Ausgabe Mai 2012

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    Die Wiederauferstehung

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    Die Wiederauferstehung

      

    Mein Neffe ist Schuld. Mittwochs klingelt das Telefon. Er war im Angelgeschäft und dort bekäme man nun Erlaubniskarten für eine Fliegenstrecke ganz in der Nähe. ErAnzeige_Zebco_50x250mm_2004 wollte das Fliegenfischen schon immer mal probieren und ob ich nicht Lust hätte mitzugehen und ihn einzuweisen. Die Ausrüstung könne er sich von einem Freund ausleihen und ich hätte ja alles was man so braucht.

    Uff........

    Ja, sicher hab ich alles, aber das steht schon locker 15 Jahre in der hintersten Ecke des Kellers. Ob da noch was von zu gebrauchen ist ?

    Früher, ja da bin ich fast jedes Wochenende zum Fliegenfischen gegangen. Da war ein kleiner Verein bei uns, der eine schöne Strecke gepachtet hatte. Dann wurde die Pacht nicht verlängert und mangels geeigneter Möglichkeiten in der Nähe hatte ich das Fliegenfischen dann eingestellt. Seitdem ruhen die Klamotten im Keller.

    Ich beschließe erst mal eine Bestandsaufnahme zu machen. Also runter in den Keller und die Sachen rausgekramt. Das ist die Rute. Einem  kleinen Loch im unteren Teil des Futterals messe ich zunächst keine Bedeutung zu, bis ich dann die Rute herausnehme und feststellen muss, das da wohl eine Maus am Werke war. Das Mistvieh hat den Korkgriff angeknabbert. Zum Glück nur ein kleines Stückchen, so dass die Rute noch zu gebrauchen ist.

    D:A:M. Region I steht auf dem Blank, Länge 2,40m. Und ein roter Aufkleber - etwas angegriffen -  der sagt, man solle damit nicht auf Starkstrommasten klettern. Jaja, die ersten Kohlefaserruten. An einem Haken an der Wand hängt die alte Fliegenfischerweste. Von Shakespeare, wie der Aufkleber verrät. Den Staub ein bisschen abgeklopft und Anprobe. Passt noch, prima. In den Taschen finde ich das ganze Zubehör, so als wenn ich grad gestern das letzte mal am Bach gewesen wäre. Nagelknipser, Fliegenboxen, Vorfächer, Arterienklemme, Maßband, alles noch da. Ein Blick in die Fliegenboxen lässt Erinnerungen aufkommen. Sedges in verschiedenen Farben und Größen, Red Tag, Blue Dun, Cowdung, Royal Coachman. Erstaunlich wie sich nach so langer Zeit die Namen im Gedächtnis festgesetzt haben. Die Box mit den Nymphen ist auch wohl gefüllt. Hier haperts aber mit den Namen, war sowieso nicht mein Lieblingsthema. Ah, da liegt ja auch die Rolle, eine ABU Diplomat 156 incl. einer schwimmenden Schnur. Na, ob die noch funktioniert ? Die Watstiefel hängen auch noch da. Na ob die noch dicht sind ? Von Aigle waren sie und damals schweineteuer. Aber sie sehen noch ganz passabel aus. Mal sehen.

    Och, mein Watkescher. Billigstes Teil. Alurahmen und grobmaschiges grünes Netzt. War sowieso nur ein Alibiteil, weil man´s ja mitführen muss. Fische hab ich nie gekeschert, sondern immer mit der Hand gegriffen, oder gar schon im Wasser abgehakt.

    Komisch irgendwie. Als ich so im Keller stehe, die alte Weste angezogen, die Fliegenrute in der Hand, durchströmt mich so ein seltsames Gefühl.

    Grad noch war ich sehr skeptisch, ob ich noch mal in das Fliegenfischen einsteigen soll. Jetzt merke ich, wie ich mich darauf freue. Typischer Fall von Kontaktinfektion.

    Also raus aus dem Keller mit dem ganzen Gerödel und rauf auf die Terrasse und dort alles ausgebreitet.

    Meine Frau kommt raus, sieht das Sammelsurium und schüttelt nur den Kopf.

    „ Schau mal Schatz, meine alte Fliegenausrüstung „

    „ Ja, toll „ begeistert Sie sich.

    „ Hey sieh mal hier die Fliegenweste. 15 Jahre alt und passt noch immer. Ich hab ja immer gesagt das Klamotten beim ständigen Waschen einlaufen. Das ist der Grund, warum vieles plötzlich nicht mehr passt, nicht dass ich zunehme. „ triumphiere ich.

    „ Versuch sie mal zuzumachen, dann reden wir weiter „ ist der kalte Kommentar meiner besseren Hälfte.

    Nun, ich hab meine Weste immer offen getragen und das soll auch so bleiben.

     

    Nach gründlicher Inspektion beschließe ich, nur die Vorfächer wegzuwerfen. Da will ich kein Risiko eingehen und knüpfe mir lieber ein paar neue. Die alte Schwimmschnur schwimmt immer noch ganz prima, wie ein Test in einer Wanne zeigt. Ein paar Mal durch einen feuchten Lappen gezogen, und auch die Kringel sind weg. Geht doch. Die Stiefel teste ich schnell am nahen Bach. Da ist ein Gumpen, der tief genug ist. Scheint alles in Ordnung zu sein, keine nassen Füße. Nur an den Waden sind sie ein wenig eng.

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    Schnell mal die Rute zusammengebaut und ein paar Trockenwürfe auf der Wiese gemacht. Geht auch noch. Es ist sicher so wie Fahrradfahren, einmal gelernt kann man´s für immer. Über den stylistischen Faktor schweige ich mal. Das war mir sowieso nie wichtig. Die Fliege muss dahin, wo ich sie hinhaben will. Das ist der Punkt.

     

    So ist es denn ein paar Tage später so weit. Mein Neffe und ich stehen am Fluss. Es ist schon ein komisches Gefühl, nach so langer Zeit. Mit meinem Neffen hatte ich schon einige Trockenübungen gemacht, doch nun wird´s ernst.

    „ Ich zeig Dir erst mal, worauf es ankommt. „ sage ich und steige ins Wasser. Ich habe eine freie Stelle ausgesucht, ohne Bäume und Büsche. Schließlich soll er nicht sofort gefrustet sein, sondern erst mal ein Gefühl für die Sache bekommen. Ich mache ihn auf die umherfliegenden Insekten aufmerksam.

    „ Schau, was durch die Luft fliegt und auf dem Wasser treibt, dann weißt Du, welches Muster Du anknoten musst. „

    Kleine gelb-grüne Eintagsfliegen sehen wir des öfteren. Also knote ich eineanzeige_kingfisher_50x100 Olivgrüne an. Der erste Wurf, nicht zu weit, denn ich bin ja auch außer Übung. Zack, der erste Fisch, beim ersten Wurf. Eine kleine Bachforelle konnte nicht widerstehen.

    Mein Neffe ist begeistert. Ich auch, tu aber so als sei das völlig normal. Innerlich aber freue ich mich wie ein Schneekönig.

    „ So, nun Du. „

    Ich schaue ihm noch eine zeitlang zu, gebe Hinweise und Ratschläge. Ganz passabel macht er das. Nach einiger Zeit lasse ich ihn alleine und gehe ein Stück stromauf.

    Zunächst weiche ich den dichtbewachsenen Stellen auch noch aus. Die kommen am Nachmittag dran, wenn ich wieder etwas mehr Gefühl für die Sache habe.

    An einer Stelle ist mein Ufer frei, aber an der gegenüberliegenden Seite hängen Äst über. Eine perfekte Stelle. Zunächst werfe ich vor die Äste, erst etwas kürzer, dann immer näher heran. Es klappt vorzüglich. Früher hab ich die Fliege mit einem Seitwärtswurf genau unter solche Äste bekommen. So manch guten Fisch hab ich damit bekommen. Kaum zu Ende gedacht, sehe ich einen schönen Ring unter den Ästen und auch einen stattlichen Fisch, der sich gemütlich ein Insekt von der Oberfläche geholt hat und sich nun scheinbar träge wieder zurücksinken lässt.

    Na warte mein Freund, deine Sorte hab ich schon immer besonders gerne gehabt.

    Zwei, drei kurze Schwünge, ablegen und da hängt sie auch schon....... die große Weide, die Ihre Äste über das Wasser streckt. Klarer Fall von Selbstüberschätzung. Die Weide behält meine Fliege und ich knote eine Neue an.

    Kurze Zeit später hängt die nächste Bachforelle am Haken. Knapp mäßig ist sie und wunderschön gezeichnet. Natürlich darf sie wieder zurück.

    Ich beschließe, mal wieder bei meinem Neffen nach dem rechten zu sehen. Vielleicht muss ich ja operieren. So wandere ich am Ufer entlang zurück. Aus der Ferne sehe ich meinen Neffen in einem breiten, flachen Stück stehen. Ich hab ja Verständnis dafür, dass er sich seine Plätze noch mehr nach den Wurfmöglichkeiten aussucht, als nach Fischunterständen. Eine Reihe von Büschen versperrt mir dann die Sicht, bis ich nach gut 100 Metern auf seiner Höhe bin. Grade sehe ich noch, wie er sich bückt und mit sicherem Griff eine stattliche Forelle greift. Nun bemerkt er mich auch, wendet mir sein hochrotes Gesicht mit einem breiten Grinsen zu, und hält mir eine gut 35cm lange, prächtige Bachforelle entgegen.

    „ Das ist schon die fünfte, aber auch mit Abstand die größte." Sagt er.

    „ Fliegenfischen ist ja so geil „ Man kann seine Begeisterung förmlich spüren.

    „ Was meinst Du „ fragt er mich, „ sollen wir die mitnehmen „ ?

    „ Das musst Du entscheiden „ antworte ich. „ Wenn Du sie heute Abend frisch zubereiten willst, nimm sie mit. Es ist ein ausgezeichneter Speisefisch . Wenn Du sie mitnehmen willst, um sie zuhause vorzuzeigen dann denke daran, dass Du zwar den Fisch mitnehmen kannst, aber nicht die Schönheit. Die goldene Farbe wird verblasst sein, die Augen stumpf und auch die roten Flecken leuchten nicht mehr so kräftig. „

    Er schaut kurz auf den Fisch, sieht mich an, grinst, und setzt den Fisch zurück.

     

    Wir fischen dann noch eine ganze Zeit weiter, mit mäßigem Erfolg. Jedenfalls was das fangen angeht. An einer Stell muss ich mich durch dichte Büsche schlagen und auch ein Stück am und im Wasser herumturnen, um an eine gute Stelle zu gelangen. Dort setze ich mich erst mal auf einen Stein und verharre mucksmäuschenstill. Die Fische haben mein Gepolter sicher vernommen und so ist es angeraten, erst mal ruhig zu sein.

    Ein paar Minuten sitze ich so bewegungslos und lasse nur meine Augen über das Wasser gleiten. Aus den Augenwinkeln sehe ich plötzlich eine Bewegung in den Ufersteinen. Etwas braunes huscht flink über die Steine, taucht dazwischen ab um an anderer Stelle wieder zu erscheinen. Dabei kommt es immer näher. Ich erstarre zur Salzsäule, will wissen, welches Tier dort herumturnt. Knapp fünf Meter ist es noch weg, als ich es zum ersten mal richtig erkennen kann. Ein Wiesel auf Uferpatroullie. Rasch kommt es näher und sitzt schließlich keinen halben Meter von mir entfernt auf einem Stein. Wahnsinn. Ein paar Sekunden schauen wir uns in die Augen, dann meine ich plötzliches Entsetzen in seinem Blich zu sehen und weg ist es.

    Ein tolles Erlebnis.

    Am frühen Nachmittag beschließen wir, eine Pause zu machen. Ab nach Hause, den Grill anschmeißen um rechtzeitig zum Abendsprung wieder am Wasser zu sein.

    Leider fällt diese ziemlich mager aus. Zwar schwirren Unmengen von Insekten umher, aber die Fische wollen nicht so recht. Ein paar halbstarke Forellen fallen zwar auf unsere Imitate herein, aber der große Fang bleibt aus.

    Macht nichts, es war ein wunderschöner Tag.

     

    Ich muss ehrlich gestehen, selten einen Tag so genossen zu haben, wie diesen. Nicht nur, dass ich mit uraltem Gerät und nach ewiger Zeit noch recht passabel gefangen habe. Nicht nur, dass mein Neffe bei seinem ersten Einsatz als Fliegenfischer eine hervorragende Figur gemacht hat. Nein, auch das Erlebnis mit dem Wiesel, die Blumen und Insekten, das anschleichen und verharren, all das hat mich doch wieder sehr fasziniert.

    Und nicht zuletzt wurde ich auch wieder in meiner Ansicht bestätigt, dass der ganze Hype ums Fliegenfischen, perfekte Wurfstile und High End Tackle vielleicht eine subjektive Bedeutung hat, letzlich aber für das erleben und genießen des Angelns vollkommen unerheblich ist.

     

    Ralf Dahlheuser

     

    Kommentare 

     
    0 #1 j4ni 2008-06-03 13:50
    Schöner Text, danke!
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    0 #2 Peter 2008-06-04 12:38
    Hiervon können nur die ausdauernden und ruhigen Zeitgenossen berichten.
    Feiner Bericht, machte Spaß am Erlebten teilhaben zu dürfen!

    Gruß
    Peter
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