Ausgabe Mai 2012

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    Die Lenne

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    Die Lenne – ein Ökosystem zeigt ihr Gesicht

    Das von den Römern genannte Fließgewässer Lehna – die Lenne – kennen die heutigen Anrainer des Lennetales hauptsächlich als „gelbe Kloake“ und Giftschlucker der Industrie. Als miserables Markenzeichen der Industrie schlängelte sich dieser fast 100 Jahre biologisch verödete Fluss 129 km durch das Sauerland und prägte sich als toter Fluss bei den Anwohnern ein.

    Erst in den letzten Jahrzehnten  wurde die Wassergüte – dank der intensiven Umweltpolitik – verbessert und die Wiederansiedlung einiger Fischarten durch Besatzmaßnahmen von den angrenzenden Angelsportvereinen ermöglicht. Diese Pionierarbeit muss heute schon als Fortschritt auf dem Gebiet des Umwelt- und Artenschutzes gelten.

    Denkt man jedoch an die Lenne mit ihren Nebenbächen, bevor die Industrie deren Funktion als „Abwasserkanäle“ erkannte, so stellt man fest, dass der Natur noch lange geholfen werden muss, damit dieses Ökosystem wieder so wird, wie es einmal war.

    Der heutige Anwohner der Lenne macht sich kein Begriff von dem Fischreichtum, der bis zur frühen Industrialisierung der Täler in der Lenne herrschte. Vor allem Lachs, Forelle, Hecht und Aal kamen in solchen Mengen vor, dass der Beruf des Fischers lange Zeit der einträglichste im Lenntal war.

    Während der Fischfang (wie auch die Jagd) bei den Sachsen noch für jeden Stammesgenossen frei war, änderte sich das schon unter den Grafen von der Mark wie auch denen von Limburg. Die Fischerei wurde von ihnen nur zum Teil an die Bevölkerung freigegeben. Aber auch der Teil warf noch so große Erträge ab, dass die Fänge oft kaum verkauft werden konnten. Karrenweise fuhr man die Fische zu den Leuten, die auf den Höhen wohnten, so nach Iserlohn, Wilbingwerde, Breckerfeld, Lüdenscheid und sogar nach Solingen. Oftmals musste der Rest sogar verschenkt werden, weil sich kein Käufer mehr fand.

    Es mangelte auch damals schon nicht an Kuriositäten, die mit der Fischerei zusammenhingen. So verboten die Pächter, als zeitweise der Fischbestand zurückging, das Baden an der Lenne und das Reiten der Pferde in die Schwemme, um die Fische nicht zu beunruhigen. Ja, sogar das Halten von Enten wurde mit Strafe bedroht.

    Eine grundlegende Änderung  dieses Zustandes trat erst ein, als die Lennetaler begriffen hatten, dass man mit Hilfe von Wasserrädern Geld verdienen konnte. Als die Waldschmiede von den Bergen in die Täler zogen, als die Drahtzieherei aufzublühen begann, da war auch der Zeitpunkt des Kampfes zwischen Industrie und Natur gekommen.

    Zum Betrieb der Wasserräder brauchte man aufgestautes Wasser, also baute man Wehre (Schlächte) und leitete es in Obergräben zur Drahtmühle. Und je größer der Betrieb wurde, desto mehr Wasser brauchte man und umso höher wurde die Schächte. Dass diese aber ein nicht zu überwindendes Hindernis für die flussaufwärts strebende Wanderfische Lachs, Aal, Stör, Nase und Maifisch wurden, merkten die Fischer nur zu bald und pochten auf ihre älteren Rechte. Es begann ein jahrhunderte langer Kampf, der sogar zum offenen Aufruhr führte. Während die celvische Regierung 1525 eine Verordnung erließ, dass die Schlächte nur eine bestimmte Höhe haben dürften, die von den Fischen übersprungen werden konnten, geriet diese Verordnung aber im Dreißigjährigen Krieg in Vergessenheit und der Streit begann von neuem. 1650 rotteten sich im gesamten unteren Lennegebiet die erbitterten Leute zusammen und zerstörten mit Gewalt sämtliche Schächte. Das war Landfriedensbruch, da ja auch die Lebenswichtigen Kornmühlen davon betroffen wurden und der wurde bestraft. Aber die Fischer erreichten eine befriedigende Lösung ihrer Existenzfrage.

    Ihr Schicksal aber konnten sie nicht aufhalten. Immer mehr Draht- und Eisenwerke wurden an der Lenne errichtet. Hohenlimburg und seine Nachbarorte wurden geradezu von Eisen geprägt. Jedoch waren die Fangergebnisse noch vor wenigen Jahrhunderten, vor dem Bau der Ruhr-Sieg-Bahn, an der Lenne sehr enorm.

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    Barsche, die sehr häufig waren, wurden durchaus bis vier Pfund schwer, ein besonders kapitaler Kerl, oberhalb Werdohl gefangen, wurde über sechs Pfund.

    Eine Schleie in der Bigge gefangen, brachte fast 3 ½ Pfund. Während diese jedoch im unteren Lennetal verhältnismäßig selten war, konnte die Barbe sehr häufig, besonders in den 80iger Jahren, mit Angel und Netz gefangen werden. Die schwerste wog über acht Pfund.

    Große wirtschaftliche Bedeutung hatte auch in den frühren Jahren die kleine Elritze, auch „Maipiere“ genannt. Sie wurde in tausenden in Reusen gefangen, abgekocht und mit Essig, Pfeffer und Lorbeerblätter in Flaschen und Krüge eingemacht und verkauft.

    Ebenfalls in Mengen kam die Äsche vor, die bis zu zwei Pfund erreichte und fast nur mit der Luthe (eine Art Hebenetz) gefangen wurde. Die schwerste bekannt gewordene Forelle wurde nach Prof. Landois im Dezember 1885 bei Altena gelandet. Sie maß 90 cm und wog 10 Pfund. Bei Werdohl fing man wenig später eine von sechs Pfund Gewicht.

    Leidenschaftlich wurde auf Hecht gefischt, wahre Prachtexemplare müssen damals die Lenne bevölkert haben, waren doch 15pfündige Hechte durchaus keine Seltenheit. Noch heute sind Relikte aus der damaligen Blütezeit der Lennefischerei im Schloss Hohenlimburg zu sehen.

    Noch in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts wurden verhältnismäßig viele Lachse in der Lenne und den Nebenbächen gefangen. So berichtet Landois, dass 1850 in dem Hundem, einem Nebenfluss der Lenne bei Altenhundem, 20 Pfund schwere Lachse mit der Angel gefangen wurden. 1855 kamen sie noch 10 Pfund  schwer in der Lenne oberhalb Werdohl vor.

    Sehr zahlreich war auch der Aal vertreten, der zwischen drei und sechs Pfund erbeutet wurde, meist am so genannten Aalseil, einem Strick mit einer Anzahl Seitenschnüren, die mit Haken versehen waren. Als Köder verwendete man die verschiedensten Kleinfischarten, die reichlich in der Lenne vorkamen, mit Vorliebe jedoch die Koppe, die im Volksmund „Kuhläpper“ genannt wurde.

    Interessant sind auch die früher im unteren Lennetal benutzten Plattdeutschen Namen der Fische (siehe Tabelle). Noch heute gibt es ein Gewässer in Werdohl-Dresel, das den älteren Anwohnern noch als „Schnauksgump“ (Hechtloch) bekannt ist.

    Die im unteren Lennetal benutzen Plattdeutschen Namen einiger Fische

    Deutsche Namen          Plattdeutsche Namen                Wissenschaftliche Namen

    Hecht                          SCHNAUK                               Esox lucius L.

    Brassen                       BLEIER                                  Abramis brama (L.)

    Nase                            MUNDFISCH                          Chondrostoma nasus (L.)

    Gründling                     HOTTELTE                             Gobio gobio (L.)

    Elritze                          MAIPIERE                              Phoxinus phoxinus (L.)

    Schmerle                     GRUNSELTE                           Noemacheilus barbatulus (L.)

    Aal                              AOL                                      Anguilla anguilla (L.)

    Flussbarsch                  BOSS                                    Perca Fluviatilis L.

    Koppe                         KUHLÄPPER                           Cottus gobio L.

    Wie viel Fische es an der Lenne noch um 1830 bis 1860 gab, schreibt W. Hennemann, Werdohl in den „Beiträgen zur Heimatkunde des Kreises Altena“, Jahrgang 1930.

    Der Bestand an Fischen muss noch so groß gewesen sein, dass ein Prozess um die Fischereirechte zu lohnen schien (s. Heimatblätter Hohenlimburg). So klagte im Jahre 1863 der ehemalige Besitzer des Schultehofes zu Halden, gegen den Besitzer des Rittergutes Busch, den Freiherrn Georg von Vinke zu Ostenwalde, diesen zu verurteilen, sich der Fischerei in der Lenne längs des klägerischen Grundstücks zu enthalten, ihm ferner eine Wegegerechtigkeit auf seinem Grundstück abzuerkennen. H. Hemanni schreibt, für das Fischen an sich hatte sich folgende Praxis herausgebildet: „ Zu beiden Seiten der Lenne wurden in gleicher Höhe an Land Pfähle eingeschlagen, zwischen denen mit Hilfe eines Bootes ein Netz, das bis auf dem Grund reichte, ausgespannt wurde. Von den Booten wurden Fische mit Paddelschägen auf das Wasser in das Netz getrieben. Für die mit dem Fang zusammenhängenden Arbeiten durften die anliegenden Grundstücke /Wegerecht) betreten werden“.

    So war es auch noch nach dem Prozess, denn die Klage wurde abgewiesen

    Große Aufregung gab es, als 1884 oberhalb von Werdohl in der Lenne ein Riesenfisch von ca. 3 Meter Länge gesichtet wurde. Obwohl man mit der Angel, Netzen und Gewehren Jagd auf ihn machte, konnte er doch entkommen. Nach den zahlreichen Berichten von Augenzeugen kann es sich nur um ein Stör gehandelt haben. Um dieselbe Zeit wurden nämlich bei Hameln in der Weser zwei Störe gefangen, von denen der schwerste 3 ½ Zentner wog.

    Aber auch die Fischfresser waren früher an der Lenne heimisch. So berichtet der Heimatforscher Hennemann von der Jagd auf einen Fischotter, der in einem Stauwehr bei Bärenstein hauste.

    Die Lenne ist nach alten Berichten seit eh und je ein reiches und reichhaltiges Fischgewässer gewesen. Die zunehmende Industrialisierung des Lennetales gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte eine totale Verschmutzung des Wassers durch Säuren, eingehend mit der fast völligen Vernichtung des Fischbestandes, zur Folge.

    Nun möchte ich diese Zeitepoche der Lenne, die bis zur Vernichtung des gesamten Ökosystems führte, mit einigen Sätzen beschließen, die Prof. Landois 1892 in „Westfalens Tierleben schrieb:

    „Von der Lenne und Bigge her wird über die Abnahme der Fische trotz des neuen Fischereirechtes geklagt. Es ist traurig anzusehen, wenn man beispielsweise von Meggen an der Lenne hinuntergeht bis unterhalb von Hohenlimburg, wie die gelben Kloaken ungehindert in den Fluss sich ergießen. Bei einer solchen Verpestung der Flüsse geht nicht allein der Fisch zurück, sondern auf Dauer müssen Mensch und Vieh erliegen“.

    Nun wäre es falsch, wenn ich als Verfasser dieses Berichtes die Lenne nicht in der heutigen Zeit vorstellen würde, denn dieser Fluss gilt als eines der Besten Beispiele in Deutschland – wie aus einer „gelben Kloake“ und Giftschlucker der Industrie, durch den Einsatz von Anglern sich ein Fischgewässer entwickelt  hat – welches vorzeigefähig ist  – obwohl noch reichlich Hindernisse bewältigt werden müssen .

     

    Fortsetzung folgt

    Heinz-Otto Kamphues


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