Ausgabe Mai 2012

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    Hitra im Juni

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    Hitra im Juni -

    anzeige_zebco_50x50_2004Es waren einmal sieben Schwaben, die wollten große Helden sein, und auf Abenteuer wandern durch die ganze Welt. - In Grimms Märchen. Wir waren dagegen fünf Ulmer Schwaben und ein badischer Gelbfüßler (ich), die im vergangenen Juni loszogen.: an den Ramsoyford zwischen Hitra und Smoela , in eine für uns neue Welt.

     

    Die Geschichte, die ich dort, südwestlich von Kvenvaer erlebt habe, ist eine, die sich vor allem ums Essen drehte: um die Grundlagen dazu und ihre Veredelung durch Simon und Christoph, um starke Esser wie Bobby und um unerwünschte Mitesser - tierische und menschliche. Aber davon möchte ich eher weniger erzählen, sonder vielmehr meine Erfahrungen zurückgeben als Dankeschön an Jirko Kruszona, Bernd Kunze und Jörg („Midnightsol"), die mich mit Infos zum Angeln vor Hitra versorgt haben.

     

     

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    Gebucht hatten wir zwei der drei „Snekvikka-Häuser bei Andrees Angelreisen, dem ein Lob gebührt: Abwicklung, Betreuung vor Ort durch den Deutsch sprechenden Hausherrn Vollan, die Häuser selbst, die Boote und die Spritversorgung der sparsamen 4-Takter durch Vollan, all das war perfekt. Selbst das Airport-Taxi, das fünf von unserer Gruppe am Airport Trondheim abholte, kam nach den 12 Tagen überpünktlich für den relativ kostengünstigen Trip zurück zum Flughafen.

     

     

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    Doch zurück zum Leitmotiv, dem Essen und meinem durchaus selbstbewussten Eingeständnis: Vor den Küsten Norwegens bin ich ein „Topfangler". Spannende Drills auf Großfische mit 1.000 Pfund habe ich vom Marlin bis zum Hai hinter mir. Eine Forelle mit 1500 Gramm an einer 18-er Fliege treibt mir weit mehr Adrenalin ins Blut als es ein Dorsch mit 15 kg jemals vermag. Von einem Spaßfaktor kann ja beim Hochwinschen bleischwerer Montagen und daran hängenden Todeskandidaten mit grotesk herausquellenden Schwimmblasen keine Rede sein (und vom Zurücksetzen mit Blick auf die 15-kg-Regelung auch nicht).

     

     

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    Einzige Ausnahme auf der Spaßfaktor-Skala ist für mich das Flachwasserangeln auf Pollack. Beißt er an feiner Spinnrute, 22-er Mono und Gummifisch, dann singt die Rolle - und auch ich. Doch dazu später mehr.

     

    Norwegens Küstenfisch bewerte ich nach kulinarischen Kriterien. Und die Verwandlung von Fischleichen in Delikatessen ist, zumindest nach meiner Moral, ja auch die einzige Legitimation für all das Morden. Um mit dem Krimi-Autor und Hobby-Koch Manuel Vázquez-Montalbán zu sprechen. „Und bedenke auch: Sind Küche und Gastronomie bereits  die Alibis des Verbrechens gegenüber allem Lebenden, so brauchen wir nur noch zu fordern, dass das Verbrechen Fülle schaffe; das heißt, dass wir im Gegensatz zu den Barbaren, die den erschlagenen Feind in Stücke hacken und in einen kläglichen Hamburger verwandeln, aus dem Tod, den wir verursachen, ein herrliches Bild von Schönheit und Opulenz schaffen."

     

    Das gelingt meiner Frau mit den von mir nach Hause gebrachten Filets über alle Maßen. (Von opulenter Fülle bin deshalb ich, nicht sie.) Vázquez-Montalbán ist mit Blick auf frische Filets allerdings ausdrücklich zu widersprechen. Für den Spanier steht an der Spitze des Genusses allein der Stockfisch, den er nach dem Wässern der Mumie zu „bacalao al pil pil" (Stockfisch in scharfer Sauce) veredelt. Frischen Kabeljau lehnt er dagegen ab. Ihn zu essen ist für den Autor, „als würde man bei schamlosem Neonlicht einem jungen Tier beiwohnen, das ohne jegliches Vorspiel nur nach körperlichem Widerstand verlangt, und dabei nicht einmal die Socken ausziehen."  (Zitate aus: Manuel Vázquez-Montalbán, Robinsons Überlegungen angesichts einer Kiste Stockfisch, Wagenbach-Verlag)

     

     

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    Filets also. Weißes Fleisch stand bei unserem Beutezug oben auf der Kochmützen-Skala und schwarzes am anderen Ende. Unter dieser Prämisse hatten unsere beiden Bootsteams  - Simon Henle, Christian Bächtle und ich auf dem einen und Christoph Willhelm, „Bobby", und Uwe „Bürzel" Bayer auf dem anderen  - den Ramsoyfjorden zwischen Hitra und Smöla befischt.  Mit überaus gutem Erfolg.

     

    Zuvor hatten wir immer nur in Fjorden von Terrak bis Molde geangelt und uns bei widrigen Bedingungen den Fisch hart erarbeiten müssen. „Offenes" Wasser wie zwischen den Inseln und nördlich davon war insofern Neuland für uns. Doch wegen der guten Tipps, unserem anglerischen Vermögen, dem überwiegenden Ententeichwetter und nicht zuletzt einem Echolot mit GPS und Kartenplotter waren wie bald „drin" im Rhythmus, der uns am richtigen Platz zur richtigen Zeit unglaubliche Mengen Fisch brachte.

     

    Weil mir zudem vom Big Game oder Poppern um die Malediven die Regel vertraut ist, dass Strömung und Struktur Futter und Fisch bringen, hatte ich mir zu Hause die hier nebenstehende Übersichtskarte ausgedruckt. Auf ihr ist der blau dargestellte Bereich die „Flachwasserzone" mit Tiefen von weniger als 100 Metern. Ich wollte mit zunächst nicht den Blick verstellen lassen von all den Untiefen, Bänken und Unterwasserbergen. Ziel war es daher, bei auf- und ablaufendem Wasser Strömung und Struktur zusammen zu bringen und jeweils an den der Tideströmung zugewandten Seiten dieser „Untiefen" zu fischen.

     

     

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    Eines unserer besten Fanggebiete fanden wir so vor der Insel Ramsöya, wo wir in einer Rinne jeweils in den beiden ersten Stunden des ablaufenden Wassers enorme Mengen von Fisch fingen. Dorsche mit mehr als 10 kg waren ebenso darunter, wie Schellfisch, Wittling, Lumb, Leng und Köhler. An Pilker und Gummimakk hatten wir oft Doubletten mit unterschiedlichen Arten wie Leng unten plus Schellfisch oben. Der beste Tag brachte knapp drei Kisten Fisch. Die Stelle ist ohne Kartenplotter allerdings nicht leicht zu befischen, weil sich mit dem ablaufenden Wasser die Drift nahezu im rechten Winkel änderte: von Norwest-Südost auf Nordost-Südwest. Schlief der Tidestrom ein, war es auch mit dem Fang vorbei.  

     

     

     

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    Eine andere, von Christoph angewandte Strategie war ebenfalls erfolgreich: Fischen mit Überbissmontage auf Dorsch. Christoph suchte sich dazu Schwärme von Kleinköhlern, die oftmals an der Oberfläche raubten und angelte dann mit solch einem Köhler unterhalb des Schwarms im Mittelwasser oder knapp über Grund. Er machte dabei nach einigen Tagen und Dorschen mit bis zu 14 kg die Erfahrung, dass Wassertiefen von weniger als 40 Metern unproduktiv waren.

     

     

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    Kein „richtiger Platz" für uns war dagegen das als Geheimtipp gehandelte Ytre Kvennvaeret: Das 103-er Loch fanden wir leicht. Aber statt der erhofften Seeteufel gab es auf dem sandigen Grund grausig Teuflisches, das uns in die Flucht trieb: Engerling große „Killer-Krabben" (Kopepoden? Asselen?), die zu Dutzenden über unsere Köderfische herfielen, sich durch die Haut und Augen bohrten und alles auffraßen und jedes Fleischstückchen in unersättlichster Gier abfieselten bis auf das Skelett.

     

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    Die Flucht von diesem Schwiegermutterversenkplatz führte uns unter der Küste auf eine Bank bei Hermunden, die sowohl bei auf- wie ablaufendem Wasser beständig Lump brachte. 

     

    Die Montagen dazu waren denkbar einfach: An das Vorfachende kam ein Blei und darüber ein Haken mit Naturköder an einer Springerschlaufe. Der Bringer war allerdings ein darüber grün blinkendes Licht, das Big Gamer zum Angeln auf Schwertfisch bis in mehrere Hundert Meter Tiefe einsetzen. Ob diese kleinen Wegwerfleuchten (nach 700 Stunden) oder die „Straßenlaternen mit Mignon-Batterien, sie locken Fisch effektiv allerdings erst ab Tiefen von mehr als 90 Metern.

     

    Weiter südlich, vor der Steilküste Saebuöyas, war auflaufendes Wasser die beste Zeit, um auf kampfstarke Pollack zu angeln, die sich über Felsnasen und an Abbruchkanten sammelten. Erfolgreiche Köder waren 8,5 cm lange, naturfarbene Gummifische an Jighaken mit einem 28-Gramm-Kopf.

     

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    Diese Montage bringt in den Schären des Ramsoeyfords auch in der „toten Zeit" zwischen den Tiden viele Pollack und wunderschön gezeichnete Tangdorsche. Bei der Suche nach dem Fisch gilt aber auch hier: Die der Strömung zugewandten Seiten der Inseln sind die besten. Findet man dort eine Steilwand oder eine Abbruchkante, lässt sich der Pollak auf dem Echolot mit deutlichen Sicheln ausmachen. Die Köder werden dann immer vom Tiefen ins Flache gefischt, um sie möglichst lange in Grundnähe zu halten. Der Biss kommt äußerst zart, denn die Fische laufen meist mit dem Köder. Jedes Gefühl einer vermeintlichen zusätzlichen Last am Gummifisch sollte mit einem kräftigen Anhieb erwidert werden. Ist es ein Pollak, lässt er sich zunächst willig einige Meter in Bootsnähe führen, um dann in einer wilden Flucht etliche Meter Schnur von der Rolle zu ziehen. Fische mit bis zu 8 kg haben wir so schon gefangen und dabei enormen Spaß gehabt.

     

    Doch zurück zum Leitmotiv, dem Essen. Wir haben nicht nur gut gegessen, dank unseres Kochs und Metzgermeisters Simon, der Berge von Fleisch, Filetspitzen, Brat- und sonstigen Würsten mitgenommen und für uns zubereitet hat. Wir hatten aber auch unerwünschte Mitesser, die uns am letzten Tag mehr als 40 kg Filet aus der Kühltruhe geklaut haben. Zunächst sahen wir in dem Diebstahl ein sozial parasitäres Verhalten von zweibeinigen Schmarotzern.

     

     

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    Doch inzwischen betrachten wir den Vorfall sportlich, weil uns auch so noch genug Fisch übrig blieb. Wir vergleichen die Diebe nun mehr mit so genannten Kommensalen. Die Biologie beschreibt damit „Mitesser". Das sind allerdings nicht jene ausdrückungswürdigen Pickel im Gesicht eines Pubertierenden. Laut Lexikon lebt ein Kommensale vielmehr von Nahrungsrückständen eines anderen Organismus. Ein Beispiel dafür seien „Aasfresser der Steppen und Wüsten, die größeren Jägern folgen". Ich finde das ein schönes Bild: Wir die großen Jäger und die anglerisch impotenten Diebe als uns folgende Aasfresser. Rein rechtlich drückt mich der Klau nicht. Was ich aber zu gern wissen würde: Wie funktionieren Moral und Ethik von Kommensalen in Menschengestalt?

     

    Zum Gerät:

     

    Geangelt habe ich mit Teilen meiner Big Game Ausrüstung: Unter den Rollen war fürs schwere Fischen eine Shimano Tiagra 16 Zweigang, gepilkt habe ich mit einer Avet MXL6/4 Zweigang, oder einer Shimano Stella 6000.

     

    Bei Christian Weckesser habe ich mir eine Pilke bauen lassen (bitte nicht meiner Frau verraten). Mit einem Wurfgewicht von 80-240 Gramm ist sie bei 2,7 m Länge ein Traum: Der MP1 Blank mit Kevlarmantel ist leicht und hat trotzdem enorme Power.

     

    Pilker: Wenn die Fische bissen, haben sie alles genommen und wenn nicht, dann nicht. Waren wir am richtigen Platz zur richtigen Zeit, dann fingen die in vielen Foren so hoch gelobten Dreitkantoriginale von Sölvkrokken zwar mehr als andere, aber sie fingen nicht das, was wir wollten. Die silbernen Bergmänner taumeln beim Absinken zwar wunderschön, sie verführten dabei aber immer wieder jene unerwünschten Köhler zum Anbiss, die wir mit anderen Pilkern schnell hinter uns ließen.

     

     

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    Selbst die hoch gelobten Eisele-Pilker wie der Pro-Select zeigten für uns keine bessere Performance als etwa bauähnliche aber weit günstigere von Spro, Sänger und anderen Herstellern. Die Makks sollten dagegen original Bullmakks sein, schwarz und rot reicht völlig. Kauft aber nicht im Supermarkt in Kvenvaer! Der ist sehr teuer. Billigere gibt es bei Uwe, dem Betreuer von Andrees Angelreisen.

     

    Pilker zusätzlich mit einem Gummimakk aufzumotzen, brachte keinen sichtlichen Erfolg. Zwischen Pilker und dem Ende des Beifängermakks sollte überdies ein Abstand von mindestens 40 cm eingehalten werden. War der Makk näher am Pilker, hatte ich darauf kaum Bisse. Als Vorfachmaterial beim leichteren Pilken hat sich Amnesia bewährt. Waren Pilker mit 200 Gramm aufwärts angesagt, fischten wir mit stärkerem aber relativ weichem Big Game Vorfachmaterial von Suffix oder Moi Moi)

     

    Beim Umrüsten der Pilker mit stabilen Drillingen hat sich eine Adaption aus dem Power-Jiggen bewährt: Zwischen Pilker und Drilling haben wir noch einen Wirbel dazwischen geschaltet. Dies hat die Zahl der Aussteiger und Fehlbisse enorm gesenkt.

     

     

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    Und bewährt haben sich auch Alu-Quetschhülsen und Zange zum Vorfachbau für das Angeln mit Naturködern. Monomaterial bis 2 mm kann man damit zuverlässig und schnell „crimpen". (Zange, Hülsen, Vorfachmaterial und Blinkleuchten vertreibt zu moderaten Preisen Sven Neumann Tel.: 06152 / 86084 + 06152 / 86062, Mobil: 0171 / 6527006, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. )

       

     

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    Und noch ein Tipp für alle Angler, dies sich wie ich jenseits der 100-kg-Marke bewegen und in Schwimmhilfe-Anzügen wegen der körpereigenen Isolation schnell das Gefühl vom Würstchen im eigenen Saft bekommen. Es gibt nun atmungsaktive Abhilfe auf hohem Niveau: Der von der Firma Mullion zunächst für das Militär entwickelte IMG9-Overall hat ein dampfdurchlässige Schicht um den perforierten Auftriebsschaum gezogen. Zudem ermöglichen Reisverschlüsse unter den Achseln und eine Ventilation auf dem Rücken weitere Auswege für Hitzewallunegn und den Schweiß. Mullion ist ebenso wie Baleno eine Tochter von Sioen, Europas führendem Hersteller von Schutzbekleidung. Der IMG9 kann über Baleno-Deutschland bezogen werden.

     

     

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    Fazit: Die Artenvielfalt im Südwesten von Hitra ist beeindruckend. Abwechslungsreiches Fischen ist garantiert. Selbst bei Wind kann in den Schären mit Erfolg auf Tangdorsch, Pollack und Köhler geangelt werden. Wer sehr große Lengs will, sollte einen Tag mit Andrees Betreuer Uwe raus fahren. Dann sind Feuerwehrschläuche mit 20 kg und mehr fast schon garantiert. (siehe http://www.andrees-angelreisen.de/norwegen/index.htm dann „aktuelle Fänge"). Zwei der Vollan-Häuser haben wir für nächstes Jahr schon wieder reserviert. Den kleinen Nachteil, dass sie etwa 800 m vom Bootshaus entfernt sind und mit dem Auto angefahren werden müssen, stört uns nicht. Dort im Bootshaus ist ein perfekter Filetierplatz. Zudem ist dort für jedes Haus ein abschließbarer Verschlag, in dem Angelzeug und Schwimmanzüge verwahrt werden können.

     

    Jürgen Oeder

     

     

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