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Der „Frauen-See“

Mitten in der Millionenstadt Belo Horizonte (Brasilien) wurde auf politischen Druck hin ein wunderschöner, künstlicher See angelegt, die Lagoa da Pampulha. Mit einer Länge von rund 5,7 km und einer grössten Breite von 1,5 km ein beachtliches Becken! Was auf den ersten Blick auffällt: Der See hat keine Vegetation! Keine Wasserpflanzen, kein Schilfbestand, nur schlickiger, dunkelbraun bis schwärzlich gefärbter Gewässergrund.

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Lagoa da Pampulha in Belo Horizonte - MG

Trotzdem hat es Fische in diesem leicht angetrübten und bis zu vier Meter tiefen Wasser - und dies nicht zu knapp! Von einem erhöhten Standort kann man bei geeigneter Sonneneinstrahlung und Windstille grosse, dunkle Wolken im Wasser ausmachen: Riesige Fischschwärme!

An den flachen und überall zugänglichen Uferpartien stehen unbeweglich und maiestätisch ein gutes Dutzend weisser Fischreiher (auch unter dem Namen Kuhreiher bekannt) und auf dem Wasser paddeln und tauchen schwarze Vögel - kein Zweifel, das sind Kormorane!

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Die Fischreiher lassen sich von den Anglerinnen nicht stören

Und natürlich entdeckt man hier auch Leute, die angeln. Mit einer bis zu 3 m langen, sehr dünnen Bambusgerte, einem angeknüpften Stück 0,40 - 0,60 mm Nylonschnur (selten über 3-4m Länge) und einem übergrossen Oehrhaken an einem Stück steifen Stahl-Draht als Vorfach.

Eine kleine Schaumstoff-Flocke dient als Bissanzeiger. Köder sind Rot- und Erd-Wurm {Minhocas}, Teig {Massa} oder Maispaste {Milho}). Auf diese Weise wird den Fischen nachgestellt und stundenlang angesessen...

Trotzdem die Uferpartie überall sehr flach veräuft, werden die Fische in einem Bereich von 1-3 Metern Entfernung gefangen. Zur Hautsache sind es Tilapías - hin und wieder auch eine Traíra (deswegen auch das „Drahtvorfach“).

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Hauptsächlich Tilápias werden viel gefangen...... und ab und zu eine Traíra

Das Erstaunliche an diesem See ist jedoch, dass die angelnden Personen meistens - ältere Frauen sind!

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Der See ist in „Frauenhand“

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Meist ältere Frauen sind hier anzutreffen

Diesen Umstand wollte ich doch etwas genauer ergründen! Hat es mit den bequemen Zugangsmöglichkeiten zu diesem Gewässer zu tun? Oder haben die männlichen Kollegen grösseren Respekt vor dem Krokodil, das hier sein Zuhause haben soll? Oder sind es eventuell die hin und wieder sich blicken lassenden Schlangen (Boas)?

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Eine wunderschöne Boa Arco-Iris (Regenbogen-Boa)

Nein, nichts von alledem!

Es gibt eine ganz einfache Erklärung dafür: Die Frauen angeln, um ihre Familien zu ernähren! Nicht allzuweit entfernt, in der Favela (Armenviertel) „Garca„ sind sie wohnhaft und erreichen diesen See in etwa 15-20 Minuten zu Fuss.

Und ihre Männer? Die sitzen beim Cerveja (Bier) in der Kneippe und spielen Karten! Das in Europa schon längst überholte, antiquierte „Geschlechter-Modell“ funktioniert hier also noch bestens!

Ich liess es mir jedoch nicht nehmen, als einziges männliches Wesen an dieser Uferstrecke, die Angel auszuwerfen.

Schon bald gesellten sich drei angelnde Damen zu mir in die Nähe und beäugten mich argwöhnisch - das heisst, vor allem meine Angl-Utensilien!

Eine richtige Angelrute und erst noch mit einer Stationärrolle bestückt, wird hier selten gesehen. Die Fischerei-Geschäfte im Stadtzentrum haben wohl solche Ausrüstungs-Teile in ihren Auslagen; für Bewohner der Favelas bleiben sie jedoch ein Wunschtraum.

Ich hatte mich zuvor etwas umgesehen und die Angeltechniken der Frauen bewundert. Jetzt wusste ich also auch, wo die Fische zu finden sind! Schon kurz nach dem ersten Auswurf konnte ich einen 28 cm grossen Nilbarsch (Tilápia) landen. Die Kompost-Würmer, die mir zum Preis von 8 Reais (ca. 2,70 Euro) je Liter ins Haus geliefert worden waren, hatten ihre Bewährungsprobe also bereits bestanden!

Nach meinem dritten Tilápia innert kürzester Zeit geschah Sonderbares: Bei den nächsten drei Auswürfen wurde meine Pose zügig unter Wasser gezogen, jedoch mein Anschlag ging ins Leere und - ich musste mich doppelt vergewissern - ja, der Angelhaken fehlte! Und das, ohne dass ich den geringsten Widerstand verspüren konnte!

Ich monierte den Haken deshalb direkt an der Hauptschnur. Beim nächsten Abtauchen der Pose konnte ich den Fisch haken - eine Traíra von 32 cm - mit drei mir sehr bekannten Montagen im Schlund! Jetzt war mir auch klar, warum hier mit Stahldraht als Vorfach geangelt wird!

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Das Abendessen wäre gerettetDer erste Fisch mit einer „europäischen Rute“

Die eine der Damen wollte nun unbedingt meine Gerätschaften auch einmal in der Hand halten und einen Auswurf damit tätigen. Die Freude kannte kaum Grenzen, als sie nach wenigen Minuten den ersten Fisch drillen konnte. In der Zwischenzeit hatten sich noch ein paar Anglerinnen mehr eingefunden und meine Rute wechselte mehrere Hände.

Somit hatte ich Gelegenheit meine Fotos zu schiessen und mich ein wenig umzuschauen. Ein wunderschönes Fleckchen Erde, diese Lagoa da Pampulha!

Doch das „Aber“ konnte ich auch bald ausmachen: Das Ufer wurde an manchen Orten mit einer Abfall-Deponie verwechselt! Hier hat die Stadtgemeinde Belo Horizonte also noch Einiges an „Aufklärungs-Arbeit“ zu leisten...

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Ein trauriges Kapitel

Gegen Abend, als sich die Sonne hinter die Hügelkette senkte, hatte ich 38 Tilápias gefangen. Der Fang wurde unter den immer noch recht zahlreich anwesenden Anglerinnen gerecht aufgeteilt, so dass in einigen Haushaltungen für heute wieder einmal Fisch auf den Tisch gelangen konnte. Vielleicht hatten die Ehemänner in der Kneippe irgend einen Wink bekommen - denn niemand spielte mehr Karten, als ich später auf dem Nachhauseweg daran vorbeigekommen bin!

René Sehringer
rs.fishing@uol.com.br

Belo Horizonte

 
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