Karpfenangeln, eine Sackgasse?
Karpfenangeln, eine Sackgasse?
In jüngster Zeit wird wieder sehr kontrovers über das Karpfenangeln, und auch den Karpfen an sich und seine negativen Auswirkungen auf viele Gewässer, diskutiert.
Höchste Zeit sich einmal fundierte Gedanken über die Zukunft des Karpfenangelns zu machen.
Zunächst einmal sollte es jedem Angler erlaubt sein, im Rahmen der Gewässerordnung und der Fischereigesetze zu angeln, wie es ihm beliebt. Grundsätzliche Kritik im Bezug auf die reine Ausübung des Karpfenangelns ist fehl am Platz. Über manche Begeleitumstände kann man diskutieren. Macht man auch, dabei geht es aber in erster Linie um echte oder vermeintliche Nachteile des Karpfenangelns auf andere Angler, oder um Beeinträchtigung der Gewässer durch Besatz und Futtereintrag.
Es wird kaum darüber gesprochen, welche Auswirkungen der Karpfenboom auf die Karpfenangler selbst hat oder haben kann.
Schauen wir uns das einmal genauer an und gehen dazu erst einmal 40 Jahre zurück.
Specimen hunting, wozu man das Karpfenangeln durchaus zählen kann, war damals so gut wie unbekannt. Zwar haben sich auch früher schon viele Angler für eine bevorzugte Angelmethode oder einen bestimmten Zielfisch entschieden, aber keinesfalls so streng spezialisiert und durch die Angelgeräteindustrie genutzt und gefördert, wie heute.
Diese Spezialisierung war direkt abhängig von der Artenstruktur unserer Gewässer. Man hat sich aus dem vorhandenen Bestand die Art herausgepickt, die besonders häufig war, besonders kapitale Fische einer Art produzierte, oder die als besonders schwierig zu befischen galt.
Dazu gehörte ganz sicher auch der Karpfen. Fische von 20 Pfund waren als durchaus kapital anzusehen. Diese mit Mais, Karoffel, Teig oder Wurm zu fangen war eine echte Herausforderung und erfolgreiche Fänger wurden beglückwünscht und gelobt. Fing man gar einen Fisch von 30 Pfund oder mehr, hatte man Schlagzeilen in der Lokalpresse so gut wie sicher.
Getrieben wurden die Angler damals vom Mythos des "Moosrückens", eines uralten Karpfen mit mehr als 40 Pfund Gewicht auf dessen Rücken sich - namensgebend - schon Moos gebildet hatte. So ein Moosrücken kam in fast allen Gewässern, wenn auch meist nur in den Phantasien der Angler, vor. Er war in etwa gleichzustellen mit dem Riesenhecht im Dorfteich, den es auch nur sehr selten gab.
Karpfenangeln bedeutete damals, eine Grundrute mit Kartoffel, Mais oder einer geheimen Teigmischung auszulegen und mit der zweiten Rute die lange und meist vergebliche Wartezeit zu überbrücken, indem man Rotaugen, Brassen oder Schleien nachstellte.
Wie bei keiner anderen Fischart wanderte die Mindestgrenze für die Definition "kapital" dann so weit nach oben, wie beim Karpfen, um mit dem Siegeszug der Boilifischerei nahezu zu explodieren. Heute ist ein 20-pfünder ein guter Durchschnittsfisch und kaum noch einer Erzählung würdig.
Das kann man natürlich auch dadurch erklären, dass durch die Boiliefischerei wesentlich mehr und größere Fische gefangen wurden, als es früher mit Standardködern und -gerät möglich gewesen ist.
Das wäre aber nur die halbe Wahrheit.
Gleichzeitig mit der Entwicklung von Ködern und Geräten fand noch ein weiterer Prozess statt. Nämlich das anpassen der Fangträume an die Realität durch Besatz. Es wurden nicht nur immer mehr Karpfen besetzt, sondern auch immer größere. Es gab und gibt spezielle Züchtungen, die einzig auf ein maximal zu erreichendes Gewicht ausgelegt sind. Große Karpfen werden lebend über Ländergrenzen hinweg verkauft, transportiert und ausgesetzt. Gleichzeitig begann auch die Ideologie des C&R aufzuleben. Getrieben von dem Wunsch, möglichts viele und möglichst große Karpfen in einem Gewässer zu behalten. Und auch das blieb nicht ohne Folgen. Mit dem öffentlichen propagieren des C&R, des Fangens nur mit dem Ziel, einen Rekord zu erreichen, traten auch die Tierschützer auf den Plan. Das müssen wir hier nicht ausführen, die Thematik wurde oft genug diskutiert.
Worüber man, vor allem als Karpfenangler, aber nachdenken sollte ist, wohin all diese Entwicklungen das Karpfenangeln führen werden.
Ich bin in Rekorden nicht so bewandert, glaube aber zu wissen, dass der Deutsche Rekordkarpfen ein Gewicht von etwa 39 Kilogramm hat. Vielleicht irre ich mich auch, aber das ist fast das vierfache Gewicht dessen, was vor 40 Jahren als kapital galt. Und es ist fast das doppelte dessen, was vor 40 Jahren noch als "Moosrückenmythos" durch die Gewässer geistert.
Angesichts solcher Gewichte frage ich mich ernsthaft, welchen Mythen der Karpfenangler heute nachstellt und vor allem in Zukunft nachstellen wird?
Wo siedelt man heute den Moosrücken an, der alle anderen Fische in den Schatten stellt?
Ist es zukünftig vielleicht ausschlaggebend für einen neuen Rekord, ob der gefangene Karpfen den Boilie verschluckt hat oder ausspucken konnte, weil es um Gramm geht?
Haben sich die Karpfenangler vielleicht in einer Aufwärtsspirale gefangen, deren biologisch machbares Ende fast schon erreicht ist? Steht den Karpfenanglern eine Zukunft ohne Mythos, ohne Phantasie, ohne phantastisches Ziel bevor, weil der größtmögliche Fisch dieser Art bereits gefangen wurde?
Das wäre sehr Schade, denn es wäre eine Zukunft ohne den großen anglerischen Traum.
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