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Von Seeskorpionen, Sandorms und Bikern


Vor einigen Jahren machten meine Frau und ich Angelurlaub in einem Ferienhaus in Gjellerodde am westlichsten Teil des Limfjordes in DK. Mein damaliges GFK-Bötchen mit 25PS AB hatte ich an einer Ankerboje verankert. Da die Bucht hier flach und geschützt war, stiefelte ich mit meiner Wathose bequem zu meiner Jolle. Bei fast immer moderaten Wind- verhältnissen hatte ich auch mit meiner kleinen Schüssel einen beachtlichen Aktionsradius. Wo ich aber auch ankerte, meist bissen nur kleine Flundern und Babydorsche. Dafür stürzten sich aber Bataillone von Seeskorpionen in Kamikazemanier auf meine Wattwürmer. Die Köder sanken kaum auf den Grund, schon zappelte so ein Minimonster am Haken. Es war eine fast biblische Plage. Dem entsprechend war der Köderverbrauch. Andererseits war es kein Problem Wattis zu plümpern. In einer Stunde 150-200 Stück - das ging ganz easy. Und diese Wattis waren oft fingerdick und fast schwarz. Ehrlich gesagt, dass Plümpern machte mir bald schon mehr Spaß, als mich beim Abhaken der allgegenwärtigen Seeskorpione zu ärgern.

An einem Morgen...dem Morgen...sonnte sich meine Frau am kleinem Sandstrand "unserer" Bucht, während ich in Steinwurfweite vom Ufer, Futter für die Seeskorpione plümperte.

Plötzlich war es aus mit der friedvollen Stille. Es röhhhrte und bullerte. Die Luft erzitterte förmlich. Kein Zweifel - (damals bin ich selbst Moped gefahren) - HARLEYS böllerten über die schmale Küstenstrasse. Und genau hier, wo wir höchstens ab und wann Schafe als Nachbarn gehabt hatten, hielten die Biker an und kippten ihre Maschinen auf die Seitenständer.

Es waren wilde Gestalten darunter, die alle Kutten mit Totenköpfen trugen. Weltkrieg II Stahlhelme und kolossale, tätowierte Bizepse waren auch nicht gerade ein Indiz für bedingungslosen Pazifismus. Zwei Bräute waren auch dabei. Die schauten aus wie ein "Nina-Hagen-Piratentussi-Verschnitt." Mir wurde ganz schön mulmig. Es war ja noch nicht lange her, dass sich rivalisierende, mit Dope dealende dänische Rocker in der Nähe von Kopenhagen mit Panzerfäusten beschossen hatten.

Hier und jetzt wurden aber erst mal gesittet Erfrischungen zu sich genommen, also Bierflaschen ordentlich geschüttelt und Kronkorken fachmännisch mit den Zähnen abgehebelt. Der spritzende, goldgelbe Gerstensaft löste eine allgemeine total harmlose Heiterkeit aus. Mir war absolut nach Rückzug zumute, wusste aber nicht wie. Alleine hätte ich mich vielleicht irgendwie unauffällig verdrücken können, aber da war ja auch noch meine Frau. Ich plümperte also erst mal so harmlos wie möglich weiter, weil mir nix besseres einfiel. Immer noch besser, ich wurde angepeilt, als meine Frau.

Kurze Zeit später latschte dann ein jetzt unbestahlhelmter Kuttenträger zum Ufer und nahm mich auf den Kieker. Er rief mir etwas zu. Ich verstand garnix, dafür grinste ich so unschuldig und unverfänglich wie möglich. Mir war klar, der wollte wissen, was ich hier trieb. Ich polkte einen kapitalen Wattwurm aus meinem Ködereimerchen und schwenkte ihn hin und her.

"Look here!" rief ich. "Sandorm, very good bait."
 
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"Ööhaa-ööhaa," antwortete er irgendwie elchartig und schüttelte den Kopf. Dann stiefelte er lederbehost ins Wasser, Kurs auf mich zu. Als er mich erreicht hatte, beugte er sich einen Meter, oder so, runter zu mir - wir waren jetzt auf Augenhöhe. Er nahm meine Wattwurmbestückte Hand zart in seine Pranke, zog sie zu seinem Riechkolben - und Gott ist mein Zeuge -, er beschnüffelte mit wissenschaftlichem Interesse den jodhaltigen Wurm. Aber das Aroma des Wurmes fand nicht sein Wohlwollen, meine dänische Zufallsbekanntschaft spuckte ostentativ ins Wasser. Ich war mit meinem Latein am Ende und ließ den sich ringelnden Wattbewohner unauffällig ins Wasser gleiten. Konnte es war sein, dass ein erwachsener Jütländer, dessen Küsten von Nord- und Ostsee umspült wurden, wo die Babys mit Angelruten auf die Welt kamen, nix mit einem Top-Universal-Meeresköder anfangen konnte? Um keinen Stress aufkommen zu lassen, legte ich eine weitere pantomimische Einlage hin. Plötzlich lag ein ungläubiges Staunen auf seinen markanten Gesichtszügen. Er hat es geschnallt, dachte ich etwas zu vorschnell. Also Fehlanzeige.

"Ißt du der?" oder so ähnlich flüsterte er sichtlich bewegt.

"Ööhh-nöh," grunzte ich nun elchartig und perplex. Aber meine kernigen Laute verstand er als Bestätigung seiner abstrusen Vermutung. Er schaute mich nun mit Respekt an, in seinen Augen spiegelte sich eine Mischung aus Bewunderung und Entsetzen. Und dann stiefelte er an Land zu seinen Sportsfreunden. Ich tappte hinterher, zu meiner Frau. Nur sofortiger geordneter Rückzug war jetzt angesagt. Aber das war nicht von Nöten. Die Biker hielten die Bierflaschen hoch und prosteten uns zu und riefen uns sichtlich begeistert: "Hi-hi...Hau-hau," oder so ähnlich zu. Wir winkten ihnen freundlich zu und riefen entfernt ähnlich: "Hi-hau-hi." Wir machten uns auf die Socken. Im Ferienhaus tranken wir am Vormittag Whisky. Nach dem zweiten Glas konnten wir lachen. Bötchen fahren und Seeskorpione füttern fiel an diesem Tag aus. Machte aber nix.

Die Biker sahen wir eine Woche später wieder. An selber Stelle. Uns war es zu blöd abzuhauen. Wir tranken ein paar Bier mit ihnen. Sie waren wirklich nett. Keine Spur von Rockertum. Diesmal war einer dabei, der übersetzen konnte. Der Irrtum wurde aufgeklärt. Es wurde sehr viel gelacht und getrunken.



Peter H. Frey



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