|
Mit der Fliege im Sommer
Wer an Fliegenfischen denkt, denkt an rauschende Bäche mit schön gezeichneten Bachforellen. An Tageskartenpreise oft jenseits der 50 Euro, an C+R - Zwang, an gestandene Damen und Herren in vorzugsweise englischem Tuch gewandet. An exklusives Gerät, zu dessen Preis man auch locker einen (gebrauchten) Kleinwagen kaufen könnte. Und dann abends im Hotel am offenen Feuer einen Single Malt nach getaner „Fliegenfischerarbeit“ zu sich zu nehmen.
Es geht aber auch anders. Denn nicht die „Exklusivität“ macht den Reiz des Fliegenfischens aus, sondern die andere Art des Werfens, das Angeln auf Sicht, und nicht zuletzt die Möglichkeit, mit der Fliegenrute eine Vielzahl an Fischarten überlisten zu können. Und dazu braucht es auch kein teures Gerät, wenngleich mit der Erfahrung natürlich auch die Ansprüche steigen werden. Wer so um die 150 Euro investiert, bekommt dafür eine Ausrüstung, mit der man wirklich auch vernünftig angeln kann.
Werbung
Dann braucht es eigentlich nur noch ein geeignetes Gewässer. Und deren gibt es für Fliegenfischer mehr, als man glaubt. Unter der Voraussetzung, dass man nicht nur Salmoniden fangen möchte. Gerade der noch ungeübte Fliegenfischer sollte bei der Auswahl seiner Gewässer auch darauf achten, dass man genügend Rückraum zum Werfen hat. Denn es macht einfach keinen Spass, ständig die fehlplatzierte Fliege aus irgendwelchen Büschen oder Bäumen zu pflücken.
Man kann sowohl im Still- wie auch im Fliessgewässer den Fischen mit der Fliege nachstellen. Wenn es auch für den Anfänger sicherlich besser ist, es zuerst an Fliessgewässern zu versuchen. Hier übernimmt die Strömung die Arbeit, den Köder richtig zu führen. Vor allem Döbel sind Fische, die sehr gut auf Nass- oder Trockenfliegen, Nymphen oder Streamer gehen. Rotaugen, vor allem grössere, nehmen sehr gerne Nymphen oder kleine Nassfliegen, Hasel und Aland gehören zu den „fliegentauglichen“ Fischen genauso wie die Barbe. Und die ganze Palette der Räuber kann man gut mit Fliegenrute und dem Streamer beangeln.
Am besten geeignet sind für Anfänger kleinere, überschaubare Flüsse. Wenn man den Fluss schon vorher mit der Spinnrute oder auch mit Naturködern z. B. auf Döbel beangelt hat, ist dies von Vorteil, da man zumindest einige gute Stellen kennt. Kann man im Fluss waten, braucht man sich auch keine Sorgen um den Rückraum beim Werfen machen, im Fluss stehend hat man immer genügend Platz.
Einer meiner Lieblingsflüsse zum Fliegenfischen ist der Kocher im Hohenlohischen. Neben eher seltenen Forellen beherbergt er auch vor allem Rotaugen, Döbel und Barben. Je nach Stelle aber auch Karpfen, Hechte, Barsche. Also eine grosse Auswahl an mit der Fliegenrute zu beangelnden Fischen. Am Anfang würde ich eine 5/6er Ausrüstung empfehlen, mit einer schwimmenden, doppelt verjüngten Schnur und einem sinkenden Vorfach. Als Köder am Anfang Nymphen oder Nassfliegen. Dabei würde ich keinem besonderen Muster den Vorzug geben, sondern nur darauf achten, dass man verschiedene Farben in Dunkel und Hell in verschiedenen Grössen (14 – 8) zur Verfügung hat. Auf keinen Fall sollte m na eine Polarisationsbrille vergessen, die nicht nur die Augen schont, sondern auch tiefe „Einblicke“ ins Wasser zulässt.
Dann ist man eigentlich schon gerüstet für den ersten Angeltag. Am schnellsten, bei entsprechendem Vorkommen, wird man Erfolge auf Döbel erzielen. Gerade im Sommer stehen die Döbel gerne entlang des Ufers, wo sie sich sicher sein können, dass immer wieder Nahrung in allen erdenklichen Formen von den Wiesen und Büschen ins Wasser fällt. Da die Fische normalerweise immer mit dem Kopf gegen die Strömung stehen, sollte man das beim Angeln beachten und immer stromaufwärts fischen. So kann einen der Fisch nicht so schnell entdecken.
Und man sollte sich Zeit nehmen. Nicht einfach ins oder ans Wasser patschen und Hauptsache erst mal die Angel raus. Wer sich etwas Zeit nimm, und die Ufer beobachtet, so vielleicht auch eine kleine Rückströmung entdeckt, wird bald Bewegung im Wasser sehen. So weiss man zumindest schon mal, dass die Fische nicht nur da, sondern auch aktiv sind.
Man muss kein Wurfkünstler sein, um die ersten Fische mit der Fliege zu fangen. Wer einigermassen 10 Meter Schnur kontrollieren kann, der wird damit zurecht kommen. Die meisten Fische werden eh unterhalb dieser Entfernung gefangen. Und was nützt es, wenn ich zwar mit dem Doppelzug 30 Meter und mehr werfen kann, dann aber kaum noch den Biss sehe. Dann lieber immer wieder ein Stück weiter gehen, auch so kommt man mit geringeren Wurfweiten schnell an die Plätze, die man befischen will.
Am Kocher gibt es viele Stellen, die das beangeln mit der Fliege lohnen. Kleine Rückströmungen in „Minibuchten“, überhängende Büsche, Kehrströmungen nach Rauschen, Gumpen, Löcher und Rinnen. Da ich stromaufwärts angle, über werfe ich, je nach Tiefe, die Stelle um 1 – 5m. Je tiefer es ist, desto weiter muss ich überwerfen, damit die Fliege Zeit hat, Richtung Grund zu kommen. Nur wenn man an Stellen direkt am Ufer angelt, ist es manchmal sinnvoll, direkt an den ausgemachten Platz zu werfen. Die Döbel scheinen nur darauf zu warten, dass vom Ufer was ins Wasser fällt und schnappen dann oft sofort zu.
Fisch man im tieferen Wasser, in Löchern, Rinnen oder Gumpen, ist die Erkennung des Bisses am wichtigsten. Zwar nehmen gerade Döbel oft einmal die Fliege recht vehement, mindestens genauso oft ist aber der Biss kaum zu bemerken. Man muss ständig die gut gefettete Schnur im Blick haben, oder das Vorfach an der Stelle, wo es im Wasser versinkt. Bei jeder „unnatürlichen“ Bewegung von Schnur oder Vorfach kann es sich um einen Biss handeln. Ein leichtes stoppen, ein kurzer, kaum wahrnehmbarer Ruck, ein leichtes Beschleunigen der Schnur fördern nach dem Anhieb oft einen Fisch zu Tage.
Angelt man mit sehr schweren Nymphen, kann es sich dabei auch immer um Hänger handeln. Das sollte einen aber nicht davon abhalten, an solch tiefen Stellen zu angeln. Gerade grosse Döbel sind dort oft zu finden. Und wer einmal einen zwei- oder dreipfündigen Döbel an der Fliegenrute hatte, wird überrascht sein, was so ein relativ kleiner Fisch für Kräfte entwickeln kann.
Man kann zwar an Hand der Stellen, an denen man angelt, ungefähr voraussagen welche Fischarten beissen werden, aber das Schöne ist: Man weiss letztlich doch nie, was für ein Fisch beisst. So sind die Rotaugen und die grossen Döbel ebenso wie die Barben eher im Tiefen anzutreffen, kleinere Döbel und Forellen findet man oft in schneller fliessenden flachen Abschnitten. Es ist mir aber auch schon passiert, dass ein 70er Hecht eine kleine Goldkopfnymphe nahm, einen 4 – pfündigen Karpfen habe ich schon auf eine kleine schwarze Nassfliege gefangen, beim Barschangeln mit kleinen Streamern habe ich schon einen 5 – pfündigen Rapfen erwischt.
An einem Angeltag, normalerweise verbringe ich so 3 – 4 Stunden im Wasser, fange ich im Schnitt so zwischen 20 und 40 Fische. Das meiste davon Döbel, aber auch Rotaugen, Barben und immer wieder mal ne Forelle. Wer an die 4 Stunden mit der Fliegenrute im Wasser steht, für den bekommt der Begriff „sportangeln“, den ich eigentlich ablehne, eine ganz neue Bedeutung. Muskelkater in den Beinen von der Strömung, eine leicht schmerzende Schulter vom Werfen, und leicht tränende Augen vom konzentrierten beobachten der Schnur. |