten.

Also, zurück zur Äsche. Die Rute schiebt sich langsam in Position. Der Wurm hängt dicht über der Wasseroberfläche. Knapp zwei Meter darüber klemmt eine winzige Korkkugel an der Schnur. Sie soll mir zeigen, wenn die Äsche den Wurm nimmt. Und das muss sie jetzt ganz einfach tun.

Rollenbügel auf und ab dafür. Der Wurm taucht unter, die Korkkugel treibt haargenau auf die Äsche zu, tanzt ein wenig in der Strömung und wird urplötzlich unter Wasser gedrückt.

Jawoll !!! Anschlag !!!! Hängt !!!

Hängt ????

Kein zerren und ziehen, nur passiver Widerstand. Keine Äsche, sondern ein Hänger. So ein Mist, das war´s dann wohl. Ich gebe auf, erhebe mich. Soll die blöde Äsche doch bleiben wo der Pfeffer wächst. Völlig frustriert blicke ich ins Wasser und sehe…..die Äsche. Genau dort, wo dem Schnurverlauf nach zu urteilen mein „ Hardy“ fest hängt.

Ein gar schrecklicher Verdacht kommt siedendheiß in mir hoch. Sollte die Äsche……

Ich ziehe leicht, dann stärker. Ein Rück, der Hänger ist gelöst. Mit dem Haken kommt die Äsche nach oben.

Nun, liebe Freunde, die Äsche ist aus Holz. Es ist ein kurzer Ast, der, wie auch immer, mit einem dünnen Nebenast am Grund fest gehangen hat. Die „ Fahne“ besteht aus einem Büschel Algen, welches sich wiederum an dem Ast gefangen hatte. So hatte das Ganze etwas Spiel um in der Strömung leicht hin und her zu wiegen.

Ich blicke nach oben und meine zu sehen, wie sich am Himmel Petrus und Winnetou grinsend die Hand schütteln.
 
Ralf Dahlheuser

Kommentare 

 
0 #1 bacalo 2010-12-06 12:18
Danke für diese schöne Geschichte. Beschreibt sehr sehr schön unseren Gefühlszustand, wenn uns das \\\"Jagdfieber \\\" gepackt hat.
Möge der Schuh des Manitu mit dir sein - Hugh.

(P.S.: Der Klappstuhl bleibt im Boden:-)
 
 
0 #2 Ossipeter 2010-12-09 09:25
Besser kann mans nicht beschreiben!
 
 
0 #3 Big Man 2010-12-09 14:12
Ich habe Sie förmlich gesehen die Äsche und auch Winnetou und Petrus.

Wir Angler sind doch die Härtesten

Geiler Bericht
 
 
0 #4 moeve 2010-12-12 19:25
Das war eine schöne Geschichte, *Fabelhaft*!
Ließt sich so süffig wie Karl May, will noch nehr lesen... :O))

LG von mir, der alles andere am Haken hat, außer Fische :sad: :O))
 


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