Mach et jut Dicker!
Mach et jut Dicker!
Die ersten anglerischen Nichtfangmethoden habe ich vor 45 Jahren entwickelt und bis heute tausendfältig verändert und verfeinert. So habe ich bereits als Bub den größten Hecht der Gegend vergeblich an einer beringten 8 Meter-Stippe gedrillt und beim Blinkerweitwerfen die umliegenden Büsche in Weihnachtsbäume verwandelt. Der dicke Rhein-Wels von damals hat nach 100 Meter freiem Abzug vermutlich gar nicht gemerkt, dass auf der anderen Seite jemand völlig fertig zuschaute und ausgerechnet am Rhein sah ich den ersten fliegenden Fisch in Form einer großen Meerforelle. Sie hat mir zweimal den vollendeten Körper gezeigt und voller Verachtung den Köfi ins Wasser gespuckt. Beim weiteren Studium des Verhaltens der Rheinbewohner ist mir dann noch aufgefallen, dass diese bevorzugt dann Appetit hatten, wenn ich Pinkeln war oder in dem 30 Kilo - Gepäck gerade mein Butterbrot suchte.
Irgendwann hatte ich vom Rhein die Nase voll und habe dann in der Erft ein Flüsslein gefunden, dass meinen Fähigkeiten schon eher entgegenkam. Aufgrund der Vielfältigkeit der Fischfauna mussten jetzt 50 Kilo Gepäck mit, was dann insbesondere nachts bei Regenwetter an den steilen Abhängen enorm von Vorteil war, weil es dann relativ schnell ging. Sicher habe ich so manches Fischlein aus der aufgewärmten, braunen Brühe befreit aber dauerhaft wollte ich da auch nicht den Helden spielen. Hinzu kam, dass ich für das Schleppen des Gerödels nicht mehr in Bestform war und alleine für das Wegschleppen mancher fetter Beute (Wels vorweg) schon einen eigenen Gepäck - Bimbo gebraucht hätte.
Nach einem Jahr regelmäßiger Anwesenheit am heimischen Herd kam dann die Zeit des großen Juckens zurück. Ich musste Wasser sehen und bin suchend 2 Tage mit meiner Karre kreuz und quer durch das Bergische Land gedüst. Getrieben von der Überzeugung, dass es im Wald doch auch Fische geben muss, fand ich ein Bächlein mit allen Merkmalen eines typischen Forellengewässers: Breit, schmal, flach, tief mit ruhigen und schnell fließenden Abschnitten. Schon beim ersten Erkundungsausflug sah ich dann Jenny, eine 40er Buntgetupfte in der farbenprächtigsten Ausfertigung, die es geben kann. Ein Tag danach war ich Vereinsmitglied! Bei der einheimischen Bevölkerung hab ich als erstes nach älteren Angelbrüdern gefahndet in der Hoffnung, dass einer sein geballtes Insiderwissen auf mich überträgt. Den ältesten von allen habe ich dann auch gefunden.
Ich höre noch, wie hä für mich säht: „He kannse su lang Fesch angele, bes do nit mih luure kanns." Er war sehr redefreudig und erzählte von Karpfen, Welsen, dicken Aalen und allerlei anderes Getier, was sich neben Forellen angeblich alles in dem kalten Wasser tümmelt. Zwischendurch wuchsen auch seine Arme, was mich zu der Frage veranlasste, ob er Mitglied im Anglerboard ist? Nä, hüre ich zum eeschte mol, ävver erlevve kannse och he jet.
Ich habe Ihm nur die Hälfte seiner Geschichten geglaubt und verstanden. Vor meinem ersten praktischen Großeinsatz musste ich lange überlegen, mit welcher Gerätekonfiguration ich denn jetzt der Wahrheit am nahesten komme.
Es war ein wunderschöner Tag im Mai, als ich in einer tiefen Rechtskurve des neu gefundenen Paradieses den Pinn mit selbstgezüchteten Mistwürmern zum ersten Mal in die Fluten versenkte. Nach 4 Stunden tat sich immer noch nichts, was dann meinen Basteltrieb auslöste. Irgendwann hing ein Remmel Käse unten dran und darauf hatten die Dickköppe nur gewartet. Ich hörte einen kurzes Schleifgeräusch und dann machte sich die Angel davon. Der erste Döbel hatte über 4, der zweite über 5 Pfund und dann folgten noch 3 Bachforellen dem regen Treiben. Das war mein erster Angeltag.
Ich bin inzwischen über 1 Jahr dabei und habe zahlreiche Bachforellen gefangen sowie ab und an einen Döbel. An den tiefen Stellen angel ich mit Pose und an den seichteren, schneller fließenden Strecken nehme ich bevorzugt den Kunstköder mit einem Haken (Drillinge sind durchweg verboten).
Dass ich noch lange nicht alles an diesem überschaubaren und abwechselungsreichen Gewässer kenne, habe ich die letzten Wochen erlebt. Zuerst waren es Äschen, die mich in Verzückung brachten und dann hab ich mich über Rotaugen gefreut, die ich überhaupt nicht in der Tiefkühlsuppe vermutet hätte. An einem heißen Sonntag vor ein paar Wochen döste ich schon 8 Stunden auf meinem Angelstuhl herum und war trotz des verflogenen Mutes zu faul und müde, nach Hause zu gehen. Also blieb ich einfach sitzen. Wie lebendig ein Halbtoter noch sein kann, habe ich dann beim Anblick des vor meinen Füssen sich abspielenden Schauspiels gemerkt:
In 1 Meter Entfernung kam ein ganzes Rudel von Schuppenkarpfen an die Oberfläche, die ich mit Stückgrößen von über 30 Pfund geschätzt habe. Ich hatte in 5 Minuten meine komplette Ausrüstung umgebaut und hab denen alles vor die Nase gehalten, was ich finden konnte. Die schwammen hin, die schwammen her, nach 1 Stunde sah ich sie nicht mehr.
Meine Birne arbeitete auf Hochtouren; ich war topfit und konnte vor Aufregung kaum laufen. Was tun? Ich bin grübelnd nach Hause gefahren, hab mir am nächsten Tag mittags frei genommen und mich dann mit Mais und Maden bewaffnet. An Ort und Stelle tat sich bis abends nichts und erst als ich auf feineres Angeln umgestellt hatte, kamen die Fische. Zunächst waren es Rotaugen, dann Äschen und Forellen und dann...! Es hat 20 Minuten an der 22er Schnur gedauert und er wog 26 Pfund. Ein Schuppenkarpfen wie im Bilderbuch. Natürlich kein Fotoapparat dabei und so habe ich ihn ohne Beweismaterial wieder dahin gelassen, wo er hingehört.
Mach et jut Dicker, hat er zum Schluss noch zu mir gesagt. Oder hab ich dass gesagt? Keine Ahnung mehr, denn noch während ich mit dem Zittern meiner Hände beschäftigt war, krachte es hinter mir los. Da half auch der neue persönliche Einpackrekord von 2 Minuten nicht, denn ich stand mitten in einem der Unwetter des Jahres in dieser Gegend. Die Büsche hingen bis zum Boden, die Bäume waren krumm, es war binnen 5 Minuten stockfinster und Blitz und Donner waren eins. Mein einziger Gedanke war, dass es nunmehr zu Ende geht. Ich habe nur nach unten geschaut und bin mehr mechanisch gegangen, bis endlich das Auto vor mir stand.
Die Heimfahrt blieb an den Radarstellen zum Glück ungeknipst sonst hätten die einen Nackten auf den Bildern gesehen. Abends beim Bier sind mir dann noch einige Gedanken gekommen. Und wie ich die umgesetzt habe, erzähle ich ein anderes Mal...!
Macht et jut!

Herbert Moisel alis Hakengrösse 1
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