Ausgabe Mai 2012

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    Dorsch on the Fly

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    Anzeige_Zebco_50x250mm_2004Dorsch on the Fly

    Kälte, Schnee, kurze Tage, lange Nächte (obwohl das auch Vorteile haben kann...). Jedenfalls magere Zeiten für die meisten Fliegenfischer, denn irgendwann sind auch alle Fliegenboxen wieder durch Nachbinden aufgefüllt...

    Um Euch diese saure Gurkenzeit ein wenig zu versüßen, bringe ich diese Zeilen zu Papier (oder zur Tastatur, gewissermaßen).

    Es ist eigentlich nur ein Erlebnis von vielen, aber ich erzähle es gern und genieße vor allem selbst die Erinnerung an das Erlebte - oder hat es mir nur jemand erzählt? Es kommt mir jedenfalls so vor, als wenn ich dabei war und es erst gestern gewesen wäre. Und die Gedanke lassen meine Finger schon wieder jucken in Erwartung des Ruckes in der Rute. Ich höre das Rauschen der Brandung übertönt vom Schrei einer einsamen Möwe an einem kalten Herbstabend im November...(seufz!)

    Jetzt aber los, also

    Mission Gadus morhua

    oder

    Dorsch on the fly

    Im fahlen Licht des halben Herbstmondes stapfte er am Strand der Ostsee entlang. Es war zwar erst später Nachmittag, aber schon stockdunkel. Der Himmel war sternklar und ließ ihn die dünne weiße Linie der Wellen, die am Strand leckten, deutlich sehen.

    „Zu hell!“, brummelte er und dann „Wohl doch nicht“, als er prompt über einen der dicken Ostseesteine, die sich erfolgreich im Sand verbargen, stolperte.

    Alles war von langer Hand geplant und heute sollte es klappen.  Schon einmal musste die Mission zugunsten von Petrus verloren gegeben werden, da 7 Bf von vorn auch einen Berufsoptimisten wie einen Fliegenfischer am Meer zu einem sich den Tatsachen beugenden Realisten werden lassen. Aber nicht so heute.

    1,5° C, 1 Bf (von hinten) sollten zu bewältigen sein. Temperaturresistent gekleidet (Pullover+Pullover+Thermounterwäsche+gefütterter Watjacke über der engen Neoprenhose) sah er wahrscheinlich eher aus wie das berühmte Michelin-Männchen in Aerobic-Höschen, aber das war egal, da sowieso weit und breit niemand war, der sich darüber hätte amüsieren können.

    Zielstrebig hielt er auf den Platz zu, den ihm die sogenannten „gut informierten Kreise“ verraten hatten. Hier sollte es klappen, den Fisch mit Fliege und Fliegenrute vom Ufer zu fangen, den er in seinem früheren Leben als „normaler Angler“ mit Blinker, Pilker, Gummi, Wattwurm und was man alles in einschlägigen Geschäften erwerben kann, so häufig an den Haken und schließlich auch in die Pfanne überführt hatte.

    Zögernd blieb er stehen und ließ sich die geographischen Eckpfeiler seines Informanten durch den Kopf gehen. Prüfend ließ er seinen Blick schweifen.

    „Hier muss es sein.“, sagte er zu sich und stapfte, bewaffnet mit der guten 7/8er ins Wasser. Das Wasser war extrem niedrig und klar, so dass er im Lichte des Mondes nahezu jeden Stein unter Wasser ausmachen konnten.

    „Gut zum Waten, beschi.. zum Angeln“, brummelte er sich in den Bart (den er nicht hatte). Vorsichtig pirschte er sich seewärts, soweit es der Wasserstand zuließ, um mit dem Angeln zu beginnen. Die Wasseroberfläche war glatt wie der vielzitierte Kinderar...

    Wusch!! Die Welle kam so unvermittelt, dass sie ihn beinahe von den Beinen holte. Kaum hatte er sein Gleichgewicht wiedergefunden, war alles wieder so ruhig, wie in einem Aquarium, ein Kaltwasseraquarium wohlgemerkt.

    „Verdammt, wo kam die denn her...“ Wusch, kaum 20 Sekunden später die nächste. Obwohl er nur bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand spritzten ihm einige Tropfen bis ins Gesicht.

    Ärgerlich wischte er sich das Salzwasser aus den Augen, überprüfte, ob die Zigaretten in der Brusttasche noch trocken waren (was sie waren), und brummelte etwas von

    „Herausforderung...“ und „wenigstens nicht einschlafen“ während er die ersten Meter Schnur von der Rolle zog.

    Ein kurzer, zufriedener Blick im Schein der Kopflampe auf die in stundenlanger Arbeit angefertigte Geheimfliege. Dann kamen die ersten Rutenschwüngen, um das Gebilde aus Federn und Glitter endlich in die Reichweite der begehrten Beute zu bringen. Nach den ersten Probewürfe in der ungewohnten Dunkelheit beschleunigte er den Basstaper mit zwei kraftvollen Doppelzügen und das Reartaper rasselte durch die Ringe und verlor sich in der Dunkelheit. Der Blick auf den verbliebenen Schnurrest sagte, dass etwa 20 Meter Schnur auf der Ostsee dümpelte. Das sollte reichen, sagten jedenfalls die Experten und nebenbei, egal was sie sagten, mehr oder weiter konnte er sowieso nicht.

    Jetzt sollte es sich zeigen, ob der Tipp gut und er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, denn er hatte in seinem Anglerleben wahrlich schon viele „gute“ Tipps erhalten, aber diese Quelle war eigentlich „vertrauensvoll“. Schnur leicht strecken, Streamer sinken lassen und Kippe an. Strip, strip, Pause – strip, strip, Pause – strip, strip, ruck, ruck, was war das? Gibt’s doch gar nicht, erster Wurf und ein Biss? Sofort ging die wohlbekannte Aufregung durch seinen Körper. Schnell weiter vielleicht holt er ihn sich noch mal, und strip, strip, - nichts.

    Bald konnte er das Ende der Fliegenschnur sehen und mit schnellen Zügen schossen Schnur und Fliege erneut in die Dunkelheit. Wurf – strip, strip, usw.... Nach diesem Auftakt wechselten im Laufe der nächsten Stunde Aufregung in Langeweile (zugegeben von der anglerischen Tugend der Geduld hatte er leider nicht viel mitbekommen) und angespannte Erwartung in Resignation.

    Zudem wechselte auch das Temperaturempfinden in seinen Schuhen Richtung Winteranfang. Selbst die mystische allerletzte Zigarette wollte keinen Fisch an seine Geheimfliege zaubern. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr war es wohl kein Biss, sondern Seegras gewesen und, wenn man es genau betrachtete, waren die Bedingungen auch schlecht. Heller Mond, niedriges Wasser, mittlerweile komplett eingeschlafener Wind und praktisch keine so wichtige Strömung.

    „Tja, war einen Versuch Wert.“, sagte er zu sich und kurbelte die Schnur zurück auf die Rolle.

    Rumps. Hänger? Neee. Gibt’s doch gar nicht Fisch, beim letzten Einkurbeln, das glaubt mir keiner.

    Erst ließ sich sein Kontrahent schwer, aber widerstandslos herankurbeln. Nach einigen Metern jedoch verbeugte sich die Rute unter den stumpfen Stößen und 2-3 Meter Schnur verließen die Rolle. Trotz heftiger Gegenwehr und einigen hin und her währte der Kampf nur kurz bevor er einen feisten Dorsch in der Hand hielt und eigentlich eher ungläubig im Schein der Kopflampe anstarrte, als wenn es der erste Dorsch in seinem Leben wäre. „Ich fass es nicht, Dorsch auf Fliege. Das ist ja der Hammer.“

    Schnell war der Dorsch versorgt (denn er hatte ein versorgungswürdige Größe, um hier gleich allen Missverständnissen vorzubeugen) und die Fliege wieder dort in transportiert, wo sich seine Geschwister oder besser seine Eltern aufhielten.

    Tatsächlich hielt er es noch fast zwei weitere Stunden, 135 weitere Wellen und 49 Würfe in der Ostsee aus. Und tatsächlich hatte er noch Bisse, verlor zwei Fische und konnte noch einen schönen Filetdorsch entnehmen.

    Resümee (die nüchterne Betrachtung):

    Die Mission war ein voller Erfolg und Dorsch on the fly wird wiederholt.

    Resümee (die emotionale Betrachtung):

    Es war total gei..und es kribbelt schon wieder, wann ist endlich das nächste Mal, Fliegensindschongebunden, neueRuteundSchnurgekauftundichwilldawiederhin..... ........

    Na ja, emotional halt, ihr kennt das ja!!

    Auf dem Rückweg zum Auto stellte sich in seinen Füßen wieder Gefühl ein, in dem gleichen Maße in dem es ihn in den Händen verließ, als er die Fische zu Auto trug. War aber nicht schlimm, weil die Schmerzen in den Händen beim Eiskratzen auf den Scheiben langsam nachließen (Temp: -2°C) und dazu führten, dass er seine Fische noch verletzungsfrei am Strand im Schein der Kopflampe filetieren konnte.

    Ja, so war das!

    Angeln ist eben jedes Mal etwas neues und weit mehr als Fische fangen, aber wem sag ich das......

    Ach ja, vielen Dank dem Informanten, der hier namentlich selbstverständlich nicht genannt wird. Der Tipp war super!!

    So, ich hoffe, ihr hattet ein bisschen Unterhaltung in dieser angelarmen Zeit.

     

    Uwe Holzkamp

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