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Russland und die Besonderheiten des Vaterländischen Fischfangs
1996 war ich für ein paar Monate in Russland und habe dort - unter anderem – meine Leidenschaft fürs Angeln entdeckt. Angeln, überhaupt Fisch hat in Russland einen höheren Stellenwert im Leben der Bevölkerung als bei uns in Deutschland. Es gibt vielerorts große Fischkombinate und nicht selten sieht man Tankwagen durch die Gegend fahren, die die Märkte mit frischen lebendigen Fischen beschicken. Selberangeln ist allerdings die beliebteste Variante.
Was dem Deutschen sein Bier und Chips vor dem Fernseher (bei uns im Münsterland die getrocknete Mettwurst mit Bier) das ist dem Russen der Trockenfisch mit Bier. (nicht etwa Wodka! Merke: Wodka beim Angeln, Bier beim Essen).
Trockenfisch gibt es in allen Qualitäten zu kaufen, von dem einfachen Rotauge (Vobla), zum Stör (Osetr) und dem König der Trockenfische, dem Lachs (Losos, Gorbusha, Keta). Wenn hier mal irgendwer nach Russland kommt: es gibt durchaus trinkenswertes Bier dort, das sich hinter einem K-bacher nicht zu verstecken braucht. Besonders zünftig fand ich es immer, wenn Freunde mit Fisch zu Besuch kamen, eben noch einmal mit einem (oder besser zwei) 4-Liter Einmachgläsern zum Biertankwagen zu gehen und dort auffüllen zu lassen. Der Kiosk an der Ecke bietet ebenfalls Bier und Trockenfisch an, falls der Vorat mal knapp wird.
Aber zum Angeln. „Richtige Männer gehen Angeln“ wurde mir von einem Freund aus einer Südrussischen Stadt erklärt und sein Vater, der sein Leben als Hafenmeister am Fluss verbracht hatte, nahm uns gerne mit. Als kleiner Junge hatte ich selbst in Deutschland an einem kleinen Fluss nahe bei Münster geangelt und erinnerte mich an Brotteig, winzige Haken und ebenso winzige Rotaugen und Rotfedern.
Ich war deswegen nicht wenig überrascht, als nach einem ziemlich deftigem Frühstück (Brot, Wurst, Tomate, Gurke und einer Flasche mit klarem Inhalt) in der Wildnis nicht etwa als erstes eine Angel ausgepackt wurde, sondern ein ca. 8-10m langes Gummiband zum Vorschein kam. Ich wurde losgeschickt ,einen länglichen Stein zu besorgen und eine Astgabel. Mein Freund begann damit, eine Art Aalschnur mit 10 oder 12 Haken herzustellen, während sein Vater mit seiner Rute nach Köderfischen stippte.
Der fertige Aufbau sah schließlich so aus: der alte Hafenmeister band an das eine Ende des Gummis den Stein, an das andere Ende die Schnur mit den daran befestigten „Vorfächern“. Etwa 50m Angelschnur hatte er dann noch am anderen Ende als Reserve auf einem Brettchen aufgewickelt. Der Stein wurde nun mit dem Gummi dran über den Fluss an das andere Ufer geworfen und zog die Angelschnur mit den fertig beköderten Haken hinter sich her. Die Schnur auf dem Brettchen wurde über die Astgabel gelegt auf Spannung gebracht und mit einem Glöckchen als Bissanzeiger versehen. Die ganze Konstruktion war etwa 25 Meter lang. Als Köder gab es Würmer und lebende Köderfische (wurde variert). Wenn nun das Glöckchen klingelte, brauchte man nur die Schnur einzuholen, den Fisch vom Haken zu lösen und schließlich die Schnur durch den Gummizug zurück ins Wasser schnellen zu lassen.
Während uns der Vater nun mit dieser Schwarzanglerkonstruktion alleine ließ ging er mit seiner Rute auf Hecht.
Die Konstruktion erwies sich als ergiebig und neben mehreren Friedfischen waren auch 2 kleinere Hechte auf die Köderfische angesprungen (fragt lieber nicht nach der Länge, nach so vielen Jahren wachsen die Fische in der Erinnerung)
Neben dieser abenteuerlichen Konstruktion, an die ich heute noch schmunzelnd zurückdenke, wenn ich mit meinen Ruten hier in Deuschland am Fluss sitzte, habe ich jedoch einige Dinge von dem alten Mann gelernt:
Mich hat hat fasziniert, mit welch einfachen Mitteln der seine Ausrüstung baute/improvisierte oder reparierte. Eine der ersten Ruten, die ich von ihm in der Hand hatte war aus Alustäben einer Antenne gebaut, die er persönlich bei der Armee ausgesondert hatte. Ausser der Schnur und den Haken war praktisch nichts gekauft. Köder wurden fast ausschliesslich vor Ort besorgt. Neben Beeren, Heuschrecken und Würmern kamen dann auch Flussmuscheln und Flusskrebse zum Einsatz
Besonders fasziniert hat mich die Gabe des alten Manns genau zu wissen wie die Fische gerade so drauf waren. Der hatte ein enormes Gesprür für das Wetter und das Wasser und konnte wirklich sagen „Jetzt lohnt sichs!“ oder „Lassts bleiben, wird heut nichts mehr“. Und der hat trotz aller angestrengten Gegenversuche immer Recht behalten. In Deutschland mag es solche feinfühligen Angler ebenfalls geben, ich habe leider bisher noch keinen kennengelernt. Ich höre gerne zu, wenn mir jemand einen guten Rat gibt, aber ich kontrolliere dann auch gerne, wie gut der Rat wirklich ist. Ich habe schon häufig Fische gefangen obwohl mir ältere Anglerfreunde kopfschüttelnd vorher verkündet hatten, dass sich das nicht lohnen würde überhaupt loszugehen. Ebenso oft habe ich ohne Erfolg am Ufer gestanden mit Anglerfreunden die voller Überzeugung ausgezogen waren, es handle sich um ideales Angelwetter. Nu gut, der alte Russe hatte von seinen achtzig Jahren insgesammt vierzig Jahre täglich am Flussufer gesessen, da lernt man die Gewohnheiten der Fische wahrscheinlich gut kennen.
Und, die wichtigste Lektion: entweder man geht Angeln mit Wodka oder nicht. Mit Wodka wird es meist nur ein Picknick. Ohne Wodka haben die Fische schon weit weniger zu lachen...
Beim ersten Anglerausflug hatte uns der alte Hafenmeister kräftig zum Frühstück eingeschenkt. Danach wurde der Angeltag ziemlich zäh. Mit einem schweren Kopf läßt sich halt schlecht konzentriert angeln. Im Nachhinein und als inzwischen erfahrener Wodkageniesser ist mir klargeworden, dass es der Alte darauf abgesehen hatte, uns ein wenig „auszubremsen“.
Ich überlege mir nun immer schon vor ob ich wirklich Angeln gehen will oder einfach nur ein geselliges Trinkgelage am Ufer brauche. (beim Angeln ist dann 1 Bier zwischendurch das absolute Maximum). Ich denke man sollte dann schon ein bisschen bei der Sache sein, auch aus Respekt den Fischen gegenüber. So sah ich noch im letzten Sommer ein paar Karpfenangler an einem holländischen Teich, die mitten in der Nacht vor lauter Bierkonsum unfähig waren auf ihre überlaut eingestellten Bissanzeiger zu reagieren. Und dann waren da noch ein paar Bekannte, die extra 800km auf einen Angelausflug gefahren waren und von den 3 Tagen sage und schreibe 4 Stunden in einem Boot auf einem See verbracht haben (ohne schließlich etwas zu fangen). Den Rest der Zeit haben sie betrunken und mit Sonnenbrand im Freien herumgelegen...
Ich will hier niemandem die Sauftour mit Angelkollegen vermiesen, aber mischen sollte man die beiden Hobbies nicht übermäßig. Auf Dauer wird das Angeln wohl immer mehr darunter leiden.
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Übrigens: Wenn ich hier den Eindruck erweckt haben sollte, in Russland würde zuviel Wodka getrunken, so entschuldige ich mich dafür. In Russland trinken sicherlich einige unglückliche Seelen zuviel Wodka, aber so etwas gibt es bei uns in Deutschland ja auch. Für Wodka gibt es in Russland eine Trinkkultur, die verhindert, dass zuviel und mit einer falschen Einstellung getrunken wird. Der Russe sagt:“ My znaem, kak otdychat’ po kulturnomu!“ – „Wir wissen, wie man sich auf kultivierte Art und Weise entspannt“. Ähnlich ist’s mit dem Angeln in Russland. Es gibt eine Angelkultur, die sich auf Spass und Können begründet, und nicht auf bunter high-tech Angelausrüstung. Entsprechend trinkt der Angler dann auch nicht gekauften Wodka, sondern „Samogon“, den guten Selbstgebrannten...
Soweit zu meinen Erlebnissen in Russland. Es liessen sich sicherlich noch viele Details und Episoden einfügen. Ein wichtiges Kapitel für Russland wäre sicherlich das Eisangeln, aber hierzu fällt mir im Augenblick nur der Spott meiner russischen Freunde ein, die sich darüber kaputtlachen, dass hierzulande das Eisangeln meistens verboten ist. „Ihr habt doch gar kein richtiges Eis in Deutschland, warum verbietet ihr etwas, was es bei Euch nicht gibt?“
Dann wären da noch die wilden Methoden, Welse zu fangen (z.B. mit gebratenen Spatzen als Köder) und, und, und... Offensichtlich muss man erst in die Ferne fahren um zu erkennen, dass das Gute so nahe liegt. Ich habe jedenfalls durch meine Erlebnisse in Russland zum Angeln gefunden.
Und letztlich habe ich dann gemerkt, dass man an einem kleinen Fluß irgendwo in Deutschland ebenso viel Spass und Freude am Angeln haben kann.
Gruß
Sudak
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