Von Norge-Koys und Roten Teufeln
Von Norge-Koys und Roten Teufeln
Teil 1
So, es ist soweit. Der geplante Sonntagsausflug zum
halloweennesken Gruselspektakel auf Schloss Degendorf ist dem
mitteleuropäischem Herbstmonsun zum Opfer gefallen, die Tochter mit Freundin im
Kino, min Fru frönt dem vorwinterlichem Skisport in der ersten Reihe - da
bietet es sich doch an, den längst fälligen Reisebericht unserer diesjährigen
Norgetour zu verfassen.
Obwohl die Fahrt schon vom 19.05. bis zum 01.06. stattfand und somit einige Tage zurückliegt, hielt ich es angesichts WM, Super-Sommer und einem kleinen Bötchen, das darauf wartet, mich zu den Hotspots der Oberhavel zu schippern für angebracht, den Bericht erst in der ungemütlichen Jahreszeit nachzulegen. Zumal es heute auch nicht mehr gelohnt hätte, noch mal zum Boot rauszufahren und die nächsten zwei Angeltrips vor dem Slipptermin schon fest geplant sind.
Nun aber zum eigentlichen Thema. Unser Ziel war diesmal der Fugglessetfjord, einigen unter Euch Boardies als Seitenarm des Sognefjordes bekannt. An dieser Stelle all jenen nochmals Danke, die uns mit Informationen und Impressionen ihrer Reisen bedacht haben, es waren viele nützliche Tipps darunter. Gebucht hatten wir wieder über Borks, der uns schon bei der Buchung darauf aufmerksam machte, dass unser Haus bei genauer Betrachtung an einem See liegt, der über einen kleinen Zufluss mit dem Fugglessetfjord verbunden ist, der wiederum im Sognefjord mündet, der sich wiederum irgendwo ins Meer erstreckt, das wiederum...lassen wir das. Dazu später mehr.
Entgegen unserer bisherigen Anreiseerfahrungen hatten wir diesmal die Fähre nach Bergen gebucht, was zum einen Übernachtung auf der Fähre bedeutet, viel wichtiger war uns aber der Umstand, das sie nicht erst gegen Mitternacht startet sondern um 18.00 Uhr gen Norge loslegt. Bisher sind die 785 km von Berlin nach Hirtshals nie ein Problem gewesen, wir hatten aber einerseits keine Lust auf eine Harakiri-Tour, andererseits wollten wir wohl so früh wie möglich offiziell den Urlaub starten. So war es nicht weiter verwunderlich, dass min Fru Ute und Freund und Boardie titonator, die 50% unserer Truppe ausmachten (komplettiert durch titonators Frau Dorit und meiner einer), eines Tages freudestrahlend aus dem Büro kamen und meinten, sie hätten die Idee gehabt: Wir fahren die Nacht durch!!
Während andere Leute hart für ihren Broterwerb arbeiten, so sie in der glücklichen Situation sind, einen Job zu haben, sitzen die beiden zwischen PC und Kaffeepott und planen unseren Norge-Trip durch. Auch gut. Wird also nachts gefahren. So kam es, dass am Abend des neunzehnten Mai titonator und Dorit bei uns eintrudelten, während ich dabei war, den ungeheuerlich naiven Versuch zu unternehmen, das Reiseequipement in unseren Wagen zu verstauen, zumal jegliche Anstrengung durch den Umstand kolportiert wurde, nach halbwegs getaner Arbeit das Gepäck von tito und Dorit noch dazu zu packen. Aber, was zweimal geklappt hat (2003 und 2004) klappte unter Stöhnen, Ächzen und aufsägen des Chassis schließlich auch ein drittes Mal!!
Ruten und Rollen, Floatationanzug, Echolot, Pilker, Montagen, Gewichte, Driftsack, GPS, Lebensmittel und zwei, drei Schlüpper waren verstaut, so konnten wir uns noch einen Drink in unserer „Einmal-um-die Ecke-Kneipe" gönnen. Drink ist gut, guckte uns Wirt André doch recht belustigt an, als wir gegen 22.00 Uhr neben einem kleinen Snack auch noch hektoliterweise Kaffee bestellten. Nach dem Kaffeekonsum guckten wir auch lustig, ging der Kaffee doch ins Hirn und mit uns nun endlich los. Wisst ihr, was richtig gut kommt?? Nachts auf der Autobahn ohne Vorwarnung in einen Platzregen zu fahren.
Vor dir keiner, neben dir keiner aber über dir eine in der
Finsternis der Nacht verschluckte Gewitterfront, die dir von einer auf die
anderen Sekunde zwanzig Liter Regen auf die Scheibe klatscht. Danach bist du
jedenfalls knallewach, und das für die nächsten 150 km. Ansonsten verlief die
Nacht auf der Autobahn ohne weitere Vorkommnisse. Kaum war die Autotür in
Berlin zugeschlagen, schlief Dorit selig den Schlaf der Gerechten, Ute und tito
verkonsumierten 70% des eingepackten Süßschnukkelvorrats, wenn sie nicht gerade
fuhren, was sie im Grunde genommen aber auch nicht vom Naschen abhielt. Ich
naschte natürlich mit, war doch Kraft tanken für die wilden Drills, die da
hoffentlich auf uns warten sollten, angesagt. Kurz und gut, die Fahrt verlief
sehr relaxt, gegen 08.00 Uhr erreichten wir Hirtshals, froh und ein wenig müde.
Erst jetzt wurde uns so richtig bewusst, dass es ja nun galt, den ganzen Tag noch auf die Abfahrt zu warten. Aber auch das bekamen wir hin. Schließlich hatten wir ja jetzt Urlaub, da ist es doch eigentlich ein Luxusproblem, ein paar Stunden bis zum Beginn der
nächsten Etappe zu verbringen, alles andere wäre Maulen auf hohem Niveau. So machten sich tito, Dorit (mittlerweile wach und entsprechend fit) und meiner einer auf den Weg, ein wenig Hirtshals zu erkunden. Ute schlief derweil im Wagen. Ich kürze an dieser Stelle ab. Der Tag hatte was. Schlendern, hier mal reingucken, da mal schnuppern, beim Fischer ‚n büschen Räucherfisch gekauft, am Hafen den Fischern und Pötten zugeschaut - alles wunderbar. Schließlich empfang uns die olle Ragnhild und unsere Reise konnte weitergehen. Eine Nacht in der Vierer-Kabine zusammen mit tito und die Ohropax vergessen. Normalerweise ein Grund in die Psychose abzuwandern, aber angesichts der recht dünnen Nacht zuvor schliefen wir alle - Dorit sowieso - wie die Murmeltiere. 19 Stunden auf der Fähre, was soll man schreiben. Recht früh aufgestanden galt der erste Blick der ersehnten norwegischen Küste - yippieh...Norge hatte uns wieder - oder besser - wir hatten wieder Norge!
Aber auch die letzten Stunden auf der Ragnhild sollten es noch in sich haben. Zwar kurzweilig, aber für den Betroffenen natürlich wenig schön war ein Rettungsheli-Einsatz, bei dem ein verletzter oder erkrankter Passagier auf offener See in den ca. sieben Meter über Bord schwebenden Helikopter verfrachtet wurde. Man kann nur hoffen, dass es dem Patienten schnell besser ging und er den Rettungseinsatz mittlerweile unter „Stammtisch-Anekdote" verbuchen kann. Einen Aufreger ganz anderer Kajüte gab es Stunden später. Wir saßen an einem der fensterseits stehenden Bistrotische und schlürften Kaffee, als ich sie sah. Ich konnte es erst gar nicht glauben.
Da waren sie. Wale. Aber nicht etwa die üblichen Verdächtigen, Schweinswale, die wir beim durchqueren eines Fjordarmes zwei, drei Stunden vorher schon bestaunen durften. Nein, diesmal handelte es sich um Orcas. Mir klappte so was von der Kiefer runter. Mit allem hätte ich gerechnet, nur nicht damit, während der Überfahrt nach Bergen auf der Höhe von der Insel Bömlo Orcas watchen zu können. Drei an der Zahl zogen sie gemächlich ihres Weges, während die Ragnhild fast Schlagseite bekam, drängte sich doch ein jeder an die Reling oder Fenster um einen Blick auf diese imponierenden Geschöpfe werfen zu können. Ha, ha, da fliegen andere für teuer Geld nach Neuseeland zum Wale-Watching und wir....!
So ereignisreich die Fährfahrt war, so unspektakulär die Ankunft in Bergen. Pott legt an, Klappe fällt runter, Auto fährt raus, Zoll-Bevollmächtigter pobelt auf der Herrentoilette, tito freut sich, Frango freut sich auch, Ute nascht und Dorit schläft!
Der norwegische Kilometer besteht aus 2,75 deutschen! So gesehen waren wir froh, als wir unzählige Kurven später gegen 18.00 Uhr an unserem Ziel der Träume waren. Da wird eine ganze Ansammlung an Häusern einfach nach deren Besitzern benannt, auch das ist wahrscheinlich typisch norwegisch. Sven Ostrebø, Namensgeber der kleinen Siedlung und Sohn des eigentlichen Patrons vor Ort hieß uns Willkommen, zeigte uns Haus und Umgebung, drückte uns einen vom norwegischen Fischereiministerium ausgegebenen Fischkatalog in die Hand und...verschwand. Nicht, ohne uns zu versichern, dass er nach dem wir mit dem Auspacken fertig sind, noch mal nach uns schaut, also so in etwa drei Tage später.
Das Haus war absolut o.k., groß, geräumig, sauber.
Dem Interieur nach zu urteilen wohnte dort früher Uromi, was für uns aber vollkommen in Ordnung war. Lediglich die Tatsache, das wir eingerahmt von mehreren Wohnhäusern, Scheunen, Firmengebäuden, Traktorfriedhof und ähnlichem wohnten, war zumindest für mich anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig. Schon heftig, wie geschickt man solch ein Ferienobjekt fotografisch darstellen kann, so das wirklich der Eindruck entsteht, man wohne in der Pampa. Apropos Pampa, die war wirklich beeindruckend, das Haus lag ca. 80 Meter vom Ufer des besagten Sees entfernt, umgeben von mächtig gewaltigen, waldumsäumten Bergen, von deren Hängen sich tosender Weise Wasserfälle in die dunkle Tiefe stürzten - Super!
Was folgte war ein routinierter Ablauf: Dorit und Ute ließen auf wundersame Weise Unmengen von Klamotten in das dafür vorgesehene Uromi-Mobiliar verschwinden, tito belegte seine Küche und meiner einer machte sich daran, Ruten und Rollen zusammenzubringen, Echolot auszupacken, Montagen zu sortieren und natürlich unseren Booten einen Besuch abzustatten. Am Steg lagen zwei ca. 14-15 Fuß-Boote, nüscht besonderes, die üblichen Nussschalen, die man in der Regel erhält, es sei denn, man legt noch mal mächtig Euros zusätzlich aufs Reisebudget. So aber hatten wir Boote, die wir erwartet haben, ausgestattet mit je 15, resp. 5 PS, ein Boot also für den Fjord, eins für Gelegenheiten, wenn man auf dem See bleiben möchte.
Jetzt muss ich allen, die ihn nicht kennen, mal diesen ominösen See näher bringen.
Ostrebøvatnet sein Name, damit wohl auch entfernt benannt nach Uromi & Co. Aus dem Board wusste ich schon vorab, dass dieser See Dorsche und Köhler beherbergen soll, eine ca. 50 Meter lange und 5 Meter breite Verbindung zum Fugglessetfjord hat (das war der, der mit dem Sognefjord, und...na, ihr wisst schon!), die, will man sie durchqueren, zumindest bei Flut den 15 PSer von Nöten macht, darüber hinaus eine Fiskekørt erstanden werden muss, um ihn beangeln zu können. Während ich so am Steg stand, umhüllt vom Rauschen eines direkt an dieser Stelle in den See strömenden Wild/Berg/Stromschnellen-Miniflusses, traf auch Sven Ostrebø wieder ein, den Fiskekatalog unterm Arm und ein fröhlich Pfeifen auf den Lippen. Pfeife war das Stichwort, also Pfeife gestopft und Sven mit Fragen gelöchert. Erst mal was den See betraf, ja, torsk gäbe es hier, ja und sei auch, und, wenn er sich recht erinnert wurde auch schon mal ein breiflabb aus dem See geholt, laks und ørret aber auf alle Fälle, schließlich liegt ja auch eine kleine Lachsfarm am (nicht auf!) dem See, ach, ja, und sild und makrell gäbe es auch!! Ha, ha, na klar, vor einem liegt der See, still und starr ruht er, und torsk & Co. soll er beherbergen. Und ich ziehe mir die Hosen mit der Kneifzange an!
Also, so richtig wollte ich es ja nicht glauben. Trotzdem wurden brav die fiskekørts für Ute, tito und meiner einer gekauft. Schließlich wollte mir Sven noch zeigen, wie man die Zufahrt zum Fjord nimmt, also rauf aufs Boot und ab die Lucie. Während der fünfminütigen Fahrt über die ca. 900 Meter wurde mir erst so richtig bewusst, dass es wieder einmal so weit war und ich norwegisches Wasser unterm Hintern hatte, wenn auch süßes (ich hab´s gekostet!!), was sich aber auch bald ändern sollte. Während wir die Zufahrt ansteuerten, fragte ich mich, warum Sven eigentlich immer schneller wird, die Pinne war auf Anschlag, hatte der etwa schon am Mitbringsel geschlabbert??!!
Kurz vor der Einmündung lag ein mit drei Mann besetztes Boot, die tapfer Heringsvorfächer und Pilker nach unten schickten, „Aha", dacht ich mir, soll da etwa was dran sein, an der Mär von torsk & Co.? Lange konnte ich aber nicht darüber nachdenken, denn ehe ich mich versah fuhr Sven eine kleine Linkskurve und donnerte volle Pulle auf das Tor zum Fjord zu. Jetzt sah ich auch, warum Sven alles aus dem Motor rausholte! boardies hatten uns auch schon vorgewarnt! Wir hatten nämlich gerade Flut und in mächtigen Wellen strömte der Fjord in den See rein.
Das war Rafting pur! Wir tanzten auf den Schaumkronen, ich krallte mich ans Boot fest und dachte mir nur, „Heilige Maria, da kommen wir nie durch", aber wie ein Blindwurm durch die Blutwurst fraß sich unser Bötchen Meter für Meter durch die tosende Pracht bis wir schließlich wohlbehalten und kräftige durchgeschüttelt auf einmal auf dem Fjord waren. Sven brüllte mir irgendwas von Søndbønk zu - „Ja, ja" - bei Øbbe bøtte etwas Vørsicht wøil hier Øntiefe - „Ja, ja", Dø siehst, der Fjørd ist høute ein weinig køppelig - „Ja, ja, ja, ja"! Ich weiß, Sven hatte mit allem vollkommen Recht, was er mir an Tipps und Ratschlägen zum Besten bot und ich soll auf der Stelle mit Sødbrennen für drei Wochen bestraft werden, wenn wir nicht wirklich alle Informationen von ihm beherzigt haben, aber in diesem Moment, als wir kurz über die Sørreidebucht schossen, den, zugegebener Maßen, recht kabbeligen Wellen zum Trotz, da wollte ich einfach nur gucken und genießen. Schließlich sollte es zurück zum Haus gehen, mit der Flut im Rücken schießt du wie mit ‚ner Peperoni im Hintern übers Wasser, toll!!
15 Minuten später: Die Schlüpper lagen dort, wo sie nach Meinung der Frauen hingehören, titos Edelmesser hingen blitzblank an den Haken, die aus Berlin mitgebrachte Putenkeule brutzelte im Ofen, die Ruten standen wie die Orgelpfeifen aufgereiht am Bootssteg, was lag da näher, als ein paar Würfe mit der Spinne zu wagen?! Also, Jacke wieder an (Wetter war durchwachsen, ca. 14° C.), runter zum Steg, Spinne geschnappt, Spöket ran und ab damit!! Es dauerte ca. zehn Minuten, da rappelte es an der Rute, das berühmte Klopfen! Mensch, das ist doch nicht etwa, nein, das gibt´s doch nicht, da hat sich doch tatsächlich ein schöner 55er Küchendorsch auf den Spöket geschmissen. Mein erster Süßwasserdorsch! Kurze Zeit später ging sogar noch eine 30er Forelle ans Band, die ich aber releaste, tito rief, die Pute war fertig, na, ab mit dir, weiterwachsen! Klasse, gute halbe Stunde angeln und die ersten Fische klopften an...und, es stimmte mit den Dorschen!
Atschö
Frank Dengel
Frangø
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