Nordsee – Mordsee?
Eine Angeltour in die Nordsee um Helgoland mit
unserem Member „Seehund“ auf seiner Yacht „MS Seehund“ kann man leider
auf Grund seiner beruflichen Veränderungen nicht mehr erleben. Dennoch möchte
ich gerne von diesem wirklich einmaligen Erlebnis mit „Seehund“ Bernd vom
Anglerboard berichten – es ist es allemal wert, der Nachwelt erhalten zu
bleiben.
Leider sind auch deutsche Behörden
dem EU –Recht unterstellt. Deswegen gibt es
in der deutschen Bucht immer noch dänische Gammelfischer mit Maschenweiten um
10 mm, holländische Plattfischfischer, die den Meeresboden umpflügen und dänische
Wrackfischer, die mit speziellen Stellnetzen die Wracks auf der Suche nach
kapitalem Kabeljau abstellen. Nur für die deutschen Fischer können die Behörden
strengere Maßstäbe durchsetzen. Wie sollen da in der Nordsee noch Fische für
die Angler übrigbleiben?
Und
dazu noch einige tausend Seehunde und Kegelrobben.
Alleine auf Helgoland soll es zu dieser Zeit (vor der neuen Seuche, die Natur
regelts mal wieder) ca. 600 Seehunde und 200 Kegelrobben gegeben haben. Das
macht pro Tag nur um Helgoland ca. 10 Tonnen Fisch, die von den Robben gefressen
werden. Wenn man sich dazu noch die vielen Robben entlang der Nordseeküste
vorstellt, kann man sich leicht ausrechnen, was da zusätzlich zu den Fängen
der Berufsfischern an Fisch in Robbenmägen landet.
Da
bekommt der alte Spruch „Nordsee = Mordsee“,
der auf die Seeverhältnisse gemünzt war, eine andere Bedeutung. Hier wird
systematisch das Leben in der Nordsee vernichtet. Es ist abzusehen, wann das nächste
Robbensterben kommt (den Artikel schrieb ich schon im Jahre 2001!!!). Sei es aus
Futtermangel, weil bei der hohen Besatzdichte bei den Robben Seuchen aller Art
leicht um sich greifen können oder weil Parasiten sich in solch dichten Beständen
leicht ausbreiten können. Allen wäre besser gedient, wenn man auch an die
Lebewesen denken würde, die man nicht sehen kann und die nicht so putzig wie
die Robben sind:
Fische, Krebse, Muscheln, Garnelen.
Diese
stellen ja die Grundlage des Lebens in der Nordsee
dar. Aber wer in Deutschland für eine Bejagung der Robben zur Reduzierung auf
ein verträgliches Maß plädieren würde, der würde wohl genauso an den
Pranger gestellt wie ein Kinderschänder. Warum ich trotzdem eine Angeltour auf
der Nordsee unternommen habe? Weil man immer noch Fisch fangen kann, wenn es
auch jedes Jahr schwieriger wird.

Im
Sommer sind die Makrelen da, zumindest solange, bis die Gammelfischer die
Sandspieren, die den Makrelen als Futter dienen, weggefangen haben. Und an
vielen Wracks in der deutschen
Bucht kann man noch mit
Dorsch, Lengfisch, Stöcker oder Franzosendorsch rechnen. Voraussetzung ist ein
revierkundiger Angelführer. Und selbst dann sind die Erfolge nicht
vorprogrammiert. Wer aber das „Hochseeangeln“ bisher nur von der Ostsee
kannte, für den ist eine solche Nordseetour auf jeden Fall ein Erlebnis.
Herbert, Dietmar und Hermann hatten die MS Seehund gechartert, mit Bernd als
technischem Berater und Angelführer.
Und
bei bis über 5 Knoten Strom durch die Gezeiten,
und als Revier eines der vielbefahrensten Gewässer der Welt, da ist man auch
mit Bootsführerschein froh, wenn man Bernd an Bord hat. Abgesehen davon, daß
man die Wracks ohne ihn kaum finden würde. Daher ist eine solche Tour nicht nur
aus anglerischen Gründen zu empfehlen: Auf Wunsch bringt einem Bernd auch alles
bei, was man über Seemannschaft, Navigation und Sicherheit wissen sollte.
Wir
trafen uns an Bord zu einem gemütlichen Frühstück,
danach wurde das Gepäck verstaut. Dietmar war das erste Mal dabei und mache
sich Sorgen wegen der Seekrankheit. Aber er hatte Reistabletten, und nachdem er
im Laufe der Fahrt festgestellt hatte, daß er für Seekrankheit nicht anfällig
ist, wandelte sich sein Gesicht von einer mehr oder weniger starren Maske beim
Auslaufen zu einem genießerischen Grinsen.

Zwischen
4 und 5 Stunden dauert die Überfahrt nach
Helgoland. Im Gegensatz zur Ostsee gibt es keine festgelegten Abfahrtszeiten.
Man läuft kurz nach Hochwasser aus, um mit nicht gegen den Strom fahren zu müssen.
Auch beim Angeln ist die Tide entscheidend. Bei Helgoland beißen die Makrelen
wie auch die Dorsche am besten bei ablaufendem Wasser. Für den Angler heißt
das: Man muss sich auch auf ungewöhnliche Zeiten zum aufstehen einrichten.
Wir
kamen bei auflaufendem Wasser an. Dennoch wollten
wir einen kurzen Angelversuch auf Makrele starten. Aber wie Bernd vorhergesagt
hatte: Bei auflaufendem Wasser ist (fast) nichts zu holen – und so war es
auch. Wir hatten zwar die ersten Makrelen gefangen, aber nur um 10 Stück. Also
ging es ab in den Hafen. Nach guter Einweisung klappte es auch mit uns
„Landratten“ ganz gut beim anlegen. Vor allem da Herbert schon einige
Erfahrung hatte. Er fährt schon seit 1986 mit Bernd zum Angeln und ist deswegen
sozusagen schon „diplomierter Vollmatrose“ an Bord.
Wir
durften längsseits bei einem Fischer gehen. Die
stellen auf Helgoland eigentlich nur noch den Taschenkrebsen nach. Für die Beköderung
der Körbe brauchen sie aber Fischreste. Und direkt um Helgoland bekommen sie
fast keinen Fisch mehr. So freuen sie sich über die beim filetieren übrig
gebliebenen Fischreste, die sie von Bernd immer bekommen. Das gehört neben
beachten der örtlichen Gepflogenheiten eben dazu, wenn man ein gutes Verhältnis
zu den ortsansässigen Fischern und Menschen
haben will. Nur ein paar Meter zum ersten Ausschank mit frisch gezapftem Bier,
das sollte ein gemütlicher Ausklang für den ersten Tag werden. Leider war der
Wetterbericht nicht gerade ermutigend: Winde um Stärke 5 waren vorhergesagt. Um
Wracks vernünftig beangeln zu können und die Sicherheit zu gewährleisten,
sollte aber der Wind maximal bis Stärke 4 gehen.

Selbst
wenn der seetüchtige „Seehund“ die Fahrt zu
den Wracks problemlos schaffen würde: Wie man bei schneller Drift und
meterhohen Wellen vernünftig angeln will, das muss mir mal einer vormachen.
Dennoch wollen viele seiner Gäste auch bei diesen Bedingungen raus fahren, erzählte
Bernd. Sie haben eben nur ein paar Tage Zeit und wollen diese ausnutzen. Meist
erledigt sich dies dann schon beim ersten inselnahen Angelstopp, wenn solche Gäste
sich dann entscheiden müssen, ob sie lieber angeln oder sich festhalten wollen.
Wir setzten gleich auf Vernunft und wollten uns die Insel ansehen.
Das
war sowieso mit das Beste an der Tour: Es war eine
tolle Crew. Zwar waren wir wie alle Angler auch auf Fische aus, aber der Spaß
und das Erlebnis einer solchen Nordseetour war für alle das wichtigste! Und
auch auf Helgoland gibt es einiges zu entdecken. Neben dem tollen Meeresaquarium
zum Beispiel auch die „Schiffsausrüster“:
Da denkt man zuerst an Läden, in denen
Zubehör für Schiffe und Yachten gekauft werden kann. Das mag es auch geben,
aber da man auf Helgoland noch zollfrei einkaufen kann, erinnern diese Läden
doch verdächtig an Parfümerien oder Schnapsläden. Wobei mich als bekennendem
Scotchtrinker die Auswahl auch an hochwertigen Single Malts überraschte und
freute.
Am
nächsten Tag hatte zwar der Wind abgenommen, aber
immer noch stand eine hohe Dünung, die der Wind verursacht hatte. Also ging es
statt zu den Wracks zuerst mal auf Makrele vor Helgoland. Stabile Ruten, dazu
Makrelenvorfächer mit ca. 100 – 150 Gramm Blei, und los gings. In einem
Graben sw von Helgoland fand Bernd die Makrelen. Allerdings standen sie bei 40 m
Wassertiefe knapp unter der Oberfläche. Meist kamen die Systeme keine 6 – 7
Meter runter und waren schon voll mit Makrelen besetzt. Schön war, daß Bernd
die Maschine beim driften abstellen konnte. Wenn man die Makrelen gefunden hat,
braucht man nicht ständig versetzen wie beim Wrackangeln.
Nach ca. einer Stunde wurden die Bisse
weniger und Bernd verlegte. Diesmal kamen nur vereinzelt Makrelen an Bord. Daher
wurde schnell noch mal verlegt und wir waren wieder mitten im Fisch.
Das
Endergebnis: Über 3 Zentner Makrelen. Hier ein
gut gemeinter Rat und eine Warnung an alle, die auch mal zum Makrelen angeln
wollen:
Hört rechtzeitig auf, auch wenn die
Fische noch beißen. Ihr müsst die Fische am Ende auch noch schlachten und
putzen. Und das macht wesentlich weniger Spaß als angeln!!
Ich
werde auf meiner nächsten Tour auf der Nordsee auf jeden Fall nicht mehr mit
Systemen angeln, sondern eine Spinnrute und leichte Pilker mitnehmen. So kann
ich zum einen vielleicht gezielt die größeren Makrelen erwischen, zum anderen
muß ich nicht so viele Fische putzen. Das Schlachten der Fische dauerte nämlich
noch über 4 Stunden, während wir vor dem Hafen auf Reede lagen.
Ein
Erlebnis am Rande, das es wert ist erzählt zu werden:
Wir
wurden auf hoher See kontrolliert. Ein Schiff der Fischereiaufsicht, die
„Eider“, legte sich in einiger Entfernung neben uns und setzte ein Beiboot
aus. Fischermeister Henning Welz kam an Bord und wollte die Fischereischeine
sehen. Meiner lag natürlich in Cuxhaven im Auto und den anderen ging es auch
nicht besser. Freundlicherweise durften wir nach der Rückkehr Kopien unserer
Scheine der Behörde faxen, so dass das Verwarnungsgeld geringer ausfällt, als
wenn man keinen Schein hätte.
Aber
dann machte uns der Fischermeister noch auf das
Mindestmaß von 30 cm für Makrelen aufmerksam. Ob sie das wohl auch bei den
Gammelfischern mit Maschenweiten um 10 mm kontrollieren? Zwar kommen inzwischen
kaum noch Verstöße gegen das geltende Recht vor, wenn aber ein Prozentsatz von
xx % als Beifang bei der Gammelfischerei gefangen werden darf, kann man ich
vorstellen, wie viele untermaßige Makrelen und Dorsche in den Netzen der
Gammelfischer landen. Aber Herr Welz muss sich hier eben auch an geltendes (EU)
– Recht halten, selbst wenn die deutschen Behörden dies am liebsten strenger
handhaben würden.
Überhaupt
scheint es in der deutschen Bucht mehr vom Steuerzahler finanzierte Behördenschiffe
als alles andere zu geben. Schifffahrtspolizei, Fischereiaufsicht, Wasserschutz,
Zoll, und Bundesgrenzschutz, das alles wurde unter „Küstenwache“
zusammengefasst. Wenn man auch manchmal an deren Kompetenz zweifeln könnte. So
wurde Bernd bei der Fahrt nach Helgoland von der „Bredstedt“ vom
Bundesgrenzschutz gefragt, warum er denn das Fischereilicht fahren würde. Das
Fischereilicht ist grün über weiß und zeigt ein in Fahrt befindliches
Fischereifahrzeug mit Schleppnetz an. Der „Seehund“ darf als Schiff unter 20
Meter ein Toplicht (weiß) und darunter eine Zweifarbenlaterne (mind. 1 m
drunter, Backbord rot, Steuerbord grün) als Lichter führen. Entweder schienen
also die Grenzschützer die gültige Lichterführung nicht zu kennen, oder sie
mussten farbenblind sein.
Das
angeln und versorgen der Makrelen ging doch
ziemlich in die Knochen, so dass wir nach unserem Feierabendbier schnell in den
Kojen verschwanden. Man schläft übrigens nirgends besser, als nach einem
harten Angeltag leicht schaukelnd auf einem Schiff im Hafen. Und gemütlich ist
es auf einem Schiff wie dem “Seehund“ allemal. Der nächste Morgen brachte
endlich das erwünschte Wetter: Fast kein Wind und auch die Dünung hatte sich
gelegt.
Also
raus zu den Wracks. Da die Robben praktisch alle
Wracks in der näheren Umgebung Helgolands leergefressen hatten (und das sind
wirklich die Robben, kein Berufsfischer kommt hier mit seinen Netzen den Wracks
zu nahe) muss man Anfahrtswege bis über 30 Seemeilen in Kauf nehmen. Schon
gleich beim ersten Wrack kamen dann die ersten Dorsche an Bord. Gefischt wurde
mit 450 Gramm Blei und drei gelb/orangen Oktopussen als Beifänger an kurzen
Armen montiert.
Bernd
hatte uns vorher die Taktik genau erklärt: In dem
Moment, wenn er über dem Wrack den Rückwärtsgang einlegt, muss sofort die
Montage runter. Die Dorsche stehen nämlich nur direkt am Wrack. Wenn man hier
einen Pilker verwenden würde, müsste man mit noch mehr Materialverlust
rechnen. Durch das Endblei hielt sich das in Grenzen. Man hat wirklich nur
einmal Zeit um den Köder abzulassen. Und es gibt nur drei Ergebnisse:
Dorsch,
Hänger, Schneider!

Sobald man über das Wrack weg getrieben
ist, muß Bernd den „Seehund“ wieder verlegen. Glücklicherweise gibt es
viele Wracks, so daß man immer ein Wrack in der Nähe anfahren kann, wenn an
einem Wrack die Dorsche nicht wollen. Wir fingen am Anfang unsere Dorsche, auch
immer wieder Makrelen und Stöcker dabei, ich erwischte noch einen
Franzosendorsch.
Aber
auf einmal war das Beißen wie abgeschnitten, auf
keinem der Wracks wollte sich noch ein Dorsch rühren. Ich erwischte noch einen,
den ich von außen gehakt hatte, der spuckte gleich Mengen von Krebsen aus.
Wahrscheinlich waren die Fische satt gefressen. Also ging es, nachdem es am
Anfang recht diesig war, bei schönstem Sonnenschein und ruhiger See zurück in
den Hafen. 14 Dorsche bis über 3 Kilo, ca. 20 Makrelen und 10 Stöcker sowie
mein Franzosendorsch waren die Ausbeute.
Durch
die lange Fahrt waren wir über 12 Stunden
unterwegs und durch das frühe Aufstehen alle so richtig platt. Nachdem durch
den guten Makrelenfang die Kisten sowieso schon gefüllt waren, wurde für den
letzten Tag ein Hafentag beschlossen. Und als Abendessen gab es dann zum Abschluß
eine Helgoländer Spezialität (Bernd ist schließlich gelernter Küchenmeister):
Knieper
Das sind Scheren von Taschenkrebsen, die
sich Bernd frisch von einem befreundeten Fischer besorgte.
Mit
verschiedenen Soßen, Baguette und gut gekühltem Weißwein ein würdiger
Abschluss dieser Tour.
Auf
diesem Wege nochmal einen Gruß an die Klasse Crew und vor allem an Bernd und
Christa, denen ich hiermit nochmal viel Glück in Ihrem neuen Restaurant wünsche!!
Thomas Finkbeiner
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