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Die Räuber der Meere sind vom Aussterben bedroht
Nicht erst seit Steven Spielbergs Film "Der weiße Hai" empfindet der Mensch eine tiefe Urangst vor den Räubern der Meere.
Doch Hai-Angriffe auf Schwimmer sind seltener als Todesfälle durch Bienenstiche. Und der Mensch ist der schlimmere Räuber: 69 Arten der 400 Millionen Jahre alten Gattung Hai drohen auszusterben.
Ist es da noch verantwortbar, Haie zu angeln? Die Antwort lautet:
Ja - aber es muss schonend und mit Augenmaß geschehen.
Haifang - für Pillen, Gourmets und das Ego des Mannes
Schon Stunden hat sich an den mit grün-weißen Styropor-Kugeln markierten Köder-Makrelen nichts gerührt. Doch dann kreischt plötzlich die Signal-Ratsche einer Rolle los, meldet mit knarrendem "Rrrrrrr" den von drei Anglern sehnlich erwarteten Biss. "Hai!" schreit Theo - "Günter, dein Schwimmer ist weg", ruft Heinz. Während beide eilends ihr Fanggeschirr einholen, um Leinen-Durcheinander zu vermeiden, schnallt sich Günter in aller Ruhe den Bauchgurt an, lässt Rolle und Fisch "laufen", denn er weiß aus Erfahrung: Ein Hai, der so gleichmäßig abzieht wie dieser, wird den Köder nicht mehr ausspeihen. Vollständig gerüstet, greift der grauhaarige Duisburger schließlich zu seiner Rute, legt den offenen Schnurfangbügel der Rolle um, setzt, als die Leine sich zu spannen beginnt, den Anhieb und meldet: "Haken sitzt!" Der Kampf zwischen Mensch und Meeresräuber beginnt.
Es dauert fast zehn Minuten, bis erkennbar wird, wer der Sieger sein wird. Zwei Mal schon hat Günter die Fluchten des, sobald er den Kutter sieht, wieder davon stürmenden Fisches mit Hilfe der Rolle ausgebremst, den Hai mit der steifen Rute erneut zum Boot heran gepumpt. Bei der dritten Annäherung taucht die als schwimmende Markierung dienende Styropor-Kugel auf, dann, nach einer letzten Flucht des Fisches, auch das fünf Meter lange Stahldraht-Vorfach am Ende der Schnur. Schließlich wird im klaren Wasser an der Bordwand der Schatten des sich windenden Meeresräubers erkennbar.
"Ein guter Blauhai", ruft Heinz dem Fänger zu, der seine Beute nicht sehen kann, zwei Schritte zurück getreten ist, damit Skipper John Lysaght (49) mit der behandschuhten Rechten das Vorfach fassen, den ermüdeten Fisch an die Bordwand ziehen und dort festhalten kann: "Etwa hundert Pfund." Günter nimmt "seinen" Hai außenbords in Augenschein, schlägt dann vor: "Entfernt vorsichtig den Haken mit der Zange und lasst ihn wieder schwimmen!" Doch John wendet ein, dass der Haken tief sitzt und er diesen Fisch an ein Restaurant im Ort verkaufen kann. Also hieven er und Heinz - der Skipper am Vorfach ziehend, der Angler mit beiden Händen den Schwanz umfassend - das Tier über die Reling, schlagen es an Bord weidgerecht ab. In den Stolz des Fängers mischen sich Bedenken: "Wieder ein Hai weniger!"
Mit diesem Zwiespalt leben die drei erfahrenen Duisburger Hochsee-Angler, seit sie vor fast 30 Jahren an der Westküste Irlands der Faszination des "Männersports" Haifang erlegen sind. Tierschutz war damals, Anfang der 70-er Jahre, noch kein Thema, und Befriedigung des männlichen Egos hatte nichts Anrüchiges. Die durchweg armen irischen Berufsfischer, die Urlaubsangler gerne auf See hinaus brachten, freuten sich nicht nur über die Zusatzeinnahme, sondern damals auch über jeden tot geschlagenen Hai, der ihnen nicht mehr die Stellnetze zum Köderfang für ihre Hummer-Körbe zerreißen konnte.
Wer als Angler auf sich hielt, setzte schon vor 30 Jahren seine gefangenen Haie möglichst in ihr Element zurück, weil der gute Sportfischer jedem Gewässer nur entnimmt, was sinnvoll verwertet werden kann. An solche Grundsätze hielt (und hält) sich jedoch leider nicht die weltweite Berufsfischerei. Sie hat mit ihrer Maßlosigkeit bewirkt, dass heute auch die - nach Fossilienfunden etwa 400 Millionen Jahre alte - Spezies Hai zu den gefährdeten Arten gehört: Die Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg schätzt den weltweiten Haifang auf jährlich 100 Millionen Tiere; und nach einer Studie des World Wide Fund for Nature (WWF) droht den 69 verbreitetsten der etwa 380 Haiarten das Aussterben - dank des Menschen, des größten aller Räuber.

Schonender Haifischfang fürs männliche Ego: Nach dem raschen Bild fürs Album wird der vorn im Maul sitzende Haken mit der Zange gelöst, der Blauhai lebend ins Meer zurück gesetzt.
Die Angler fallen dabei kaum ins Gewicht. Gefahrenquelle Nr. 1 für den Hai als Spitze der maritimen Nahrungspyramide ist die vielerorts an die Stelle des Schleppnetz-Fangs getretene Langleinen-Fischerei. Dabei werden - etwa zum Thunfisch-Fang - tausende maschinell beköderte Haken an bis zu 130 Kilometer langen Leinen im offenen Meer ausgelegt. Weil sie winzige Spuren von Fischöl und -blut im Wasser auf große Entfernung wahrnehmen können, beißen auf 95 Prozent dieser Haken Haie (vor allem Blau- und Grauhaie), reißen sich tödlich verletzt wieder los, werden bei der Leinenkontrolle verendet ins Meer zurück geworfen oder als nicht näher deklarierter "Beifang" verwertet. Welche Hausfrau weiß schon, dass es sich bei frisch auf dem Markt erstandenem "Seeaal" um das Rückenfilet und bei "Schillerlocken" um die geräucherten Bauchlappen des Dornhais handelt?
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Das Ende des Fangs: John, der irische Skipper, fasst das Stahlvorfach, bändigt den ausgedrillten Hai. Ohne Einsatz des Gaffs wird an Bord der Haken gelöst oder das Vorfach schon außenbords gekappt.
Die barbarischste Art der Haijagd, das so genannte Shark Finning, wird nicht nur in vielen Ländern der Dritten Welt - am schlimmsten derzeit vor Nicaragua -, sondern immer noch auch vor den Küsten "zivilisierter" Staaten wie Mexiko und USA (Hawai) praktiziert. Inzwischen hat zwar das US-Repräsentantenhaus - endlich! - ein Verbot dieser Fangmethode beschlossen, doch es ist leider kaum zu überwachen. So werden beim Finning auch weiterhin Haien lebend die Flossen abgeschnitten - die Körper landen unverwertet wieder im Meer.
Die so gewonnenen Haifossen werden zu (Dosen-)Suppe, die in 125 Ländern von Gourmets als Delikatesse geschätzt wird. Zentrum des Flossenhandels (zu Preisen um 200 US-Dollar pro Kilo) ist Hongkong, das jährlich 6100 Tonnen getrocknete Haiflossen importiert, verarbeitet und die Endprodukte in alle Welt exportiert. Das bedeutet etwa zehn Millionen verstümmelte Tiere pro Jahr. In der westlichen Welt werden auch "Antikrebsmittel" aus Haiknorpel gehandelt, weil diese Fischart angeblich "immun" gegen Krebs ist. Den verbreiteten Rückschluss, dass der Verzehr von Haiknorpel gegen Krebs schütze, bestreitet die Wissenschaft vehement. Doch er ist so eingängig, dass auch in Deutschland 60 unterschiedliche Haiknorpel-Pillen gläubige Käufer finden: für rund 25 Euro pro Packung.
All das wissen die ab und zu einen Hai für ihr Ego fangenden drei Duisburger Angler. Und sie sind deshalb sicher, dass ihr Fangverzicht nichts bewirken würde. Denn gezielt auf Hai fischen nur wenige Meeresangler: ein paar hundert in Deutschland, ein paar tausend weltweit, die ihre gelegentlichen Fänge meist schonend ins Wasser zurück setzen, sie nur ausnahmsweise den lokalen Nahrungsmärkten zuführen lassen, damit Fischer wie der Ire John Lysaght ein Zubrot haben. Der Skipper aus Liscannor muss ansonsten von fünf Euro leben, die ihm der Händler für einen gefangenen Hummer zahlt - und das sind nicht zu viele.
Für Johns Knochenarbeit - bei Wind und Wetter jeden zweiten oder dritten Tag 130 Hummerkörbe 40 Meter vom Meeresboden hoch winden, neu bekördern und wieder versenken - ist das ein "Hungerlohn". Und falls sein schweres Los die Gourmets in Brüssel, Paris oder Düsseldorf so rühren sollte, dass sie bereit wären, einen Fünfziger mehr für ihr Schlemmermahl zu zahlen, würde das John wenig helfen. Denn den Reibach macht der Zwischenhändler, der die edlen Schalentiere in Seewasser-Tanks monatelang hältern kann, sein Angebot der jeweiligen Nachfrage anpasst, stets einen Hummer weniger liefert als absetzbar wäre, so den Markt reguliert und den geforderten Preis stabil hält.

Blauhai an Bord: Günter, der Angler (l.), empfindet Stolz, aber auch Gewissensbisse. Der Haken sitzt tief, der Hai blutet - und der Fischer hofft auf ein paar Scheine eines Restaurantbesitzers.
Jeder Hai-Angeltag beginnt mit der Köderbeschaffung. Der Fang der notwendigen Makrelen bereitet im Sommer vor der irischen Westküste selten Probleme.
Ein Teil der Makrelen wird klein geschnitten und zerstampft: "Rubby Dubby" vorzubereiten, ist nichts für empfindliche Mägen. Mit Kleie und Lebertran vermengt, kommt die breiige Masse in einen Zwiebelsack, der außenbords befestigt wird, dort bei jeder Schiffsbewegung ins Wasser taucht. Die sich so entwickelnde "Duftspur" lockt Haie zum driftenden Boot mit den Ködermakrelen.
Ein Hummer bringt Skipper John Lysaght nur fünf Euro. Damit sich die lebend gehälterten Schalentiere nicht verletzen, sind Gummiringe um die Scheren gelegt.
Übrigens achtet auch John, der bei weiterem Rückgang der Haie wohl gar keine Angeltouristen mehr fände, auf größtmögliche Schonung der Meeresräuber: Zwei weitere Blauhaie, die das Duisburger Angler-Trio während seines Irland-Urlaubs noch fängt, setzt er nach vorsichtiger Entfernung der Haken wieder ins Wasser, ruft ihnen hoffnungsvoll "Come again" hinterher. Doch das ist leider ziemlich unwahrscheinlich...
Hai-Angriffe auf Menschen:
Die Legende lebt - und schürt Ängste
Seit fast 100 Jahren hatte es an den Küsten der Balearen keinen bezeugten Hai-Angriff mehr auf Menschen gegeben. Dennoch wurde, als im Sommer 2001 ein junger Blauhai vor Mallorcas auftauchte, sofort der gesamte Strand von Palma gesperrt. Die Meldung ging durch nahezu alle Medien, auch in Deutschland: Folge (und zugleich neue Schürung) der Urangst des Menschen vor dem gefürchtetsten aller Meeresräuber.
Seit jeher hat der Mensch den Hai dämonisiert, doch diese Angst ist weitgehend unbegründet: Weltweit sind für die letzten 100 Jahre im "Shark Attack File" nur knapp 80 tödliche Hai-Angriffe auf Menschen registriert: Durch Bienenstiche gibt es mehr Getötete. Selbst in tropischen Meeren sind Hai-Angriffe extrem selten - in unseren Breiten sind sie praktisch ausgeschlossen. Die Internationale Naturschutz-Union (IUCN) verzeichnet zwar jährlich 50 bis 75 "Annäherungen" von (meist Weißen) Haien an Schwimmer - bei etwa 40 Milliarden im Meer badenden Menschen. Doch die meisten dieser Begegnungen ereignen sich vor den Küsten Australiens und bleiben folgenlos: Seit 1876 wurden dort gerade 52 Angriffe Weißer Haie auf Menschen nachgewiesen - mit 27 Geschädigten; in drei Vierteln dieser Fälle blieb es bei Verletzungen.
Im Mittelmeer erwiesen sich seit 1900 lediglich 23 behauptete Hai-Angriffe als wahr. Meist handelte es sich um "eingeschleppte", Schiffen aus dem Roten Meer folgende und sich von über Bord geworfenen Abfällen ernährende Tiger- und Weiße Haie. Blauhaie, die im Sommer den Makrelen-Schwärmen bis zu den Küsten Großbritanniens und Südskandinaviens folgen, sind für den Menschen harmlos. Und was die Dämonisierung des Weißen Hais betrifft: Peter Benchley, Autor des von Steven Spielberg verfilmten Romans, bekannte unlängst, dass er sein Buch mittlerweile "mit schlechtem Gewissen" lese - und es angesichts heutiger Erkenntnisse der Haiforschung "so nicht mehr" schreiben würde.
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Wo man noch Haie fängt
Ein paar hundert deutsche Meeresangler zieht es in jedem Sommer zum Haifischen vor allem nach Süd- und Westirland - mit zunehmend schlechteren Fangchancen. Mehrere Spezialveranstalter (Beispiel: Andrees Angelreisen, Quellenweg 7, 65527 Niedernhausen, Tel. 06127 / 8011, Internet: www.info@andrees-angelreisen.de) bieten Fähr- oder Fluganreise, Unterkunft in Pension oder Ferienhaus sowie Bootscharter aus einer Hand; die Preise schwanken je nach Anreise, Unterkunft und (stets wetterabhängiger) Zahl der Ausfahrten stark.
Wer auf eigene Faust sein Haiglück versuchen will, ist meist nicht schlechter dran. Er muss allerdings Know how und Gerät (stabile Rute, kräftige Multirolle mit 50 bis 80 lbs Tragkraft, Stahlvorfächer, Haken, Bleie, Schwimmer sowie ein Geschirr zum Köderfisch- / Makrelenfang) selbst mitbringen (Gepäcktipp: bei der Fluggesellschaft vorab als Sportgerät anmelden). Unverzichtbar sind ein brauchbarer Kutter und ein einheimischer Fischer mit Revierkenntnis und Hai-Erfahrung. Die besten Skipper finden sich unter den Berufsfischern in Häfen an der irischen Westküste, etwa in Liscannor, Ballyvaughan, Kilkee oder Valentia Island. Die Charterpreise für eine sechsstündige Ausfahrt mit einem Kutter beginnen bei 130 bis 150 Euro, die sich meist drei bis fünf Personen teilen.
Gefangene Haie, die nicht verwertet werden, sollten keinesfalls gegafft, der Haken möglichst mit einer Wasserpumpenzange entfernt oder das Stahlvorfach außenbords mittels Seitenschneider am Maul gekappt, der Fisch möglichst schonend zurück gesetzt werden.
Jürgen Diebäcker
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