Der letzte Mohikaner: Blankherstellung und Rutenbau in Deutschland
Der letzte Mohikaner:
Blankherstellung und Rutenbau in Deutschland
Spricht man von „Rutenbau" und meint damit das ausrüsten gekaufter Blanks mit Ringen und Rutenhaltern und Lack, dann sträuben sich bei Reinhard Steiner die Haare:
„Das sind maximal „Aufbauer" aber keine Rutenbauer!........."
Da mag er nicht ganz unrecht haben. Und für mich war es auch mehr als interessant, einmal mit jemanden sprechen zu können, der wirklich noch Blanks selber in Deutschland herstellt. Auch deswegen, weil da jemand einmal wirklich weiß, von was er spricht - in vielen Diskussionen um Angelgerät, seien es Ruten oder Rollen, bei uns im Forum, sind da ja selbsternannte „Experten" unterwegs, denen es aber leider oft sowohl an theoretischem Wissen wie auch an Praxiserfahrung fehlt.
In einem über 800 Jahre alten Haus in der bayrischen Provinz werden die Ideen für RST entwickelt und umgesetzt. Und das letztlich nun schon seit 1972...
Mit 8 Leuten „Stammbesatzung" und je nach Auftragslage einigen zusätzlichen Arbeitern werden da aber nicht nur Angelruten gefertigt - vom der Herstellung des Blanks bis zum Aufbau der kompletten Rute.
Alles was aus Kohlefaser machbar scheint, damit wurde schon experimentiert und auch vieles auf den Markt gebracht, meist im jeweiligen Kundenauftrag. Das reicht dann von Teilen für die Autoindustrie über Schäfte für Jagdgewehre bis hin zu veterinärmedizinischem Gerät..
Die Passion und Leidenschaft, mit der Reinhard Steiner von der Kohlefaser erzählt, wurde ihm aber nicht in die Wiege gelegt. Er arbeitete früher mal für Cormoran, zu Zeiten als da gerade die Kohlefaser überhaupt erst mal für Angelruten entdeckt wurde. So bekam entsprechende Kontakte und machte nach einem gemeinsamen „Start" mit Cormoran ab 1982 alleine weiter - und schon 1983 kaufte er die ersten Maschinen in den USA.
So hat er sich nicht nur die Kenntnisse rund um da Material Kohlefaser erarbeitet, sondern auch immer weiter in Maschinen und später auch in entsprechende Computerprogramme investiert. Musste er in Anfangszeiten bis über 30 Prototypen fertigen, um die gewünschte Aktion einer Rute zu erreichen, wird heute das mittels eines speziell von ihm entwickelten Programm auf 2 - 3 reduziert. Dafür hat man ca. 50 DinA4 - Seiten Berechnungen für jede Rute vor sich liegen.
Das geht soweit, dass auch bei Ruten der gleichen Serien nicht die Ringe immer gleich sitzen. Denn auch die Platzierung der Ringe wird berechnet und nicht einfach geschätzt.
Für verschiedenste Ansprüche und Geldbeutel bietet RST Angelruten an. Das reicht vom „Einsteigermodell" für um die 160 Euro bis zur 38.000 Schweizer Franken teuren Einzelanfertigung. In „Serie" bietet RST dabei 3 unterschiedliche Varianten an. Dabei werden dann verschiedene Gelege verschieden aufgebaut, was dann zu enormen Unterschieden nicht nur in der benötigen Arbeitszeit, sondern damit auch zwangsweise auf den Preis hat.
Blankbau
Zum vorbereiten eines Blanks (Wicklung, schleifen, Lackieren etc.)sind folgende Arbeitszeiten nötig (Bezeichnungen sind firmeninterne):
UD - Gelege: ca. 20 Minuten
M3 - Gelege: ca. 2 - 3 stunden
M5 - Gelege: ca. 10 - 20 Stunden
Die Faser
RST verwendet dabei ausschließlich japanische Toray -Kohlefaser. Dabei wird wegen der höheren Bruchgefahr keine übermäßig hoch verdichtete Kohlefaser verwendet. Denn die Aktion seiner Ruten kommt aus der Faserlage und Verarbeitung und nicht aus der Modulation der Faser.
So werden bei RST in einer Rute auch verschiedene Faserverlegungen verwendet, um eine möglichst optimale Aktion zu erhalten. Und das in wesentlich dünneren Faserstärken, als es im Großserienbau überhaupt möglich ist. Daraus resultiert dann auch, dann z. B. in einer dünnen Spitze bei Großserienruten oft gerader mal eine „Überlappung" des Geleges von ca. 1,2 Lagen gegeben ist. Dank der dünneren Fasern sind das beim gleichen Spitzendurchmesser bei RST bis zu 3,5 Lagen. Dass damit eine besser abgestimmte Aktion erreicht werden kann, braucht man wohl nicht weiter ausführen...
Aber vor der Fertigung der Rute muss das Material ja zuerst einmal gelagert werden. Auch ich dachte, „na ja, Kohlefaser, „Plastik", das kann man locker irgendwo in die Ecke stellen..."
Und auch hier war ich auf dem falschen Dampfer. Da die Gelege einen Harzanteil enthalten, kann dieser schon bei Raumtemperatur langsam aushärten und so die Eigenschaften eines Blanks nachhaltig negativ verändern. Deswegen wird das Rohmaterial bei RST bei 20 Grad minus gelagert (beim anschauen des Tiefkühlers fühlte ich mich wieder in meine Gastronomiezeit zurückversetzt...).
Tiefkühllager
Ein weiterer „Irrtum", dem ich aufgesessen bin:
Je weniger Teile eine Rute hat, desto besser ist die Aktion.
Das stimmt zwar bei Großserienruten, wo nur ein Gelege mit einer Wickelrichtung verwendet wird. Nicht aber dann, wenn man Ruten so herstellt wie RST, mit verschiedenen Faserarten die computerberechnet in verschiedenen Richtungen verlegt werden.
Das Harz
Aber nicht nur die Faser als solche spielt eine Rolle - auch das Harz ist nicht unwichtig. Eine Rute aus 100% Kohlefaser kann es ja nicht geben, da immer das Harz benötigt wird, um ein entsprechende Matrix zu erhalten. Das sind im normalen Rutenbau aus Übersee Harzanteile bis über das Doppelte dessen, was bei RST verwendet wird. Da einem Bruch der empfindlichen Kohlefaser zumeist ein Bruch der Harzmatrix vorausgeht, ist die Verwendung von weniger Harz natürlich besser. Und die Eigenschaften der jeweils verwendeten Kohlefaser kommt mit weniger Harz besser bei den Ruten raus.
Da aber ein Gelege umso schwieriger zu verarbeiten ist, je weniger Harzanteil es enthält, ist das für asiatische Hersteller natürlich nicht rechenbar..
Dann kann man mit einer 4 - teiligen Rute sogar eine bessere Aktion als mit einer zweiteiligen erreichen - Man lernt halt nie aus..
Der Bau
Ein paar hundert Meter vom „Entwicklungs" - Haus entfernt ist dann die „Fabrikationshalle". Dort zeigte mir dann Felix Steiner, der Sohn, der wohl die Firma auch weiterführen wird, wie eine solcher Blank in der Praxis gebaut wird.
Auf beheizbaren Arbeitstischen werden die Gelege zum wickeln vorbereitet. Auch wenn das bei Felix dank langer Übung recht einfach aussah, es gehört neben der entsprechenden Übung auch eine gehörige Portion Präzision dazu, um bei jedem gefertigten Blank die gewünschte Qualität und Aktion zu erreichen..
Nach dem, Wickeln des Geleges auf den Mandrell (der Metallstab, um den das Gelege zur Formgebung gewickelt wird), wird die ganze Geschichte mit einer Spezialfolie umwickelt (sieht eigentlich aus wie Tesafilm). Das hat den Sinn und Zweck, dass beim späteren Brennen keine Luftblasen den Blank „angeluntauglich empfindlich" machen. Auf einer speziellen Maschine wird die Folie Lage neben Lage eng gewickelt.
Das Brennen
Erst danach geht's zum brennen des Blanks.
Während im Großserienbau natürlich schnellhärtende Systeme verwendet werden, um in einer gegebenen Zeit möglichst viele Ruten brennen zu können, geht Reinhard Steiner auch hier einen anderen Weg.
Zum einen werden bewusst „langsame Systeme" verwendet, um eine bessere Vernetzung von Harz und Faser zu erreichen, zum anderen wird zum Brennen ein spezielles, auch selber entwickeltes Stufenprogramm verwendet mit verschiedenen Temperaturstufen. Daher dauert das Brennen der Blanks bei RST ca. 2,5 Stunden - aber dafür fließt dann das Harz auch überall dahin, wo es hinfließen soll.
Das Schleifen
Auch hier geht RST wiederum einen bewusst anderen Weg als die Großserienhersteller. Während dort die Schleifmaschine eben auf ein bestimmtes Maß eingestellt ist und der Blank einfach „durchgejagt" wird bis alles „passt", wird jeder gebrannte Blank bei RST individuell geschliffen.
Beim groben Schleifen der Großserienhersteller wird dabei natürlich auch das Fasergelege beschädigt. Beim individuellen Schleifen wie bei RST wird dagegen nur das herausgetretene Harz bis an die Faser weggeschliffen, ohne die Faser selber zu verletzen. Das bedingt allerdings ein äußerst feines Schleifpapier, was wiederum die Arbeitszeit zum schleifen verlängert. Da wird dann mit Schleifpapier teilweise jenseits der 1.000er Körnung gearbeitet.
Das Lackieren
Seit ca. 12 Jahren benutzt RST schon UV - härtenden Lack, um damit eine optimal dünne Lackschicht optimal aushärten zu können.
Die Hardware
Als Ringe werden bei Spinnruten SIC- Ringe verwendet, deren Einlagen wie bei Fujis thermisch eingepasst werden.
Bei den Fliegenruten werden ausschließlich Ringe der englischen Firma Hopkins & Holloway benutzt.
Griffe
Für die Griffe wird außer für die Einsteigerserie nur bester portugiesischer Kork der Extraklasse verwendet.
Philosophie..
Wenn man einmal sieht, welchen Aufwand man in eine Rute stecken kann, ist das schon überraschend. Ich selber bin ja bekennender Anhänger von Ruten, die im Drill auch noch eine Aktion zeigen - die modernen „steinharten" Prügel sind da einfach nichts für mich.
Eine Philosophie, die auch Reinhard Steiner teilt. Da aber die Aktion im Drill nur das eine ist, die „Straffheit" und „Rückstellkraft" beim Wurf eine ganz andere, benötigt es eben wirklich eine Menge an Wissen und auch Können, um Ruten zu fertigen, die im Drill eine wirklich vollparabolische Aktion haben (über den ganzen Blank arbeiten) ohne dabei schwabbelig zu wirken und ohne dabei ein minderwertiges Wurfverhalten zu bekommen.
Mit dem entsprechenden zur Rute passenden Gewicht geworfen, laden sich die Ruten wirklich hervorragend auf und schleudern mit weniger Anstrengung und Kraft als bei Großserienruten den Köder weit hinaus.
Zu einem wirklichen Praxistest bin ich dabei noch nicht gekommen - aber der steht an...
Da RST, auch in Persona Reinhard Steiner und seines Sohnes Felix, wirklich ein absolut innovatives Unternehmen ist, das auch in der Lage ist spezielle Wünsche und Anforderungen nicht nur beim Aufbau der Rute, sondern schon bei der Entwicklung des Blanks mit zu berücksichtigen, wird auch weiterhin an neuen und innovativen Blank- und Rutenkonzepten bearbeitet.
Der "Chef", Reinhard Steiner..
Der "Nachfolger", Felix Steiner
Ich habe da auch schon einiges läuten hören und werde selbe demnächst etwas neues zum testen bekommen.
Wie immer im Anglerboard (und auch hier in der Anglerpraxis) zählt dabei aber ja nicht die Meinung der Redaktion oder des Redakteurs.
Uns geht's um die Meinung der Basis...
Und daher wird es nicht nur für mich die Möglichkeit geben, diese Rute zu testen, sondern auch für viele Boardies...
Dazu aber mehr in der nächsten Ausgabe...
Thomas Finkbeiner
Mehr Infos zu RST findet ihr hier:
http://www.rst-fishing.de/main.php?page=start&lng=de
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Kommentare
Ich selbst hatte eine Rute in der Hand.
Top Qualität, Super Griff und kein bischen zu schwer.
Ich freue mich auf´s fischen!