Die See verzeiht nie......
Die See verzeiht nie...
von petipet
Langeland, 21. Mai 1993, Strand von Bukkemose, südlich von Spodsberg. Ententeichwetter. Es wird ein sehr heißer Tag werden. Keine Wolke am Himmel. Kein Problem, unsere drei 440er Terhi-Jollen vom Strand ins Wasser zu lassen.
Heute bin ich allein im Bötchen. Gisela und Werner - die beiden Frankfurter... Georg und Rupert aus Österreich schippern jeweils zu zweit raus auf den Belt. Zur roten Tonne, heißt wie meist die Devise. Heute wollen wir uns sogar noch etwas weiter raus wagen, mit diesen kleinen Schüsseln. Rechtweisender Kurs 80° - also fast platt Richtung Lolland. Wir wollen nicht mehr so stur in den Unterwassergebirgen in der Fahrrinne fischen. Endlich haben wir nach Jahren des Herumprobierens geschnallt, das Mr. Dorsch sich nur an eine Regel hält: „Was fresse ich am liebsten und wo gibst Futter." Tiefenlinien auf der Seekarte sind ihm schnuppe. Er will jetzt im Frühsommer den Spierling, den Sandaal. Und der zieht in Schwärmen zu Hunderttausenden über den flachen, 10 bis 15 Metern tiefen Sandgrund vor Lolland. Auch die oft starke Strömung im Langeland-Belt wirkt sich hier nicht mehr so aus. 80 Gramm Pilkerchen und kräftige Hechtruten reichen vollkommen. Wir haben begriffen, dass sich „feiner" auf Dorsch fischen lässt. Die Besenstiel-Pilkruten und die damals üblichen 200-300 Gramm Pilkerbomben sind für uns Vergangenheit.
Aber es ist immer riskant, sich mit einer 4.40er Verdrängerjolle weit auf die Ostsee zu wagen. 4 bis 5 Knoten sind drin. Mehr nicht. Und der Weg zurück kann bei westlichen Winden lang werden, mit den 5 PS Johnson von Erling Olson.
Die neuen 10 PS Tohatsu-Zweitakter haben sich in den vergangenen 2 Wochen als absolut zuverlässig erwiesen. 1/100 Gemisch -, ja, das war was neues. Vorbei die Zeit mit 1/50 und mehr oder minder verölten Kerzen. Über Getrenntschmierung konnte man sich in naher Zukunft freuen.
Bukkemose-Strand, 09.00h, 21. Mai 1993. Ich bin 500 Meter vom Ufer weg und warte auf die beiden Bötchen mit Werner und Gisela, sowie Rupert und Georg. Warum kommen die nicht nach? Ich schippere in Rufweite zu den beiden Jollen.
„Rupert hat sich den Scherstift abgeschlagen", ruft mir Werner mit trichterförmig vorm Gesicht angelegten Händen zu. „ Fahr du schon mal zu, wir kommen dann nach, am Propeller ist nix."
Na ja, so was passiert schnell. Im Uferbereich - liegen, bis es auf sieben Meter abfällt - kolossale Steinbrocken.
Beruhigt düse ich los. Ich lasse Gott einen guten Mann sein. Der Tohatsu brummt mit dreiviertel Gas, der Bug des Terhi zeigt Richtung rote Tonne. Und allmählich wird dieses Seezeichen größer. Ach, was ist das herrlich. Selten waren die Bedingungen so gut. Ich könnte ewig so weiter schippern. Ich brenne mir eine Zigarette an. Schnippsele eine Dose Tuborg auf. Ah, lecker. Zwei habe ich dabei. Eine für Vormittags, eine für die Rückfahrt. Das war damals meine maximale alkoholische Ration für acht Stunden auf See. Und damals fand ich das durchaus O.K. und heute auch noch.
Jetzt lag die rote Tonne achtern. Motor aus. Die Stille war schön. Dann gewöhnt sich mein Gehörsinn daran, dass es ja gar nicht still ist. Immer macht der Bootsrumpf Geräusche in der trägen Altdünung. Es gluckst. Manchmal poltert der GFK-Rumpf , wenn eine kleine Welle auf den Bootskörper trifft. So ein Schiffchen lebt halt. Auch wenn es nur aus GFK-Kunststoff ist.
Ich schaue nach Langeland. Am Horizont ist keine Küstenlinie im Westen in der Sommerglast auszumachen. Auch kein anderes Boot. Aber die zwei Terhi werden wohl bald in Sicht kommen. Es stört mich nicht, dass ich hier alleine bin, die werden schon bald kommen. Ich fange an zu Fischen und werfe den 80 Gramm Pilker aus. Bei 6-7 Metern Wassertiefe kurbele ich etwas ein. Rumpfs. Da klopft ein guter. Innerhalb einer halben Stunde habe ich vier Dorsche um die 70-80 ganz unspektakulär im Boot. Ich höre auf zu Fischen, weil ich mir Gedanken über die zu erwartenden Tagestemperaturen mache und jetzt beschließe, die Fische soweit wie möglich zu versorgen. Filetieren möchte ich sie nicht auf dieser Nuss-Schale, aber Kopf und Innereien kann ich mit drei Schnitten entfernen. Das habe ich von den Österreichern gelernt. Die Methode ist gut, aber beim vierten Dorsch passiert das Missgeschick. Ich setze das Messer knapp hinter dem Dorschkopf an um einen sichelförmigen Schnitt zu den Kiemenflossen bis zum Bauch zu machen... da hebt sich mein Bötchen - ich rutsche weg...unweigerlich. Nix besonderes ist passiert. Nur die Welle eines Dickschiffes. Und nicht mehr zu verhindern ist dann, dass mit vollem Druck die Schärfe der Messerklinge bis auf die Knochen der linken Hand dringt. Die Wunde klafft und blutet erst gar nicht. Vom Daumen bis zum kleinen Finger sind alle Sehnen durchtrennt. Dann pulst Blut aus dem Schnitt. Das ist ne Menge Blut. Ich wickele ein Fischhandtuch um die Hand. Das sifft sofort durch. Das Blut klackst hörbar auf den Bootsrumpf. Komischerweise habe ich nicht die geringste Angst. Ich überlege ganz nüchtern, was jetzt zu tun ist. Ich halte erst mal den Arm hoch, aber so sieht es optisch noch schlimmer aus, weil jetzt der Unterarm rot von Blut ist. So geht es nicht. Ich klemme die Hand zwischen meine Oberschenkel so fest ich kann. Irgendwie gelingt es mir, den Tohatsu anzuwerfen. Alles ist glitschig von meinem Blut. Ich fahr aus dem Kopf 220°. Der Peilkompass nutzt jetzt wenig; ich bin beschäftigt.
Bötchen fahren ist jetzt nicht mehr kinderleicht, weil ich mit rechts die Pinne führen muss. Gott sei Dank ist die Wasseroberfläche ein blinkender Spiegel. Aber ich wäre froh, ein Segel oder einen schwarzen Punkt auf der Kimm zu sehen. Eins von den schnellen Flitzern, den Sportbooten mit 2mal 125 PS wäre jetzt klasse. So eins würde mich in Nullkommanix nach Bagenkop bringen.
Mist. Nix ist zu sehen.
Irgendwie schaffe ich es, mir eine Zigarette rauszufischen und sie anzubrennen. Ich überlege meine Situation. Bis zur Küste brauch ich wenigstens eine gute Stunde. Und wo ich dann anlanden kann/werde, weiß der Henker. Zwischen der Südspitze - Gulstav - und Spodsberg liegen nur die Strände von Fredmose und Bukkemose. Da wohnen wir. Da gibt es Menschen. Bei diesem Traumwetter wird da schon jemand am Strand sein und mir helfen. Aber Langelands Strände sind lang. Da gibt es durchaus Abschnitte, wo man stundenlang allein spazieren gehen kann.
Soll ich in der Fahrrinne bleiben? Die Chance muss doch groß sein, dass mich hier einer aufliest. Aber ich verwerfe das. Was würde mir ein Tanker oder eine der Riesen-Fähren nützen. Schlimmstenfalls mangeln die mich unter. Schiffsbrücken sind doch kaum noch besetzt.
Nein. Seefahrtstrasse ist gefährlich. Das weiß doch jeder Landhansel. Wo ist mein kleiner Peilkompass? Dieses schwedische Ding. Da fällt mir ein - was nutzt das Ding jetzt? Ich weiß doch gar nicht mehr wo ich bin. Wie weit hat die Stromversetzung mein Terhi gebracht? Und wohin. Nach Süden oder Norden? Wie soll ich da noch einen Kurs absetzen.
Klar zu denken fällt mir jetzt schwerer. Die Sonne hasse ich jetzt. Ewig brennt sie mir in die Augen. Ich ertappe mich beim Einschlafen. Die Sonne brennt. Wenn die Augen zu sind, ist es angenehmer, fast komfortabel. Dann fange ich etwas an zu frieren. Das ist nicht normal, sage ich mir. Frieren ist doch Scheiße, hämmere ich mir ein. Das ist der Anfang vom Ende. Aber ich kann nichts dagegen machen. Dann sacke ich einfach weg.
Der Rest ist schnell erzählt. Mein Terhi-Bötchen fuhr jetzt Kreise. Steuerlos. Werner und Gisela aus Frankfurt suchten mich schon eine Weile. Aber denen ging allmählich auch der Sprit aus. Handys gabs damals noch nicht. Außer Schwimmweste, Schöpfkelle, Anker hatte ich keine Rettungsmittel an Bord.
Gisela sah mich. Erst dachte sie an einen Möwenschwarm. Dann war sie sich sicher, dass dieser Punkt am Horizont „petipet" sein müsste. Hätte meine Jolle nicht diesen idiotischen Kurs gefahren, wer weiß?
Als Werner meine Jolle enterte, (gar kein leichtes Manöver) und ich durch das Gerappel aufwachte, und mehr oder minder ausgenockt sein Gesicht sah und ihn erkannte, fühlte ich mich so erleichtert, wie ich es nicht in Worten schildern kann.
Auf Fynen, in Svendborg, wurde ich dann operiert. Mein Dank an das gesamte Personal dieses Krankenhauses von ganzem Herzen. Besser bin ich nie im Leben betreut worden. Dass die dänischen Krankenschwestern ausnehmend hübsch waren, versteht sich bei diesem freundlichen Land fast von selbst.
Peter Frey
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Kommentare
@Hermann: Erling ist es leider nicht so gut ergangen wie dem Berichteschreib er. Er begang eines Tages zu spielen, verlor alles, und wurde schlussendlich von einem Kollegen mit einem Jagdgewehr erschossen.