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Angler: Naturschützer? Tierquäler??

Wer regelmäßig im Anglerboardforum unterwegs ist, wird genauso regelmäßig über Diskussionen stoßen über das “beliebte“ Thema „Catch an Release“, über das Setzkescherverbot, über das entnehmen müssen mäßiger Fische, und, und, und.......

Oft mit Argumenten, oft aber leider auch statt dessen mit viel Passion und Engagement, die aber - wie auch so oft bei den „Schützern“ verschiedenster Fraktionen – eher davon geprägt ist andere missionieren zu wollen als Argumenten gegenüber zugänglich zu sein.

Einzeln betrachtet haben viele Argumente beider Seiten etwas für sich. Und gegen genauso viele kann man auch guten Gewissens andere, bessere Argumente finden.

Viele Angler haben eben, je nach Gewässer, Fischart und Angelmethode, dazu sehr unterschiedliche Ansichten, was in den verschiedenen Interessen liegt.

Diese ganzen Diskussionen über den Sinn oder Unsinn einzelner Maßnahmen greifen aber doch letztlich etwas zu kurz.

Denn es geht doch eigentlich nur darum, ob man den Menschen zugesteht Natur in vernünftiger Weise zu nutzen oder ob die Menschheit grundsätzlich am besten daran tu, die Natur soweit als möglich in Ruhe und sich selber zu überlassen.

Und auch da haben sicherlich beide Seiten Argumente denen man zustimmen kann, genauso wie solche die man – gerade als Angler – auch eher ablehnt.

Dass es viele solcher Diskussionen gerade in Deutschland gibt, hängt auch mit unserer Gesellschaft und der Gestaltung der politischen Landschaft zusammen. Während in vielen anderen Ländern weder die Jagd noch das Angeln gesellschaftlich in Frage stehen – von Minderheiten abgesehen – hat es die „Schützerlobby“ in Deutschland geschafft, die Politik soweit auf ihre Seite zu bringen, dass das Angeln eher gerade noch geduldet wird als gefördert.

In vielen Gesetzen und Regelungen steckt ja der Gedanke, dass Tiere vor vielen „Zugriffen“ durch die Menschheit geschützt gehören. Vor allem dann, wenn es sich wie beim Angeln um ein Hobby handelt.

Dass solche Gesetze in der Praxis oft eher kontraproduktiv sind und eher dazu dienen sollen, die „Schützer“ weiter zu stärken (und damit „Nutzer“ wie Angler oder Jäger zu schwächen) als darauf hinzuarbeiten dass Gewässer und Fischbestände langfristig auf ein sich erhaltendes Level gehoben werden können.

Dass sich dabei auch Angler oft eher von eigenen Interessen leiten lassen und nicht von der Objektivität muss man da natürlich aber auch zugestehen.

Um aber überhaupt eine Diskussion anzufangen ob Angler Tierquäler sind, müsste an das „Quälen“ von Tieren ja zuerst einmal definieren. Denn je nach Ansicht gehen da ja schon die Meinungen weit auseinander.

Während die einen jegliche Form menschlichen Einflusses auf die Natur oder Tiere und Pflanzen als „Quälerei“ ansehen, fängt dies bei anderen erst da an, wo Tiere absichtlich und ohne einen für jedermann erkennbaren Sinn und Zweck verstümmelt oder getötet werden. Hier muss man also diskutieren, was ein höheres moralisch/ethisches oder auch Rechtsgut ist: Der möglichst weitgehenden Schutz von Tieren oder Tierarten vor den Menschen oder der Menschheit

oder

die Möglichkeit in verantwortungsvollem Umfange die Natur und ihre Ressourcen zu nutzen.

Für Angler kann eigentlich nur die zweite Antwort relevant sein, denn wer zur ersten Ansicht neigt, wird weder „zum Spaß“ noch aus „Passion/Leidenschaft“ - sei es für die Versorgung der Familie mit frischem Fisch oder zur individuellen Lebensgestaltung - angeln gehen.

Wenn man davon ausgeht dass Angler die zweite Antwort als die richtige ansehen, stellt sich die nächste Frage schon von selbst: Was ist denn verantwortungsvoll im Umgang mit der Natur, Tieren und Tierarten??

Wo zieht man die Grenze zwischen der Verantwortung des Einzelnen und dem Interesse der ganzen Menschheit an möglichst unversehrter Natur, wo die Grenze zwischen Selbstverwirklichung und Verantwortung gegenüber dem Ganzen??

Und vor allem:

Gibt es da Unterschiede zwischen einzelnen Lebewesen, also Pflanzen oder Tieren, oder zwischen einzelnen Gattungen von Tieren, sind Wirbeltiere eher schützenswert als Einzeller, sind Warmblüter eher schützenswert als wechselwarme Tiere?

Bis noch vor wenigen Jahrezehnten spielten solche Gedanken keine oder kaum eine Rolle in den Gesellschaften und Ländern dieser Welt. Dabei braucht man nicht einmal zurückgehen bis in die Steinzeit, wo es ums nackte Überleben ging, und durch die geringe Bevölkerungsdichte kaum Druck auf Biotope oder einzelne Tier/Pflanzenbestände ausgeübt wurde, mit dem die Natur nicht fertig werden konnte.

Durch den ständigen Anstieg der Zahl der Menschen genauso wie durch die technische, damit auch wirtschaftliche Entwicklung hat sich nicht nur dies grundlegend geändert.

Mit zunehmender Information und zunehmenden Wissen sehen sich die Menschen heute auch selber anders als vor Jahrzehnten. Durch die Gabe des Intellektes sowie durch die zur Verfügung stehende „Freizeit“ (in den Industriestaaten), da man heutzutage nicht mehr täglich ums nackte Überleben kämpfen muss, hat die Menschheit ja auch einen kulturellen Wandel durchgemacht.

So dass man sich heute eben auch Gedanken darum macht, wie der Mensch oder die Menschheit mit der ihnen anvertrauten Natur respekt- und sinnvoll umgehen kann. Da gibt es die christlich geprägte Tradition, die besagt dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und ihm die Natur mit all ihren Schätzen untertan sei. Was für viele dann die Rechtfertigung auch zur Ausbeutung bestimmter Ressourcen ist, für andere wiederum gerade den verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Tieren beinhaltet.

Und es gibt nach der Säkularisierung auch die Ansicht fernab religiöser Gedanken, dass der Mensch/die Menschheit auch „nur“ ein (Bestand)Teil der Natur, also den Tieren und Pflanzen nicht übergeordnet sei. Da aber der Mensch/die Menschheit mit der nötigen Intelligenz gesegnet seien, geht es darum die Natur und Tier/Pflanzenarten nicht auszubeuten sondern weitgehendst vor dieser Ausbeutung zu schützen.

Hier deuten sich ja schon wieder die zwei Unterschiede in der grundsätzlichen Betrachtung an:

Die einen sprechen der Menschheit die Nutzung von Natur und deren Ressourcen in verantwortungsvollem Umgang grundsätzlich zu, während die anderen dies nur insoweit tun, dass die Menschheit sich ja ernähren und leben muss. Aber möglichst so, dass eben möglichst wenig in natürliche Vorgänge eingegriffen wird.

Dass sich die Menschheit kulturell und gesellschaftlich weiterentwickelt hat, lässt ja überhaupt erst diese Gedankenspiele zu. Und wie so oft sind dann bei so grundsätzlichen unterschiedlichen Grundauffassungen natürlich die jeweiligen Argumente im Einzelnen gesehen für sich immer relativ schlüssig, das gilt für beide Seiten.

 
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Von daher rühren dann auch letztlich viele Konflikte zwischen „nutzern“ und „Schützern“ die dann mit viel Wortgewalt ausgetragen werden, wenn es um einzelne Maßnahmen geht. Die dann aber auch wieder – je nach Standpunkt – verständlich werden wenn man sich überlegt welche grundsätzliche Auffassung dahintersteckt.

Ob man also dem Menschen oder der Menschheit zugesteht in seinem Sinne verantwortungsvoll die Natur zu nutzen oder ob man die Auffassung vertritt, dass jeder menschliche Eingriff eher Schaden als Nutzen bringt und dieser daher weitgehendst zu vermeiden/bekämpfen ist.

Dass sich die zweite Auffassung zumindest teilweise auch in der deutschen Gesetzgebung durchgesetzt hat, spüren wir ja als Angler ganz direkt an vielen Regelungen die uns in der Praxis absurd vorkommen, die man dann aber verstehen kann, wenn man davon ausgeht, dass diese Regelungen eben daher kommen, dass sie von gesellschaftlichen Gruppen mit durchgesetzt wurden, die der Ansicht zuneigen dass die Menschheit sich weitgehend auch aus der Naturnutzung heraushalten sollte.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass in den Fischereigesetzen/Naturschutzgesetzen in Deutschland ein „vernünftiger Grund“ zum Angeln gebraucht wird?

Dieser wird ja darin gesehen wird, dass Angler den Fisch zur Bereicherung der heimatlichen Küche und eben nicht zum „Spaß“ zu fangen haben. Und nur deswegen können bzw. dürfen wir in Deutschland überhaupt noch angeln. Würde es nach vielen der „radikalen“ Schützer gehen, würden nicht die Jagdgewehre und Angelruten an den Wänden verstauben, sondern auch alle Metzgereien wegen der Massentierhaltung geschlossen, Schuhmacher wegen des Lederverbrauches und Modeimperien wegen der Pelze geschlossen werden.

Diese Klippe wurde vom Gesetzgeber eben durch den „vernünftigen Grund“, also den Verzehr selbstgefangener Fische, umschifft, um trotz der Lobbyarbeit der Schützer der nicht unerheblichen Zahl der Angler - und auch deren nicht unerhebliche Wirtschaftskraft - zu erhalten.

Rein rechtlich gesehen wäre also ein Angler, der „zum Spaß“, aus Leidenschaft, oder als „Freiozeitgestaltung“ angelt ein Gesetzesbrecher, da für ihn der vernünftige Grund ja nur „vorgeschoben“ ist, um seinem Hobby weiter nachgehen zu können.

Und genau das ist der Punkt, an dem gerade auch im Anglerboard immer wider die Diskussionen auseinanderlaufen.

Da sagen die einen dann, um das Angeln langfristig erhalten zu können, muss man sich an die entsprechenden rechtlichen Vorgaben halten, um den „Schützern“ nicht weitere „Munition“ zu liefern um das Angeln immer weiter einzuschränken oder gar unmöglich zu machen.

Die anderen sagen wiederum, dass man genau diese Ansicht bekämpfen muss, da sie von der falschen Grundvoraussetzung ausgeht, dass man zum Angeln einen „vernünftigen Grund“ braucht.

Ob aber Angler als Tierquäler oder Naturschützer auftreten, hängt auch davon ab, in wie weit man die Leidensfähigkeit eines Tieres bejaht oder verneint oder ob man grundsätzlich der Nutzung der Natur und deren Ressourcen zustimmt.

Nun gibt es ja inzwischen schon viele wissenschaftliche Studien – von den jeweiligen Interessensverbänden in Auftrag gegeben – die sich mit dem Schmerzempfinden und der Leidensfähigkeit von Pflanzen, Tieren und auch für uns Angler interessant, von Fischen.

Plakativ macht es sich natürlich gut, wenn man damit argumentiert dass es keinem Tier (hier Fisch) gefallen kann, wenn er einen Haken im Maul hat.

Auf der anderen Seite ist dies natürlich schon wieder die menschliche Betrachtungsweise. Denn ob ein Fisch Schmerz empfindet, ob Stress, ob er gequält wird, hängt ja nicht nur von den messbaren Faktoren wie der Anzahl der Schmerzzellen ab. Sondern auch davon wie das tierische Gehirn diese Informationen verarbeitet. Und nicht zuletzt davon ob eine Pflanze oder ein Tier überhaupt ein Bewusstsein hat, um zu merken dass es gerade „gequält“ wird und nicht nur instinktiv reagiert.

Dies alles sind aber „menschliche“ Massstäbe, die da auf Tiere und Pflanzen übertragen werden und daher eigentlich zur Diskussion ungeeignet, da wiederum jeder wieder hier auf seine ursprüngliche Einstellung zurückkommen wird: Ob die Menschheit eben das Recht zur Nutzung hat oder dieses weitgehend eingeschränkt werden sollte.

Die gleichen Schützer und Nutzer, die sich dann am Einzelfall (Haken im Maul) totdiskutieren, haben dann teilweise wieder gemeinsame Interessen, wenn es darum geht, Biotope zu erhalten, in denen ein sich selbst erhaltender Bestand an Tieren und Pflanzen etabliert werden kann.

Allerdings wiederum aus unterschiedlichen Gesichtspunkten: Die Nutzer um davon den „Überschuss“ abschöpfen zu können, die Schützer um zu beweisen dass es der menschlichen Nutzung (sowohl in der Jagd wie auch beim Angeln oft mit dem Wort „Hege“ gleichgesetzt) nicht bedarf, um solche sich selbst erhaltende Biotope zu etablieren.

Statt also grundsätzlich zu diskutieren, ob man in der Gesellschaft – damit auch im Recht – die verantwortungsvolle Nutzung der Natur durch die Menschen auch als Menschenrecht verankern kann, oder ob eben der Gedanke dass der Schutz der Natur immer Vorrang vor der Nutzung hat, kommt es dann zu Einzelfalldiskussionen wie beim Catch an Release:

Aus den oben angeführten Gründen muss ein Angler dann einen gefangenen untermassigen Fisch (Arterhalt, Hege) zurücksetzen, genauso wie er jeden mäßigen Fisch (vernünftiger Grund beim Angeln) abschlagen soll. Obwohl das zum einen sicher nicht immer sinnvoll für ein sich möglichst selbst erhaltendes Biotop (hier Gewässer) ist und zum anderen dem einzelnen Fisch relativ egal sein dürfte, ob er aus einem vernünftigen Grund (nach menschlicher Ansicht) am Haken hängt und abgeschlagen wird oder aus dem Grund der Hege weil untermassig wieder zurückgesetzt wird.

Wer als Angler sich da immer nur mit diesen Einzelfalldiskussionen abgibt, der wird auch damit leben müssen, dass die „Schützer“ auch immer wieder mit durchaus nachvollziehbaren Gründen (vielleicht nicht immer für Angler, aber für einen Großteil der Gesellschaft) konfrontiert wird.

Daher sind solche Diskussionen in meinen Augen eigentlich recht sinnfrei. Denn müsste nicht die eigentliche Diskussion darum gehen, ob man den Menschen/der Menschheit grundsätzlich das Recht zur Nutzung der Natur und ihrer Ressourcen zugesteht oder nicht??

Das aber selbstverständlich in verantwortungsvollem Umgang mit der Natur, den Biotopen und auch den einzelnen Lebewesen, aber eben nicht dem Schutz als Selbstzweck, sondern durchaus mit dem Gedanken der verantwortungsvollen Nutzung als Leitmotiv.



Thomas Finkbeiner




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