Ausgabe Mai 2012

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    Mein erstes Fischlein

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    Mein erstes Fischlein!



    Es muss vor ca. 45 Jahren gewesen sein, als ich – wie jedes Jahr im Sommer – mit der Caritas in die Ferien geschickt wurde. Reiseziel der vierstündigen Dampflokfahrt war ein von Nonnen und Glaubensschwestern betreutes Ferienheim an der Stadtgrenze von Amsterdam.

    Hinter der soliden Bauweise des grossen Hauses verbargen sich zwei Schlafräume, die wir uns mit je 30 Jungens teilten. Neben den kasernenähnlichen Mannschaftsduschen kann ich mich noch an einen Essenssaal erinnern, in dem – voneinander getrennt – die 60 Gäste und die Schwestern gemeinsam speisten.

    Während der Essenszeit und der zweistündigen Mittagspause mit Liegepflicht herrschte äusserstes Redeverbot. Wer dagegen verstieß oder auch sonst irgendwelche unerwünschten Dummheiten anstellte, wurde mit Stubenarrest oder Nichtteilnahme bei Freizeitspiel und –spaß bestraft.

    Nach einigen Tagen der erzieherischen Tüchtigkeiten war für einen Teil des Haufens endlich Fußballspielen angesagt. Nach der Mittagspause wanderten wir gemeinsam singend und einen Gummiball tragend zu dem nahegelegen Bolzplatz, der direkt neben einem kleinen Fluss lag. Das Wasser war glasklar, voller Fadenalgen und nicht weit von uns stand ein Mann, der mit einem langen Stock dauernd auf das Wasser peitschte.

    Das weckte in mir doch grosse Neugierde und nach einigem Gequängel bekam ich die Erlaubnis der Vor-Ort-Besichtigung. Was der gute Mann da trieb, nannte er Angeln. Er badete bunte Kunstfliegen in der Hoffnung, auf diesem Weg an seine Abendmahlzeit zu kommen. Zum Glück war es ein ausgesprochen netter und kinderfreundlicher Geselle, der mir geduldig alles zeigte und erklärte. Ich war begeistert. Es vergingen Stunden ohne Fische, die man aber in zahlreichen Stücken beobachten konnte. So sah ich erstmals im Leben davonschwimmende Hechte und Rotaugenschwärme. Der Zustand der Begeisterung wollte auch abends im Bett nicht weichen und ich hatte am Folgetag nur einen Wunsch = Wieder an das Wasser !
     
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    Eine der Schwestern liess sich erweichen und maschierte mit mir die nächsten Tage regelmässig los. Und genau diese Schwester hatte das nötige Verständnis für einen völlig aus dem Häuschen zu geraten scheinenden Bub, der doch so gerne irgendwas gehabt hätte, was er ins Wasser halten konnte.

    An einem Tag, als alle mit dem Bus zur Nordsee unterwegs waren, ist Sie mit mir alleine nach Amsterdam gefahren. Dort besuchten wir ein Geschäft, in dem es auch Angelgeräte zu kaufen gab. Meinen Augen wurden feucht, als Sie 5 DM aus der eigenen Tasche zog und auf einen kleinen, beringten Bambusknüppel zeigte. Den schenkte Sie mir zusammen mit einer Rolle, die man in der Geschwindigkeit einer grösseren Seilwinde nur in eine Richtung drehen konnte. Der Verkäufer packte noch einen Korken, ein paar Meter Schnur und einige Haken in die Tüte und ich war der King von Amsterdam.

    Fortan war ich nur noch am Wasser anzutreffen, wenn es ging. Was habe ich alles an den Angelhaken gehängt in der Phantasie meiner Fischwünsche ? Mein halbes Frühstück und Mittagsmahl verschwand regelmässig in der Hosentasche in dem Glauben, das irgendwann der richtig Köder dabei ist.

    In Sichtweite des Heimes liessen mich die Schwestern dann auch alleine losziehen und ich war wohl der einzigste in der ganzen Truppe, der vor lauter Angelfieber keine weiteren Kontakte zustande brachte. Den netten Holländer traf ich in der letzten Ferienwoche noch einmal. Er schenkte mir noch ein paar Utensilien und empfahl mir als Köder doch einmal Brot auszuprobieren. Er montierte mir das Gerät halbwegs ordentlich zusammen und zeigte mir, wo man an der Schilfkante den Korken tanzen lässt. Und irgendwann war es dann soweit : Ein kleines Rotauge zappelte an dem viel zu grossen Haken und ich habe vor lauter Aufregung nicht gewusst, was ich jetzt machen soll. Irgendwie ist das arme Tier verendet und unter dem anerkennenden Beifall der Schwestern dann abends in der Bratpfanne gelandet. Essen durfte es nach meinem Willen nur die Spenderin meiner Ausrüstung, was diese unter den neidischen Blicken der Anwesenden auch vollbrachte.

    Das war in einer langen Anglergeschichte mein erster Fisch und wie es dann in Deutschland weiterging, ist eine zweite Geschichte.

    Die werde ich vielleicht auch noch schreiben, wenn es jemand interessiert.

    Für heute alles Gute und bleibt anständige Anglerinnen und Angler

    Herbert Hakengrösse

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