Ausgabe Mai 2012

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    Werbung für Angelgerät - wie nah an der Wahrheit?

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    Werbung für Angelgerät – wie nah an der Wahrheit??

    Bei den Autos gibt es akzeptierte Unterschiede bezüglich der verschiedenen Klassen, bei Restaurants sogar eigene Führer, alles wird klassifiziert und kategorisiert. Und oft wird dabei vergessen, dass ein vielleicht objektiv nicht so gutes Produkt oder Dienstleistung subjektiv für den einen oder anderen aber genau das Richtige sein kann.

    Das fällt auch immer wieder bei Diskussionen im Anglerboardforum auf, wenn es um die Qualität von Angelgerät geht. Es gibt fast kein Gerät dass da nicht heftige Diskussionen auslösen kann. Gerät auf das der eine schwört, und der andere dafür runtermacht.

    Das Problem dabei: Die objektive Qualität kann von uns Anglern oft nicht richtig beurteilt werden, da uns da einfach zum Teil Sachkenntnis und auch Hintergrundwissen fehlt. Da wird dann viel vermutet, fabuliert, und auch „gerüchteweise“ in Umlauf gebracht.

    Ein gutes Beispiel dafür sind geflochtene Schnüre. Jeder hat „seine“ Lieblingsmarke, die er oft seit Jahren fischt und auf die er schwört – „DIE SCHNUR“ mit dünnem Durchmesser und hoher Tragkraft. Das wird dann auch mit Vehemenz gegen andere Meinungen verteidigt, bis dann einmal objektive Messungen vorliegen, welche die Schnüre vergleichbar machen – und da ist dann mancher Traum von der dünnen Schnur mit der hohen Tragkraft schnell geplatzt.

    Ein andres Beispiel sind die Rollen. Der eine schwört auf den einen Hersteller, der andere auf den andren, dabei kommen vielleicht beide Rollen aus derselben Fabrikation. Eine andere Farbe, ein Kugellager mehr oder weniger, ein anderes Logo, schon ist die neue Qualitätsrolle fertig. Wobei Kugellager ein gutes Stichwort ist:

    Immer noch scheint nach dem Kaufverhalten vieler Angler es doch so zu sein, dass die Zahl der Kugellager als Qualitätskriterium gehandelt wird. Zum einen wohl weil das ein einfach zu zählendes und damit zu bewertendes Detail ist, zum anderen weil die Industrie auch jahrelang damit geworben hat.

    Das gleiche gilt auch für die Angelruten. Jeder schwört auf seine Marke, nur mit der Rute XYZ in 3,15 kann man wirklich mit dem 18 – Gramm XYZ – Blinker wirklich die 100 – Meter – Grenze bei der Wurfweite schaffen, dazu ist dies die einzige Rute die dabei noch gute Drilleigenschaften hat. Unzählige Bezeichnungen für die Fasern, aus denen die Ruten gefertigt werden geistern durch Anzeigen und Medien, mit jeder „neuen“ Faser gibt es Ruten mit jetzt endlich den ultimativen Eigenschaften. Und das für den Angler oft wichtig Kriterium des Wurfgewichtes bei einer Rute wird mangels objektiver und in der gesamten Industrie akzeptierten Messmethoden eben weiterhin geschätzt....

    Auch beim Zubehör ist das nicht anders, ob das die Tragkraft der Wirbel angeht, die Roststabilität bei Sprengringen, die Schärfe bei Halen und so weiter, und so weiter..........

    Dabei reagiert die Industrie letztlich nur auf den Markt (auch wen sie diesen teilweise selber entsprechend beeinflusst). Wenn Kugellager das Kriterium für den Rollenkauf sind, werden eben so viel wie möglich Lager in eine Rolle gepackt. In wie weit das in der Praxis Sinn macht, ist dabei nicht die Frage. Der Kunde will Kugellager – der Kunde bekommt Kugellager.

    Ein bisschen ist wie bei den Autos: Dort wird der Oberklassewagen mit aller Technik vollgestopft, um ein „Referenzprodukt“ zu bekommen, das soll dann imagemässig auch auf die „Brot- und Butterautos“ ausstrahlen. Die Toprolle zu 500 oder 600 Euros erfüllt genau denselben Zweck: Auch sie soll imagemässig die preiswerten Rollen „mitziehen“. Schau her, auch ich fische eine XYZ.

    Zudem ist heutzutage das Entwickeln von Produkten in den seltensten Fällen an den Praxiswünschen der Angler orientiert. Man braucht eine Rute für ein gewisses Segment im Markt, der Verkaufspreis wird festgelegt und dann erst schaut man, welche Komponenten man zu diesem Preis bei der Rute realisieren kann.

    So kommt es dann auch, dass jedes Produkt einer Firma – egal welcher Qualitäts- und Preisklasse – bei Markteinführung und Bewerbung immer das gerade „Ultimative“, das überhaupt „technisch machbare“ darstellt. Ob es sich dabei um eine 15 Euro – Rolle, eine 150 Euro – Rolle oder eine 500 Euro+ Rolle handelt ist dabei egal. Was mir dabei fehlt ist, dass die Hersteller und der Handel einfach mal selber ihre Produkte für die verschiedenen Einsatzzwecke „klassifizieren“ würden. Das würde dann viele „Fehlkäufe“ vielleicht nicht verhindern, aber zumindest minimieren.

    Denn was nützt einem „Wochenendegelegenheitsangler“ die teure Brandungsweitwurfrute, die laut Werbung schon fast alleine die Hundertmeterwurfgrenze“ knackt, wenn dieser Angler einfach auf Grund mangelnder Übung gar nicht die Möglichkeit hat, das Gerät überhaupt so auszulasten und einzusetzen dass er damit nur am Rande der gebotenen Möglichkeiten kratzt??

    Und ist ein engagierter Angler, der fast jede Woche draußen ist,. Nicht enttäuscht, wenn er auf Grund der Werbung eine preiswerte Rolle des imagemässig hoch angesehenen Herstellers XYZ kauft, um endlich auch in der „Oberliga“ mitzuspielen, diese Rolle jedoch eher für den oben genannten Gelegenheitsangler als für den dauerhaften Gebrauch konzipiert wurde???

    Was ich damit sagen will: Es gibt für mich grundsätzlich kein gutes oder schlechtes Gerät. Es kommt einfach drauf an, was für den einzelnen Angler mit seinen ganz persönlichen Anforderungen das richtige Gerät ist. Und da würde ich mir auch von der Industrie etwas mehr „Durchblick“ wünschen. Statt also jede Rolle als das ultimative technische Wunderwerk zu feiern, selbst wenn sich jeder ausrechnen kann dass das für 25 Euro eben nicht möglich ist, statt jede Rute als die auf Grund der neuen Wunderfasermischung absolut unzerbrechlich, weitwurftauglich und drillstark zu verkaufen, statt jeden Köder als den alleinigen neuen „Killer“ für alle Fälle zu loben, wenn das Gerät etwas sorgsamer auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen „Anglertypen“ hin beworben werden würde.

    Jajaja, ich weiß, ich bin da ein „unverbesserlicher“ Optimist. Die Industrie kann sich ja nicht mal auf eine gemeinsame Norm für das Wurfgewicht bei Ruten einigen, wie sollte das dann klappen???

    Vielleicht indem man Hersteller und (Groß)Händler, die ihre Produkt so realitätsnah wie möglich bewerben und dabei versuchen die Angler bestmöglich, ihren jeweils speziellen Bedürfnissen entgegenkommend und ehrlich beratend, auch mal dafür lobt und fördert! Statt dass wir Angler jeder neuen Werbeaussage nur mehr oder weniger „blind“ hinterher rennen um dann nach den ersten Praxiseinsätzen zu merken dass das Produkt zwar ganz nett sein mag, aber eben nicht für die persönlichen Bedürfnisse. Und damit schon wieder auf eine Werbeaussage reingefallen sind und das „neue, tolle“ Produkt gekauft haben und das „ehrliche“ weiter im Regal liegen bleibt.

     

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    Thomas Finkbeiner

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