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Die Leng-Expedition


Welch häßliches Geräusch...

Exakt 4:00 Uhr, der Wecker ist unerbittlich - warum bitte werden die Abende in Norwegen immer so lang? Es lag wohl daran, dass unser Hüttenvermieter Harald immer neue interessante Stories zu erzählen hatte, bei natürlich immer nur einem "Snaps"...

Um Punkt 6:00 Uhr sollen wir Odd Arve am Straßenrand aufnehmen - sein Auto steht mit Motorschaden in der Garage. Er ist unser Trumpfass für die heutige Heilbutt-Test-Expedition, die wir als Promotion-Tour für Vögler´s Angelreisen geplant haben. Odd Arve hält den offiziellen IGFA-Rekord für Atlantischen Heilbutt mit 161,2 kg, hat schon Dutzende der Flachmänner in´s Boot gehievt und nebenbei mal eben Lengs bis 36 kg und Eishaie bis rund 500 kg an die Oberfläche befördert - gibt es einen besseren Guide???

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Odd Arve und seine Königsfische!
 
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Olga, die Vermieterin vor Ort, hat einen guten Freund angeheuert, der uns mit seinem 7,70 m langen Viknes Kombi Kutter zum Hot Spot fahren wird Wir stehen zu nachtschlafender Zeit deshalb auf, weil um 8:30 Uhr der Gezeitenwechsel einsetzen wird und die Ebbe beginnt. Sind auch pünktlich auf Höhe von Odd Arves Dorf, aber die Beschreibung des Treffpunktes war nicht allzu präzise. Wir fahren ein paar Mal die Landstraße auf und ab und sehen dann einen wild strampelnden Radfahrer mit hochrotem Kopf entgegengeradelt kommen - uns stockt der Atem...Vor einem halben Jahr hatte Odd Arve einen Herzinfarkt mit Bypass-OP - aber so sind sie halt, die Wikinger!

Es wird eine fasziniernde Autofahrt. Tanja am Steuer, Odd Arve auf dem Beifahrersitz, ich hinten. Auf Englisch unterhalten wir uns, lauschen den unglaublichen Drills und Fängen, die unser Mitfahrer schon erleben durfte und was uns heute erwarten könnte. Ich bekomme so rein gar nichts von der wunderschönen Landschaft mit, zum Glück fährt Tanja!

Punkt 8:00 Uhr kommen wir an der Pier an - Olga, Skipper und Kutter warten schon auf uns. Also schnell die Berge an Angelgerät, Köder, Boje, Videoausrüstung und Proviant an Bord gehievt, in die Overalls hineingesprungen und schon legen wir bei blauem Himmel und einer leichten Morgenbrise ab.

Kaum auf dem Wasser, geht die Bastelei los. Odd Arve hat unsere Ausrüstung für geeignet befunden - Tanja hat sich für die YAD Trondheim 30lbs und Penn GTI 345 entschieden, ich ebenfalls für die 30 lbs Trondheim, auf der meine Penn Senator 114 LH thront. Beide haben wir 0,30er No-Name-Dyneema auf den Rollen. Odd Arve wurde von Harald zu einem kostenlosen Beutezug in dessen Angelshop eingeladen, und so werden jetzt Tütchen aufgerissen, Vorfächer zurechtgeschnitten und geknotet, Anti-Tangle-Booms und Haken montiert. Die fertigen Montagen sehen schon brachial aus - von unten gesehen: 1000 Gramm Birnenblei, Sollbruch-Monofile, 40 cm Anti-Tangle-Booms, an deren langen Enden und 1,00 mm Mono riesige Fluo-Oktopusse Marke XXXL baumeln! Über den Bäumen jeweils noch zwei Seitenarme, ebenfalls mit kleineren Oktopussen besetzt. Insgesamt je 3 12/0er Mustad-Meereshaken komplettieren die Montage.

Die Anfahrt zum Spot vergeht im Fluge, der Skipper lässt den Kutter mit voller Fahrt laufen. Wir klönen mit Olga, die prima deutsch spricht, beobachten das Furuno - Echolot, machen Film - und Fotoaufnahmen. Odd Arve peilt indes die in seinem Kopf gespeicherten Landpunkte an, und nach 30 Minuten Fahrt machen wir das Ankergeschirr bereit. Ich schaue auf das Echolot - 170 Meter fast planer, sandig-fester Untergrund. Hier ankern??? Doch diese mir völlig neue Ankermethode ist ebenso simpel wie effektiv, nach 15 Minuten liegen wir genau punktgenau über einer von Odd Arves Lieblingsstellen! Die Ebbe hat gerade eingesetzt, und wir können auf dem verankerten Boot eine Vorahnung bekommen, wie stark der Gezeitenstrom hier mahlt - deshalb also die 1000 Gramm Bleigewicht.

Odd Arve übernimmt selbst das Schneiden der Makrelenfilets und die Anköderung für die drei Rigs, die wir zum Einsatz bringen wollen. In einer absoluten Professionalität sind flugs alle 9 Haken beködert, die Hakenspitzen jeweils noch mit gefrorenen gekochten Garnelen dekoriert (darauf schwört Odd Arve!) und wir beginnen mit dem vorsichtigen Ablassen unserer Großfisch-Montagen. Nicht zu schnell, damit die Vorfächer nicht vertüdeln, nicht zu langsam, damit die Strömung die Montagen nicht achteraus versetzt. Alle drei Bleie kommen fast zeitgleich unten an, Tanjas und meine Adrenalin-Ausschüttungen dürften aufgrund der inneren Anspannung schon alleine weltrekordverdächtig sein! Die Bleie sind ideal dimensioniert, sie halten unsere Köder perfekt an der Stelle. Ab und an liften wir sie vom Grund, "klopfen" bei den von uns erwarteten Mietern an. So vergehen rund 15 Minuten, die uns wie Stunden vorkommen...

"Fisk!" ruft wie zu erwarten der Meister, setzt einen Anschlag und kurbelt ganz normal den Fisch nach oben. Seine 30-Pfünder verneigt sich gen Wasser, aber Odd Arves Miene ist entspannt. "Sej..." kommentiert er seine Beförderungsaktion des Fisches nach oben, und nach 4 Minuten liegt ein guter 4 kg schwerer Seelachs im Boot. Mitte April. Wo uns die gesamten Tage zuvor nur die Köhler-Kinderstube geärgert hatte. Wir schauen ungläubig!

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"Beifang" für Odd Arve, siehe Gesichtsausdruck!


Schon sind Odd Arves Köder wieder auf dem Weg nach unten, plötzlich sagt Tanja: "Da nagt was!" Sie nimmt vorsichtig Kontakt auf, führt die Rutenspitze Richtung Wasser, verändert den Winkel für den Anschlag. Plötzlich zuckt die Spitze vehement nach unten, Tanja setzt den Anhieb! Die Trondheim biegt sich ehrfürchtig, Tanja hat Schwierigkeiten das Griffende in den Gimbal gesteckt zu bekommen. Ich kurbele meine Montage ein paar Meter hoch, greife zur Videokamera. "Gebt´s zu: ihr wollt nur Frauen leiden sehen!" ruft sie, pumpt und stemmt sich gegen die Reeling. Aber sie macht ihre Sache gut, nach 10 Minuten zeigt sich der Fisch - ein feiner Leng mit 113 cm und 9,5 kg! Aber was hängt da unter ihm? Eine der anderen Köder- Makrelen wurde von einem gut 2 kg schweren Dornhai für unwiderstehlich befunden - dazu noch das Kilo Blei, nun wissen wir auch, warum sie beim Hochpumpen so in´s Schwitzen kam: Petri Heil, Frau Fischerin! Und gleich weitergefischt, da geht doch was!

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Tanja zeigt, wo´s lang geht!


Keine 15 Minuten später, die Sonne steht nun schon weiter oben und erwärmt die Luft - ich überlege, ob ich mich aus meinem Overall pellen soll. In mein Nachdenken schiebt sich ein erster Zupfer - mein Herz schlägt bis zum Anschlag! Ganz vorsichtig neige auch ich die Spitze gen Oberfläche, krieche förmlich durch den Blank und die Geflochtene nach unten. DA! Diesmal ein Zerren: "Biss..." zische ich den Anderen zu. Starre gebannt auf den Rollerendring. Und auf einmal geht die Post ab! Es reißt mir fast die Rute aus der Hand, ich setze einen urigen Anhieb - und nichts passiert. Eine im Halbkreis gebogene Rute, Stille, sonst nichts. ‚Hänger?' versuche ich noch zu denken, da werden mir unter wildestem Schütteln etliche Meter Dyneema von der Senator gerissen! Ich stochere mit dem Rutenende nach dem Gimbal, Tanja lässt ihre Rute stehen, springt zur Kamera, Odd Arve fragt "Good fish - maybe Kveite!" und holt seine Montage nach oben, damit sie meinem Drill nicht in die Quere kommt.

Ich zittere vor Anspannung am ganzen Körper! Pumpe in langen langsamen Zügen, mehrmals wird mir wieder meterweise Schnur von der Penn abgezogen. Dieses Kopfschlagen - kann das ein Heilbutt sein, seit Jahren mein absoluter Wunschfisch? Ich schwitze in meinem Überlebensoverall aus allen Poren, muss nach ein paar Minuten schon meine sich verkrampfenden Hände abwechselnd ausschütteln. ‚Das fühlt sich doch nach Leng an', denke ich - da, wieder eine dieser typischen Leng-Schlängelbewegungen! "I think, it´s a big Ling!" presse ich in Richtung meiner Zuschauer heraus. ‚Wie bekommen Möwen eigentlich so schnell mit, dass ein Angler einen Fisch am Haken hat?' grübele ich nebenbei über die kreischenden Vögel nach. Witzig, was man während eines solchen Drills für seltsame Gedankengänge entwickelt...

Mittelwasser. Und nochmals wird mir eben mühsam hochgepumpte Schnur abgezogen! Sowas habe ich dann doch noch nicht in Norwegen erleben dürfen - langsam wird mir erst richtig bewusst, was da am Haken hängen muss. Mittlererweile sind 10 bis 15 Minuten vergangen. ‚Wo und wie landen wir den Riesen bloß nachher?' durchfährt mich der Gedanke zeitgleich mit der Erkenntnis, dass unser langes schweres Meeresgaff hoch und trocken in der Hütte liegt! Das Gaff vom Skipper, ein Axtgriff mit eingeschraubtem Gaffhaken und Tape-Umwicklung, macht auf mich auf einmal einen sehr instabilen Eindruck...

Nanu? Das Gezerre wird schwächer, das Pumpen leichter! Mir hilft die aufgeblähte Schwimmblase des Fisches, er kommt nun immer schneller Richtung Oberfläche. Meine Schnur weist schon lange weit hinter das Heck unseres Kutters, und wir starren gebannt in die Kiellinie. Nach rund 20 Minuten ein Schwall, rund 80 Meter hinter dem Boot, wie von einem auftauchenden U-Boot! Die Möwen umfliegen aufgeregt diesen riesigen Leng, der dort auf den kleinen Wellen schaukelt. Odd Arve fordert mich auf, den Fisch schnellstens zum Boot zu befördern - oft genug hat er es erlebt, dass sich die Möwen Auf den Fisch stürzen und ihn zerhacken! Jetzt, wo der Fisch oben ist, muss ich mich richtig in´s Zeug legen. Strömungs- und Wellendruck sind dermaßen stark, dass ich Angst habe, die Dyneema könnte aufgeben und reißen.

Nach ca. 25 Minuten ist der Brocken am Heck, das Gaff hält und wir wuchten ihn an Deck. Unser Jubel muss über den ganzen Fjord zu hören sein! Den Leng als Erstes abschlagen, Schulterklopfen, Glückwünsche. Odd Arve hebt ihn hoch, prüft fachmännisch und sagt: "Twenty-five Kilo, maybe twenty-five Kilo!" Ich bin völlig fertig, zittere immer noch und hebe den Leng hoch und drücke ihn an meine Brust. Gibt es was Schöneres als das folgende Foto-Shooting mit der Gewissheit, diesen starken Gegner auf die Schuppen gelegt zu haben?

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Fix und fertig, aber strahlender Sieger!


Ehrfürchtig pelle ich mich aus dem nun nassen Overall, zünde mir eine Zigarette an und beschließe mit dem Angeln aufzuhören, weil es Petrus an diesem Tag besonders gut mit mir meinte - sein Glück sollte man nicht allzu sehr strapazieren! Den Anderen gehen noch zahlreiche kleinere Lengs sowie gute Dorsche und Köhler an die Haken. Allmählich werden aber die Strömung und Bisse weniger, so entscheiden uns gegen 13:00 Uhr zur Heimfahrt, voll beladen nicht nur mit königlichem Fang, sondern auch mit sagenhaften Eindrücken.

Auf der Heimfahrt stoppen wir noch an Odd Arves Haus, und er zeigt uns seinen Hobbyraum - hunderte Meeresangelpokale stehen dort säuberlich aufgereiht, an den Wänden Fotos seiner größten Fische und die allererste IGFA-Weltrekord-Urkunde, die ich überhaupt zu Gesicht bekomme! Eingerahmt und dekoriert mit DEM stinknormalen norwegischen schwarzen 14/0er Gummimakk, der dem 322pfündigen Heilbutt damals zum Verhängnis wurde! Ob wir die Schwanzflosse denn mal sehen wollen - natürlich wollen wir!!! Und zur Krönung dieses einmaligen Tages halte ich dann auch noch die tiefgefrorene riesige Flosse eines Weltrekord-Heilbutts in den Händen...

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Weltrekordler mit Weltrekord-Schwanzflosse!


Als wir später im Camp ankommen, hole ich sofort die Waage und das Maßband aus der Hütte. Ich muss mich schon auf eine Treppenstufe stellen, damit die Waage das volle Gewicht anzeigen kann: exakt 28,0 Kilo sprich 56 Pfund bei 156 Zentimetern, stellen wir gemeinsam fest! Selbst Seebär Harald schüttelt seinen Kopf und mag gar nicht glauben, was wir da erbeutet haben. Auch Tanja muss mit dem Koloss vor dem Fotoapparat posieren, ist sie doch nur sechs Zentimeter länger als der Fisch!

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Es ist dann auch nicht weiter verwunderlich, dass mein bislang größter Leng abends mit etlichen Flaschen Ringnes-Bier gefeiert wird. Ihr fragt euch, was war in puncto Heilbutt, der eigentlich ja Ziel unseres Ausfluges war? Na, die Burschen waren diesmal an einer anderen Stelle, denen lassen wir noch ein wenig Zeit. Bis zum nächsten Mal!

Mein Dank nochmals an Odd Arve (dem sicherlich besten Naturköderangler Norwegens!) für seine Tipps und die Preisgabe eines seiner Top-Fangplätze, Harald Melhus von den Karmøy-Fiskehytter für das Tackle-Sponsoring und Olga aus Tittelsnes für die Bereitstellung eines perfekten Bootes. Und natürlich Tanja, der wir alle zu verdanken haben, dass wir die gesamte Ausfahrt demnächst nochmals auf Video erleben dürfen, und zwar:

am 14.02.2004 zu unserem AB-Norwegen-Mega-Event in Berlin!

Viele Grüße und Petri Heil euer "Lenginator"
Karsten Pfeiffer

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