Das natürliche Gleichgewicht - Das schlechte Gewissen
Das natürliche Gleichgewicht - Das schlechte Gewissen
Eine philosophische Betrachtung in 3 Teilen
Teil 1
Tier-, Arten-, Natur- und sonstige Schützer schreiben sich genauso gerne die „Erhaltung des natürlichen Gleichgewichtes" auf die Fahnen wie Tierrechtler und andere Ökoromantiker. Da man sich als Angler oft genug mit Argumenten oder Beschuldigungen der genannten Gruppen auseinandersetzen muss, lohnt es sich durchaus, dass man sich mal Gedanken über Forderungen oder Postulierungen dieser Gruppen macht - hier also einmal über das oft gebrauchte „natürliche Gleichgewicht" als Argument gegen menschliche Eingriffe in die Natur.
Wer übers „natürliche Gleichgewicht" in der Natur redet, diskutiert aber in meinen Augen über etwas, was es noch nie gegeben hat. Ein Gleichgewicht bedeutet ja immer eine statische Sache. Denn sobald eine Veränderung auftritt, muss diese ja sozusagen immer auf beiden Seiten der Waage mit gleicher „Masse" auftreten, um ein Gleichgewicht zu halten. Weicht es auf einer Waagenseite nur um ein bisschen ab, hat man ja schon kein Gleichgewicht mehr.
Das Leben selbst verhindert aber schon von Anfang an ein Gleichgewicht, da es sich ständigen Veränderungen unterworfen sieht durch ständiges geboren werden, leben und sterben, inkl. fressen und gefressen werden.
Oft wird angeführt ein „natürliches Gleichgewicht" könne es nur geben, wenn der Mensch nicht eingreift - als ob der Mensch nicht auch ein Teil der Natur und des Gleichgewichtes, auch wenn er durch seine technischen Möglichkeiten in der Lage ist Veränderungen in Biotopen wesentlich schneller durchzuführen als es „die Natur" normalerweise machen könnte über den langen Weg der Evolution. Als ob das Leben, die Evolution, nicht oft genug bewiesen hätte, dass es/sie auch mit äußerst schnellen Veränderungen fertig werden kann. Ja, dass gerade solche schnellen Veränderungen immer wieder das Leben/die Evolution geradezu beflügelt haben (wobei schnell hier immer im Maßstab der Erdgeschichte zu sehen wäre, dass kann vom Einschlag eines Meteoriten bis hin zu „schnellen" Klimaveränderungen über ein paar tausend Jahre reichen).
Oder nochmals anders gesagt:
Egal ob sich der Mensch als „Krone der Schöpfung" sieht weil er angeblich die Spitze der Evolution darstellt, weil er nach der Bibel dazu ausersehen wäre, die Welt mitsamt den Tieren und Pflanzen zu beherrschen und sich untertan zu machen, oder - die Meinung vieler Ökoromantiker - weil er im Gegensatz zu Tieren, Pflanzen und Pilzen in der Lage ist zu denken und damit auch eine moralisch/ethisch Verantwortung gegenüber „der Schöpfung" trägt:
In keinem Falle ist er in der Lage das Leben als solches so nachhaltig zu verändern, dass auf der Erde das gesamte Leben erlöschen würde.
Das wird zwar in zwei oder Milliarden Jahren so oder so passieren, wenn die Sonne verglühen wird, sobald ihr „Treibstoff" aufgebraucht ist. Bis dahin wird es aber immer eine Form von Leben auf der Erde geben. Vielleicht (oder sogar wahrscheinlich) nicht unbedingt eine Form, in der Menschen leben können oder eine ähnlich „wichtige" Rolle wie heute spielen können. Wobei „wichtig" in diesem Falle ja nur heißt „für die Menschen wichtig". Der Natur, der Evolution und erst recht dem Planeten ist es nämlich vollkommen wurscht ob und wie Menschen leben oder nicht.
Aber Bakterien, Insekten und je nach Situation evolutionär weiterentwickelte andere Tiere, Pflanzen und Pilze werden sich wie bisher auch immer wieder den veränderten Bedingungen anpassen und den genetischen Code weitergeben - so wie in den vergangenen Milliarden auch schon.
Denn, wie oben schon geschrieben, auch ohne die Menschheit gab es schon Umwälzungen und Veränderungen auf der Erde, welche die bis dahin herrschenden Lebensbedingungen teilweise schlagartig veränderten - und die Natur/Evolution fand immer einen Weg das Leben, den genetischen Code weiterzugeben.
Immer wieder hört man als Argument fürs „natürliche Gleichgewicht", das zu erhalten wäre, die Zusammensetzung unserer Atmosphäre. Die um die 20 % Sauerstoff sind natürlich schon wichtig - für die Menschen und viele Arten der derzeit existierenden Flora und Fauna. ABER:
Die Geschichte hat schon mehrmals bewiesen, dass die Zusammensetzung der Atmosphäre absolut NICHT wichtig für das Leben als solches ist.
Das Leben selber entstand ja in relativ sauerstoffarmer Umgebung, wo Einzeller über zig Millionen prächtig damit zurecht kamen. Erst als die Evolution die Photosynthese „erfand" änderte sich dies - und das in erdgeschichtlich gesehen rasanter Geschwindigkeit. Denn die photosynthetisierenden einzelligen ersten Algen und Pflanzen produzierten ja bei der Umwandlung von Sonnenlicht in Energie Sauerstoff in einem bis dato nicht gewohnten Maße.
Und wie immer, wenn sich relativ schnell an der Zusammensetzung einer Atmosphäre etwas ändert, hat das ein Massensterben von Arten zur Folge, die bis dahin mit der gewohnten Atmosphärenzusammensetzung bestens zurecht kamen - für die war Sauerstoff nämlich einfach ein Gift (und das alles passierte schon lange bevor der erste Mehrzeller „auf den Markt kam", geschweige denn ein Mensch/die Menschheit eingreifen konnte um das „natürliche Gleichgewicht" zu „stören"!).
Zwar streitet sich auch heute noch die Wissenschaft, ob die Saurier am Kometeneinschlag oder an irgendwelchen anderen Einflüssen zu Grunde gingen und ausstarben. Fakt ist aber, dass zig Kometen und Meteore in teilweise erheblicher Größe mit der Energie von Millionen Atombomben auf der Erde einschlugen und damit in dramatischer Weise jedes Mal das komplette Leben drastisch veränderten - und auch das lange vor dem ersten Menschen, der ins „natürliche Gleichgewicht" hätte eingreifen können.
Und je nach Situation hatte so ein Meteor die Aufheizung der Atmosphäre oder eine neue Eiszeit zur Folge. Die Aufheizung entstand wenn bei einem „Sturz ins Meer" viel Methan freigesetzt wurde (Treibhausgas ist also auch keine „Erfindung der Menschheit", wie man sehen kann), die Eiszeit bei einer Verdunklung der Atmosphäre nach einem Sturz aufs Land mit entsprechendem Ausstoß an Asche und Schlamm, der die Atmosphäre verdunkelte so dass über tausende Jahre kein wärmendes Sonnenlicht mehr zum Boden durchkam. Und auch da veränderte sich das Leben in einem äußerst kurzen Zeitraum, das würde in dieser kurzen Zeit (Meteoriteneinschlag) wohl nicht mal die Menschheit mit all ihren Möglichkeiten zu Wege bringen. Und auch diese Klimaveränderungen passierten lange bevor der Mensch den Verbrennungsmotor erfand!
Und wer hat sich nicht daran gestört:
Das Leben!!
Die Evolution war nicht nur in der Lage trotz des Aussterbens von teilweise weit über 70% der bestehenden Arten innerhalb kürzester Zeit den genetischen Code weiterzugeben. Die Evolution nutzte solche (in unseren Augen) Katastrophen sogar dazu, der Artenvielfalt jedes Mal einen neuen Schub zu geben.
Oder anders gesagt:
Hätte von Anfang an ein „natürliches Gleichgewicht" geherrscht würden auch heute nur schleimige Bakterienmatten die Erde bevölkern. Denn es hätte ja keinen Grund gegeben sich weiter zu entwickeln, wenn alles schön im Gleichgewicht gewesen wäre.
Thomas Finkbeiner
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