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Fjordangeln im Südwesten Norwegens - Anglerisch besser als sein Ruf?

Seit über 15 Jahren fahre ich jetzt quer durch Norwegen, leite dort Gruppentouren zum Angeln oder Sightseeing. Aber auch privat zieht es mich immer wieder ins Land der Trolle.
Jedes mal, wenn man anfängt vom Südwesten zu erzählen oder gar Angler fragt, ob sie mitfahren möchten, hört man in letzter Zeit immer öfter die Antwort:
"Och nöö, lass uns lieber nördlicher fahren, dort gibt es mehr Fisch".
Stimmt das wirklich?

Ich behaupte zumindest nicht ganz.
Klar gibt es in Norwegen, was das Fischen betrifft, ein Nord- Südgefälle, aber es ist lange nicht so ausgeprägt, wie immer behauptet wird. Woran liegt es also, dass in den südlichen und sehr weit im Landesinneren liegenden Fjorden oftmals nicht so viel gefangen wird?
So hart es auch klingt, meistens am Angler selbst. Wer erfolgreich im Fjord angeln möchte, sollte sich unbedingt erst einmal mit ein paar grundlegenden Dingen der Natur vertraut machen

Der Mond

Von ihm hängt oft mehr ab als man denkt. Die Gezeitenströmung fällt im Fjord nämlich meistens nicht so stark aus, wie auf der offenen See. Aber nur wo Strömung ist, befinden sich Kleinstlebewesen, die am Anfang der Nahrungskette stehen. Und nur wo ein Anfang der Nahrungskette ist, setzt sich der Fisch in Bewegung und frisst. Danach bin ich zu folgender Schlussfolgerung gekommen:
Bei Voll- und Neumond ist der Gezeitenhub und damit die Strömung am stärksten. Es sind viel mehr Schwebeteilchen im Wasser, der Anfang der Nahrungskette und somit fast immer Fisch, der frisst. Zusätzlich kommt noch dazu, dass bei Voll- oder Neumond des öfteren Springfluten auftreten, wenn dann noch die Unterwasserströmungsverhältnisse stimmen, werden die Fische regelrecht von der offenen See in die Fjorde "gepresst". Wenn man diese Kombination erwischt, wird man einen regelrechten "Beißrausch" erleben. Deshalb sollte man, bei einem Norwegenurlaub immer versuchen, eine Voll- oder Neumondphase einzuplanen. Aber auch die Gezeitentabellen verraten schon mal im Voraus über die eine oder andere größer ausfallende Flut.

Das Wetter

So schön es auch aussieht, wenn der Fjord ganz flach und glatt vor unseren Augen liegt, bei solchen Windflauten geht meistens gar nichts. Der Hintergrund ist der gleiche wie bei den Gezeiten und wir bekommen es dann leider zu oft mit den alt bekannten Problemen zu tun: Keine Strömung, kein Fisch! Leider gibt es gegen diesen Zustand kein Rezept, aber es bleiben noch genügend Alternativen, dazu aber später mehr...
Dann gibt es ja auch noch die schönen Tage im Sommer, herrlicher Sonnenschein, die traumhaft schöne Landschaft rundum, da will jeder Angler sofort mit dem Boot raus und fischen gehen. Klar, macht ja auch am meisten Spaß, aber leider kommt der selbe Angler meistens als Schneider nach Hause und versteht die Welt nicht mehr.
Mir ging es oft schon genauso und man fragt sich, was die lieben Fische gegen das schöne Wetter haben. Die Antwort lautet: nichts, sie ändern nur ihr Jagdverhalten. Wenn man ein gutes Echolot besitzt, wird man bei schönem Wetter sehr schnell feststellen, dass die meisten Fische sehr tief stehen. Was ja auch logisch erscheint, da die Nordseefische nun mal keine Badewannentemperaturen mögen, was einen sehr schnell dazu verleitet, doch einfach in größeren Tiefen sein Glück zu versuchen.
Oftmals mit Erfolg, aber leider nicht immer. Wenn es extrem heiß ist und in der Tiefe überhaupt nichts mehr geht, sollte man es durchaus mal ganz nah am Ufer in 3- 10 Meter Tiefe versuchen. Das Badewannenwasser gibt oft mehr her, als man vermutet, da sich in der flachen Uferregion an heißen Tagen oftmals Schwärme von Brutfischen aufhalten und die werden eben gerne von den Räubern gefressen. Also, die leichte Spinnrute ausgepackt und rein ins Wasser mit kleinen Blinkern oder Twistern. Schon mehr als einmal konnte ich so den ein- oder anderen großen Pollack oder Dorsch überlisten.

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Der Köder

Im Gegensatz zur Hochseefischerei bewähren sich im Fjord die großen Kunstoffbeifänger wie Oktopus oder Gummifische usw. meistens leider nicht. Hier ist in der Regel der Naturköder erste Wahl. Am besten eignet sich Makrele oder Hering. Zur Not kann man sich auch mit kleinen Köhlern aushelfen.
Woran liegt das? Ehrlich gesagt, das weiß ich auch nicht genau. Ich habe lediglich eine Theorie: Im Fjord ist nicht so viel Strömung vorhanden wie auf offener See, daher ist auch nicht so viel Bewegung im Wasser. Ich denke, der Fisch ist es hier einfach nicht so gewohnt, einem potentiellem Opfer hinterher zu schwimmen. Diese Theorie wird ein wenig dadurch belegt, dass das langsame Führen des Köders am Grund meistens mehr Erfolg bringt als das wilde "Gepilke". Aber das müsste man noch einmal mit einem Meeresbiologe ausdiskutieren, wenn ich mal einen treffe, werde ich es Euch sofort in einem neuen Bericht wissen lassen.

Die Umgebung

Faustregel Nummer eins auf dem Fjord: Unter Wasser geht die Landschaft meistens so weiter, wie sie über Wasser aufhört. Wenn also steiler Fels ins Wasser abfällt, geht es in der Regel auch im Wasser steil und kantig bergab. Sollte man zum Beispiel Plattfisch fangen wollen, braucht man das an solchen Stellen mit Sicherheit nicht zu probieren. Aber der Pollack, Seelachs und Dorsch, sowie etwas tiefer der Leng und Lumb, lieben solche Ecken, da dort viele Kanten vorhanden sind, hinter denen sie optimal jagen können. Leider mögen diese Kanten unsere Bleie und Haken gar nicht, aber das Angeln in solch "hängerreichen Ecken" ist oft sehr erfolgreich und der ein oder andere Hänger sollte uns ein Kapitaler schon Wert sein. Außerdem bekommt man mit der Zeit ein gutes Gespür für seinen Köder am Grund und die Hänger werden mit etwas Übung deutlich weniger.
Möchte man auf "Platte" gehen, sollte man in der Umgebung Ausschau nach Fluss- und Bachläufen halten, die flach in den Fjord fließen. Erstens geht es dort unter Wasser meist flach und sandig weiter und zweitens mögen die meisten Platten ja bekanntlich das Brackwasser. An diesen Stellen kann man den ein- oder anderen "Toilettendeckel" aufstöbern.

Der Fjord

Man kann noch soviel Erfahrung und Routine mitbringen, es geht nichts über die Gewässerkenntniss. Wenn man einen Fjord zum erstenmal befischt, sollte man irgendwie zusehen, dass man jemanden dabei hat, der das Gewässer kennt. Denn hier ist es auch nicht anders als bei unseren Seen. Es gibt eben Stellen, da ist der Fisch lieber und dann gibt's Stellen, die meidet er wie die Pest.
Meistens erwischt man komischer weise als Gewässerneuling die Pestecken. Entweder sollte man sich einer geführten Tour eines seriösen Veranstalters anschließen oder man fragt den ein oder anderen Norweger, die normalerweise gerne Auskunft geben. Aber denkt bitte daran, kein Volk hält es so extrem mit der Regel:
"Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder hinaus."
Seid nett zu Ihnen, denn der Norweger ist ein äußerst gastfreundlicher Menschenschlag, auch wenn es nicht immer gleich so den Eindruck macht und bitte schwenkt nicht gleich einladend die Schnapsflasche, denn der Norweger hat großen Stolz und ein stolzer Mensch verkauft sich nicht, sondern wird eher unfreundlich.


Leider gibt es auch Tage, manchmal auch Wochen, an denen einfach gar nichts geht. Dann hilft auch keine Erfahrung und Gewässerkenntnis mehr. Da hilft nur noch eins: Daran denken, daß es im Südwesten unzählige Seen und Bäche gibt, die eine echte Alternative darstellen. Denn bedenkt, dass an diesen Gewässern so gut wie nie einer fischt und wir haben schon an flauen Tagen, wo sich andere auf dem Fjord fast zur Verzweiflung geangelt haben, den ein- oder anderen schönen Hecht oder Zander aus dem See gezogen. Und das kann ja auch nicht so schlecht sein, oder???

Bleibt zum Abschluss nur noch eins zu sagen: Wenn man sich an die oben genannten Regeln hält, wird man im Südwesten mehr fangen, als sein Ruf hergibt. Meine Frau und ich haben zum Beispiel bei unserem letzten Urlaub in einer Woche im Fjord 35 Steinbeißer gefangen, die alle zwischen 5,5 und 9,0 Kilo hatten und das war ja wohl nicht so schlecht. Wie wir das gemacht haben, kommt aber erst in meinem nächsten Bericht, auf den Ihr Euch hoffentlich genau so freut wie ich.

Generell bleibt noch zum Fischen in Norwegen eins zu sagen:
Glaubt nicht immer, was in mancher Fachzeitschrift steht, denn auch in Norwegen springt der Fisch nicht von alleine ins Boot, denn auch dort muß man etwas dafür tun, um Fische zu fangen. Und zum Glück ist Angeln ja auch noch Natur, sonst wäre es ja auch langweilig, wenn es so einfach wäre und hätte mit dem Begriff "Angelsport" auch nichts mehr zu tun, oder?

Wenn Ihr noch Fragen zu diesem Thema habt, könnt Ihr mir gerne eine Mail an thomas@rogertours.de schicken.

Thomas Oswald
Fa. Rogertours


Anglerboard-Magazin April 2003


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