Ausgabe Mai 2012

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    Das natürliche Gleichgewicht, Teil 2

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    Das natürliche Gleichgewicht - Das schlechte Gewissen

    Eine philosophische Betrachtung in 3 Teilen

     

    Teil 2

     

    Bevor es vor ca. 500 Millionen Jahren zur sogenannten "kambrischen Explosion" kam (mit Beginn des Zeitalters „Kambrium" fand schlagartig die Entwicklung von hunderte Millionen Jahre dahin existierender Einzeller hin zu Mehrzellern und komplexen Pflanzen, Tieren und Pilzen statt), fristeten die bis dahin existierenden Einzeller ein relativ friedliches Dasein. Es gibt viele interessante Theorien, welche versuchen zu erklären, wie diese Artenexplosion zu Stande kam.

     

    Fakt ist folgender:

    Vor der kambrischen Explosion nährten sich Einzeller entweder wie heute an den sogenannten "Schwarzen Rauchern" indem sie Energie aus Mineralien/"Chemikalien" gewannen oder photosynthetisierten vor sich hin.

     

    Mit der „kambrischen Explosion" kam nicht nur „fressen und gefressen werden", sondern auch der Sex auf die Erde - die Entwicklung vom Einzeller zum Mehrzeller hatte nicht das gefressen werden auf den Plan gerufen, sondern auch eine neue Art der Vermehrung: Statt einfacher Zellteilung nun also zwei Geschlechter mit lustvollen Vermehrungsspielchen (da bei der Teilung des genetischen Codes weniger Fehler entstehen können als bei der Verschmelzung zweier „Erbmassen" war bei der Zellteilung die Entstehung neuer Arten „natürlich" eingebremst, mehr „Fehler" bedeuten natürlich zwangsläufig mehr Mutationen, also eine schnellere Entstehung von Arten).

     

    Und mit der „kambrischen Explosion" wurde dann der Begriff des „natürlichen Gleichgewichtes" vollends ad absurdum geführt. Von nun an herrschte gar kein Gleichgewicht mehr, sondern nur noch eine ständiges fressen und gefressen werden, ständig neue Arten von Sex (also der Vermehrung mittels Verschmelzung genetischer Codes). Das Leben wurde also interessant, und veränderte sich immer schneller. Und Veränderung ist ja der „natürliche Feind" jeden Gleichgewichte.

     

    Benötigte das Leben vor der „kambrischen Explosion" immer wieder „Anschübe" von außen um zu Veränderungen zu kommen, war durch die Einführung von Sex und fressen und gefressen werden jetzt das Leben selber in der Lage, drastische Veränderungen in kurzer Zeit herbei zu führen. Jede (neue) Art versuchte nicht nur einfach eine Nische zu besetzen, letztlich ging/geht es immer um die „Weltherrschaft":

    Jede Art versucht im Überlebenskampf sowohl dem jeweiligen Futter (also anderen Tier/Pflanzen/Pilzarten) wie auch den jeweiligen „Fressfeinden" (also anderen Tier/Pflanzen/Pilzarten) ein Stück voraus zu sein.

     

    Entwickelte eine Tierart eine Vorliebe für eine gewisse Pflanzenart als Futter, dauert es mit Sicherheit nicht lange, bis diese Pflanzenart dann entsprechende Abwehrmechanismen auf evolutionärem Wege bereitstellt.

     

    Das hat aber nicht nur ein ständiges fressen und gefressen werden zur Folge, sondern damit auch gleichzeitig ein millionenfaches Entstehen und auch weder Aussterben von Arten. Das „natürliche Gleichgewicht" vor allem seit dieser „kambrischen Explosion" ist also vor allem eine ständige Veränderung und damit keinesfalls ein Gleichgewicht!.

     

    Folgt man der Argumentation der Ökoromantiker und Schützer, die sich für die Erhaltung des „natürlichen Gleichgewichtes" einsetzen (also der ständigen und teilweise immer schneller werdenden Veränderungen), müsste man folgerichtig als Menschheit daran „arbeiten", schnellstmöglich und im größtmöglichen Umfange die Umwelt zu verschmutzen, um damit eine neue Runde im evolutionären Kampf einzuleiten.

     

    Warum steigen dann aber so viele Menschen auf dieses „natürliche Gleichgewicht" ein, das es ja eigentlich nicht nur nicht gibt sondern im Sinne des Lebens (Weitergabe des genetischen Codes) sogar sinnlos wäre? Warum haben sich das auch viele Medien auf die Fahnegeschrieben?

     

    Weil die Menschen dazu neigen, alles in menschlichen Zeiträumen und in menschlichen Maßstäben zu sehen!

     

    Denn ein Menschenleben, im Schnitt so um die 70 Jahre, ist natürlich vom Standpunkt der Erdgeschichte oder der Evolution aus gesehen ein minimalst kurzer Zeitraum - so lange es dem einzelnen Menschen auch vorkommen mag. Kontinente verschieben sich im Jahr um ein paar Zentimeter, dennoch hat die Erde schon vom Zusammenschluss aller Kontinente bis hin zur heutigen getrennten Gestalt alles schon mehrfach gesehen. Nur die Menschen denken die Alpen, Anden oder der Himalaya stehen fest und unverrückbar.

     

    Das gleiche gilt für die Wahrnehmung der Menschen. Denn der größte Teil der auf der Erde befindlichen „Biomasse" (die Summe aller Lebewesen) kann von Menschen gar nicht wahrgenommen werden. Einfach weil man mit bloßem Auge viele Einzeller (ob Bakterien, Algen, oder was auch sonst) gar nicht sehen kann. Und was man nicht sieht, kümmert einen auch nicht. So wie der Zeitraum in dem sich evolutionäre oder erdgeschichtliche Veränderungen abspielen, für Menschen zu groß für eine Wahrnehmung der Veränderungen ist, so ist der Großteil der Biomasse unserer Erde schlicht zu klein.

     

    Dabei spielen sich gerade in den einzelligen bzw. in der „mikroskopischen" Lebenswelt täglich Dramen ab. Ständig entstehen neue Arten - aber es sterben eben auch täglich Arten aus (letztlich sogar wahrscheinlich jeweils tausende)!

     

    Die Einzeller haben aber gegenüber Walen und Robben ein „Problem":

    Mit Einzellern lässt sich schlecht Spenden sammeln!

     

    Mit einer putzigen Jungrobbe oder einem Schwertwal namens Willy, den es zu befreien gilt, kann man schöne Plakate gestalten, welche Menschen betroffen machen und damit nicht unerhebliche Summen einnehmen um die armen Robbenbabies und Wale vor den bösen Menschen zu schützen.

     

    Keiner der Ökoromantiker käme aber auf die Idee Spenden zu sammeln für ein paar tausend Arten Einzeller und schleimiger Bakterienmatten die auszusterben drohen, weil vielleicht gerade die Temperatur um ein Grad sinkt oder steigt. Gibt einfach kein nettes Plakatmotiv her - und seien wir ehrlich: Auch wir würden lieber für einen netten Kormoran spenden als für ein paar schleimige Bakterien.

    Obwohl letztlich die Auswirkungen solcher Veränderungen für die Menschen vielleicht größere Folgen hätten als das aussterben aller Wale und Robben.

     

    Nicht nur, dass die Menschheit also auf Grund der verkürzten Betrachtungsweise sowohl was die menschliche Lebenszeit wie auch die menschliche Wahrnehmung angeht, also nur einen „Teilbereich" wahrnimmt, die Menschheit selber existiert ja nur erdgeschichtlich/evolutionstechnisch gesehen erst ein paar Augenblicke.

    Nur dank der „Intelligenz" kann sich also eine auf der Erde existierende Art darüber Gedanken machen, ob und wie ihr eigenes Erscheinen auf der Bildfläche der Erde dieselbe verändert. Und scheint dabei zu vergessen, dass dies eigentlich dem Leben/der Natur/der Evolution vollkommen wurscht ist!

     

    Denn nach den bisherigen Erfahrungen mit Atmosphärenveränderungen, Klimakatastrophen etc., dem entstehen und aussterben von Arten, kann man sicher davon ausgehen, dass die Evolution einen Weg finden wird, um nach jeder von Menschen verursachten „Katastrophe" das Leben weiterzuführen - und aller Wahrscheinlichkeit nach zu neuer Blüte und Artenvielfalt.

     

    Jedenfalls so lange, bis die Erde in ca. 3 Milliarden Jahren in der Sonne verglühen wird.

     

    Beim viel beschworenen „natürlichen Gleichgewicht" geht es den Menschen und Ökoromantikern also nicht darum, das Leben als solches zu erhalten, sondern eine dem Menschen angenehme Umwelt. Daher wird also versucht ein „natürliches Gleichgewicht" im Rahmen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit zu erreichen - sowohl was den Zeitraum wie auch die Größe der Faktoren zu erreichen (man erinnere sich: Mikroskopisch kleine Lebwesen machen den größten Teil der Biomasse aus).

     

    Da aber kein Mensch und auch die Menschheit insgesamt alle Faktoren, Arten und Veränderung kontrollieren kann (man kennt als „Menschheit voraussichtlich nicht mal den kleinsten Teil davon), ist also ein vom Menschen gewolltes oder erzeugtes „natürliches Gleichgewicht" nicht möglich. Und das Leben/die Evolution pfeift eh auf das natürliche Gleichgewicht. Denn wie gesagt: Das Leben als solches kann nur überleben durch ständige Veränderung, nicht durch ein statisches Gleichgewicht, indem es sich den sich ständig wechselnden Umweltbedingungen anpasst (egal ob diese Veränderung der Umweltbedingungen durch Menschen, Kometen oder überhaupt das Universum zu Stande kommen).

     

    Kann sich damit also der Mensch freisprechen von jeder Verantwortung gegenüber der Welt in der wir leben?? Und einfach in seiner begrenzten Lebensspanne bedenkenlos nach seinem Gutdünken mit den Ressourcen und der Umwelt umgehen??

     

    Hier muss man den berühmten Radio Eriwan - Satz zitieren:

    Im Prinzip ja, aber......

     

    Denn warum auch immer, die Evolution hat uns die Intelligenz mitgegeben. Das bedeutet aber nicht nur dass wir denken können (Wissenschaftler streiten heute schonm darüber, ob es überhaupt unabhängiges menschliches Denken und Handeln gibt, oder ob das alles wie bei Tieren durch die Evolution gesteuert sei, also alles Aktion und Reaktion auf äußere Umstände)", es hat sich dummerweise auch ein Gewissen entwickelt - je nach Individuum mehr oder weniger ausgeprägt. Und der Mensch als soziales Wesen hat nicht nur ein individuelles Gewissen, sondern auch ein „artspezifisches" (das zum Beispiel, welches sich rührt, wenn man Ökoromantikerorganisationen Geld zur Befreiung vom Orca Willy spendet).

     

    Und so wie in der „Natur" (bezeichnen wir jetzt mal als „Natur" alles ohne die Menschen, obwohl sie eigentlich ein Teil davon sind - auch trotz der Intelligenz) ein ständiger Kampf ums Überleben stattfindet, ist das auch beim „artspezifischen Gewissen der Menschheit". Hier tobt der Kampf zwischen denen die meinen alles im augenblicklichen Zustand erhalten zu müssen zum Wohle der Menschheit (das „natürliche Gleichgewicht" kann man ja auch Beibehaltung des Status Quo bezeichnen, der den Menschen bis dato in der überwiegenden Mehrzahl ein doch angenehmes Leben erlaubt) und denen, die daran sowieso nicht glauben (siehe die Ausführungen bisher) und deswegen meinen sie könnten sowieso machen was sie wollten, da die Menschheit über kurz oder lang Geschichte sein wird (max. 3 Milliarden Jahre, wenn die Erde verglüht).

     

    Denn ein angenehmes menschliches Leben bedeutet ja auch genügend und vor allem geruhsamen Schlaf - der sich aber mit einem schlechten (ob individuellen oder „artspezifischem") Gewissen eben nur schlecht erreichen lässt. Die einem meinen ruhiger schlafen zu können, wenn sie den Menschen/die Menschheit aus der übrigen Natur so fern wie möglich halten, die anderen suchen einen Weg um mit der Natur leben und diese nutzen zu können, und wieder andere meinen was kümmert mich Mitmensch und Umwelt oder Nachhaltigkeit und nachfolgende Generationen solange es mir persönlich gut geht.

     

    Und auch dieser Kampf wird genauso wie die ständigen Veränderungen des Lebens(man erinnere sich: Evolution) immer weitergehen, bis es die gesamte Menschheit mal dahingerafft hat. Allerdings genauso ohne Ergebnis wie auch ohne letztlich sinnlos, da sich das Leben durch die paar hunderttausend oder auch Millionen Jahre, welche die Menschheit auf der Erde verbringen werden, sicher nicht aus dem „Konzept" bringen lassen wird

     

    Thomas Finkbeiner

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