Ausgabe Mai 2012

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    Freds Vermächtnis und der große Fisch

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    Freds Vermächtnis und der große Fisch

    Fred war so etwas wie der Dorftrottel im dem kleinen verträumten Flecken irgendwo in Norddeutschland.

    Fred war der ständigen Streiche wegen, die beinahe alle Generationen von Kindern mit ihm in den letzten Jahrzehnten getrieben hatten wirklich bekannt wie ein bunter oder gar geprügelter Hund. Anzeige_Zebco_50x250mm_2004.jpg

    Wobei Fred keineswegs unglücklich darüber war, wenn sich jemand seiner annahm, und sei es eben halt nur, um ihn einen Streich zu spielen.
    Was aber auch Frage aufwirft wie alt Fred wohl wirklich sein mochte. Sein scheinbares Alter würde man vermutlich ohne genauer hinzusehen eher mit Mitte oder Ende 20 Jahre angeben.

    Schuld daran war vermutlich sein lausbubenhaftes Aussehen, dass durch seine immer kurz geraspelten Haare eher noch verstärkt wurde.
    Fred war geistig zurück geblieben und vermutlich sogar 40 Jahre alt.
    Angeblich sollte er als kleines Kind rücklings vom Trecker gefallen und mit dem Hinterkopf auf den Asphalt aufgeschlagen sein.

    Andere wiederum meinten es habe wohl mit Inzest gar zu tun.
    Meine Großeltern hatten mich dahin gehend aufgeklärt, dass es wohl ein Problem bei seiner Geburt gegeben hätte.

    Diese Version schien mir von allen noch als die Glaubhafteste.
    Tatsache war aber das man Begriffe wie Webfehler, dem fehlen einige Groschen an der Mark und der gleichen verwendete, wenn man von oder über ihn sprach.

    Und als sogenannter schräger Vogel ging er nun wirklich wunderbar durch.
    Wie es sich für ein richtiges Dorf gehört, verfügte eben auch jenes über einen Dorfweiher oder hier in diesem Falle im Amtdeutsch, den Löschteich.
    Ich fand ihn schon als Jugendlicher mit beinahe einem Hektar schon als wirklich tolles Gewässer.

    Wir konnten herumschwimmen, unsere selbstgebastelten Schiffe schwimmen lassen, Seeschlachten veranstalten, Seeräuberträume ausleben und sogar das allererste Nacktbaden mit den Mädels genießen.
    Letzteres wäre sicherlich eine interessante Geschichte, die uns aber nur vom eigentlichen Thema abbringen würde.

    Damals bereits war uns Fredi wohl bekannt, angelte er doch immer ohne auch jemals einen Fisch zu fangen mit unglaublicher Ausdauer und Ruhe oftmals den lieben langen Tag ohne jeglicher erkennbarer Langeweile.
    Fredi war damals kaum in der Lage sich überhaupt vernünftig auszudrücken und so kannte man ihn eher als den schweigsamen Pantomimen.

    Niemand kannte den aber so gut wie er.
    Wäre er gewesen, so würde sicherlich die arme Natascha, ein kleines Mädchen von gerade mal 6 Jahren, Tochter einer Spätaussiedlerfamilie, nicht mehr leben.

    Als Fred gegen jegliche Vernunft an diesem kalten Novemberabend wie an beinahe jeden Tag zum Angeln kam, sah er sofort den leblosen Körper der Kleinen im Wasser treiben.
    Sie musste auf dem alten morschen Steg herum geturnt und dabei ins Wasser gestürzt sein.

    Lang hatte sie zwar noch nicht im Wasser gelegen, aber Fred reagierte rettete ihr beherzt das Leben.
    Er mochte die Kleine sehr.

    So sehr, dass es vorher bereits Gerede gegeben hatte. Na ja, der Trottel würde bestimmt gerne den Onkel Doktor spielen und so.

    Nach dieser Nacht, wo er die Kleine zum Feuerwehrgerätehaus trug, wo gerade ein Arzt wie von Gottes Hand gelenkt, die Notfallmaßnahmen bei Kleinkindern und Säuglingen an Interessierte weiter gab, wurde Fred zum Held.

    Man ernannte ihn zum Feuerwehrmann ehrenhalber und erhielt sogar eine Uniform.

    In den Jahren danach verhinderte er als Brandmelder noch einiges Schlimmeres.

    Fred der Stotterer war plötzlich über die Dorfgrenzen hinaus bekannt geworden.

    Doch er ging weiter angeln, wie er es jeden immer Tat.
    Fred war auch der Erste, mit dem ich überhaupt fischen ging. Noch in den letzten Jahren, in denen meine Eltern noch lebten, besuchte ich neben ihn auch immer Fred.

    Wir tranken dann zusammen heiße Schokolade im Dorfkrug und ich zeigte ihm Bilder von großen Fischen, die ich in der Zeit irgendwo auf der Welt gefangen hatte, die seit meinem letzten Besuch vergangen war.
    Fred war inzwischen in der Lage mühsam, aber einfach zu sprechen. Das freute mich besonders, ermöglichte es doch eine schwierige aber trotz allem schöne Konversation.

    Fred war wie ein Bruder in den letzten Jahren geworden.
    Ich vermisste ihn, wenn ich längere Zeit nicht im Dorf war.
    Oft gingen wir am nächsten Tag natürlich angeln. Ich fing und Fred freute sich.

    Das neue und moderne Angelgerät nebst der restlichen Ausrüstung, die ich ihm in Laufe der Zeit mitgebrachte hatte, trug er immer voller Stolz umher, ohne aber davon Gebrauch zu machen.

    Seine Pflegeltern erzählten mir mal, dass er täglich das neue Gerät pflegte und sogar einige Teile immer am Bett stehen hatte.
    Dann starben meine Eltern und ich kam nur noch selten.
    Vor ein paar Wochen starb dann auch noch mein treuer Hund und ich war sehr verzweifelt.

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    In meiner Trauer, in der mich weder Frau noch Kinder helfen konnten, besuchte ich Fred.

    Fred war allerdings ein wenig krank geworden und so musste ich ihn zu Hause besuchen.

    Ihm fiel sofort auf, dass etwas nicht stimmte und ich berichtete, gegen meine Tränen kämpfend.

    Fred weinte ebenfalls und versuchte mich zu trösten.
    Er versprach mir ein großes Geheimnis mit mir zu teilen. Ich verstand, dass es um einen großen Fisch ging.

    Ich solle ihn doch am nächsten Tag abholen und ihn zum Weiher bringen.
    Ich kam am nächsten Tag und half ihm mit ans Wasser zu kommen.
    Er deutete mir dort auf das Wasser hinaus, wo einige Bäume an der Entenfutterstelle ins Wasser wuchsen.

    Seine Augen leuchteten, als er von seinem großen Fisch sprach.
    Ich schätzte ihn wohl auf mehr als einem Meter, wenn ich Freds Erzählungen glauben mochte.
    Ich zweifelte nicht.

    Plötzlich zog Fred etwas unglaubliches aus seiner Tasche hervor.
    Es war der Nachbau eines Entenküken. So etwas tolles hatte ich noch nicht gesehen.

    Er lächelte, als er mir dieses Geschenk in die Hand drückte.
    Ich konnte es nicht glauben, bis es seine Pflegeltern mir bestätigten, dass es wirklich von seiner Hand stammte.
    Ich war sprachlos.

    Es war mit einem großen Einzelhaken versehen.
    Er hatte Jahre daran gearbeitet, um mir einmal dieses Geschenk machen zu können.

    Nirgendwo hätte ich so einen perfekten Köder kaufen können.
    Fast alles aus Original Materialien.
    Ich montierte ihn und teste seinen Lauf. Unglaublich wie das Entchen schwamm und wackelte.

    Sogar verdammt gut werfen konnte man damit.
    Fred wollte nun, dass ich die angewiesene Stelle anwerfen sollte.
    Ich visierte sieh an und war den Köder vor die Baumteile, die sich im Wasser befanden.

    Fred beobachtete genau.

    Ich machte 3-4 neue Würfe, um mich damit vertraut zu machen.
    Fred wurde unruhig und deutete auf den an den im Wasser befindlichen Ästen vorbeiwackelnden Köder.

    Ich machte eine Pause und spähte ebenfalls in die Richtung.
    Plötzlich schien das Wasser zu explodieren.
    Ein großer Hecht hatte den Köder genommen und ich schlug instinktiv an.
    Ein verdammt harter Brocken ließ meine hart eingestellte Bremse kreischen.

    Ich befürchtete ihn an den Hindernissen zu verlieren und hielt dagegen.
    Fred juchzte vor Freude und ich brauchte eine halbe Ewigkeit, bis ich ihn endlich vor mir sehen konnte.

    Ein wahrlich großer Bursche von mindestens 120cm oder mehr.
    Was für ein Fisch.

    Fred ging plötzlich ins Wasser und hob ihn an.
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    Ich machte verdattert ein schnelles Foto.
    Dann sagte Fred die Worte, die ich nicht vergessen kann.
    "Großer Fisch Freund, nicht tot machen, Freund"
    Ich verstand.

    Schnell löste ich den Haken und wir beide setzten ihn behutsam zurück.
    Nach ein paar Minuten, die er noch nahe bei uns stand, entschwand er wieder mit kräftigen Schlägen der Schwanzwurzel.

    Noch lange saßen wir beide schweigsam dort und schauten in Richtung der Bäume.

    Dann sagte Fred zu mir nicht traurig sein wegen Mama und Papa, auch nicht wegen Buddy. Er meinte meinen Hund.
    Dabei hatte er seine Hand auf meine Schulter gelegt.

    Es war sein großes Geschenk an mich in meiner Trauer.
    Ich lächelte und Fred tat es mir nach.
    Ich brachte ihn nach Hause und wir lachten und scherzten noch bis zum frühen Morgen.

    Ich fuhr erleichtert nach Hause und löschte dort alle Fotos von kapitalen Fischen, die ich gefangen und getötet hatte.
    Es erschien mir plötzlich nicht mehr so wichtig.

    Ich wollte von nun an viel öfter das Gefühl verspüren, dass ich empfand, als wir beide dem großen Hecht nachsahen, wie er an seinen Stammplatz zurück kehrte.

    Am nächsten Mittag klingelte das Telefon.
    Ich nahm ab und erfuhr, dass Fred im Laufe des Vormittags eingeschlafen war.

    Ich nahm mir frei und fuhr sofort zu unserem Weiher.
    Bevor ich ihm die letzte Ehre erweisen wollte, hatte ich das tiefe Bedürfnis einen Augenblick dort zu sein.

    Ich setzte mich auf unseren Platz und fühlte mich plötzlich nicht mehr allein.

    Es schien wie gestern, als er neben mir saß.
    Ich lächelte und sah hinüber zu seinem Fisch.
    Dann erst ging ich, um ihn noch einmal zu sehen.

    Auf der Trauerfeier, bei der unglaublich viele Menschen anwesend waren, erfuhr ich, dass er angeblich nichts so liebte wie seine Entenküken, die er aufgepäppelt hatte, nachdem ihre Mutter überfahren worden war.
    Ich stutzte.

    Ich erfuhr weiterhin, dass er alle bis auf eines groß bekommen hatte.
    Dieses an einem grauen Herbsttag auf dem Weiher verschwunden.
    Trotzdem liebte er auch diesen Räuber wie einen Freund.

    Was für ein Großmut.
    Von nun an begann ich anders zu fischen.
    Fred hätte seine Freude an mir.

    Ich glaube er kommt immer mal vorbei, wenn ich wieder am Wasser stehe und sagt Hallo zu mir.
    Wo immer es einen Fred gibt, habt ihr Glück, denn hört ihnen einfach zu.

    Fischen wir auch aus Leidenschaft, so sollte es nicht der Fisch sein, der uns krönt, sondern der Gedanke hinter dem allen.
    Lieber die wenigen immer in Erinnerung behalten, wie sich an unzähligen nicht mehr erfreuen können.

    Jeder Fisch ist ein Geschenk, das es würdig zu behandeln gilt.
    Niemand ist ein besserer Angler, weil er mehr fängt wie andere.

    An seinem Geist erkennt man den wirklichen Petrijünger.
    Wir haben ein Erbe weiter zu geben. Handelt danach.

    Doch auch ein selbst gefangener und zubereiteter Fisch sei jedem vergönnt von Zeit zu Zeit.

    Andreas Wetzer im Oktober 2007

    Kommentare 

     
    0 #1 slowhand 2009-07-04 19:32
    einfach toll...
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    0 #2 Schleien-Stefan 2009-07-06 10:47
    Echt eine sehr gute Geschichte, Danke dafür!

    Angeln ist einfach doch was anderes als Fische fangen....
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    0 #3 j4ni 2009-07-10 08:37
    wow...!
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    0 #4 excabe 2009-07-10 15:22
    herzlichen Dank dafür
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    0 #5 ewiger leihe 2009-07-11 16:48
    geil,einfach nur geil!
    danke dafür
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    0 #6 bernd 55 2009-07-15 13:55
    ergreifend,regt zum intensiven nachdenken an.einfach danke
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    0 #7 philip 2009-07-27 12:52
    unglaublich...danke
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    0 #8 HEWAZA 2009-08-13 14:09
    SUPER!!!
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