Google
 
Web www.anglerpraxis.de
Guten Tag, und Viel Spaß im Archiv des Anglerboard-Magazins!


  Navigation
picStart
picAktuelles Magazin
picMagazinforum
picOnlineshops
picKleinanzeigen
picImpressum
picHaftungsausschluss
picAnglerboard.de



  Archiv
picGesamtes Archiv
picAllgemein
picRaubfischangeln
picFriedfischangeln
picMeeresangeln
picJungangler
picGewässertipps und Reiseberichte
picGerätetips und Berichte picBasteln und Gerätepflege
picRezepte und Kochtips
picPolitik und Naturschutz
picInteressengemeinschaft Angeln
picUnterhaltung
picPressemitteilungen und Firmenvorstellungen
picSonstiges




Wurzeln

Wie wurde man zur Anglerin/zum Angler? Wo liegen die Ursachen, die Wurzeln? Was war der Auslöser? Ein Erlebnis? Das "Mitgehen" ans Wasser? Zeuge beim Fang eines Fisches?

Bei mir war´s ein Geruch, vier Wände und ´ne kleine Türglocke. Die Hauptschuld trägt mein Großvater. Aber der Kick war ein Geruch. Ja, richtig gelesen. Ein Geruch.

Man schrieb das Jahr 1963. Die Zeit in der das Firmenlogo der DAM noch ein Ziegenbock schmückte. Klein havkat hatte schon fünf Lenze erlebt und war, mit Oma und Opa "in die Stadt gefahren". Der erste Weg führte den Alten (wie immer) zum "Angelhöker". Es war (damals) natürlich kein reines Angelfachgeschäft. "Er" verkaufte alles was man zum Angeln brauchte und "Sie" dealte mit.......... Handarbeitswaren. Wolle, Tuch, Nadeln....... datt volle Programm. Das Publikum war entsprechend gemischt.

Die Tür öffnete sich und die kleine Bimmel klingelte (oft sollte ich sie noch hören, sehr oft!). Ich schnüffelte. Es roch........ ja wie roch es? Es roch nach geflammtem Tonkinrohr, nach Rollenöl, Vanillearoma und "Plötzol". Natürlich wusste ich damals weder, dass der beste Rutenbambus von den chinesischen Monsunküsten stammt, noch was "Plötzol" ist ....... noch nicht!

Opa brauchte "nur ´n paar Haken" (hahaa!!!) und Oma war auf der Suche nach Wolle. Erst mal mit Oma los, um den obligatorischen Lolli bei der Chefin abzustauben. Auspacken, reinstecken und rüber zu Opa. Der klönte mit dem Inhaber. Ich stellte mich dazu. Meine Blicke schweiften über Vitrinen, in denen die damaligen Spitzenerzeugnisse der angeltechnischen Feinmechanik ruhten. Die kannte ich! So eine hat Opa auch!

Ich streifte durch "Rutenwälder" (wohl eher ein Wäldchen) und betastete gespließten und rohen Bambus, Voll, -u. Hohlglas, drehte Feststellmuttern an glänzenden Rollenhaltern und bestaunte formalinbraune Hechtschädel an der Wand. Dieser kleine Laden war ein Wunderland! "Mach nix kaputt!". "Ach lass den Lütten man büschn kuckn."

Man schritt zum Geschäft. Der Onkel hinterm Tresen zog eine, wie mir damals schien, riesige, flache Schublade komplett aus dem Verkaufstisch und platzierte sie auf der Ablage. Die Laden war wie ein Setzkasten, in unzählige kleine Fächer aufgeteilt. Alle sauber etikettiert. Haken! Kleine Haken, große Haken, silberne Haken, goldene Haken, braune Haken.......

Meine Nasenspitze reichte, gerade so eben, über die Kante und ich schielte mir fast die Augen aus dem Kopf. "Na min Jung? Wiss mit Opa to´n Angeln, wa?". "Jaaa! Nich Opa?". Tjä, so ging´s los..........

Auf der Heckbank seines alten Holzkahns sitzend (mein zukünftiger Stammplatz), wurde mir vom Alten eine kleine Bambusstippe überreicht. Vor meinen Augen baumelte eine kleine Stachelschweinpose. Er hielt den kleinen Goldhaken zwischen zwei Fingern und kramte in seinem Rucksack (ein abgewetztes, braunes Behältnis voller Geheimnisse), holte eine kleine Tube hervor und drückte vorsichtig eine kleine Wurst heller Paste heraus.

Da war er wieder! Dieser Geruch! Das Zeug wurde auf den Haken gepfriemelt und ich brachte das Ganze tatsächlich zu Wasser. Ob ich an diesem Tag etwas fing? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß aber, dass es dieser Tag gewesen sein muss, an dem ich zum Angler wurde.

Irgendwann lag eine Rute, samt Rolle unter dem Weihnachtsbaum. Ich brauche nur die Augen schließen und sehe sie vor mir. Braun gebeiztes, achtkantiges "Pfefferrohr", dreiteilig, Korkgriff, Rollenhalter aus Neusilber, Chromringe, Steckverbindungen aus brünniertem Messing, rote Bindeseide, dunkelrotes Stofffutteral. Fabrikat: Eine "Universal" der Firma Noris (noch nicht Noris Shakespeare). Die Rolle war eine DAM "Quick Junior". Druckgussgehäuse, klassische, rotbraune Einbrennlackierung, Bronzegleitlager, bespult mit Damyl "Mimicry". Eine der besten, kleinen Stationärrollen, die damals für Geld zu haben war! Ein Set schlanker Antennenschwimmer aus Kork und ein paar Haken nebst Bleien fehlte natürlich auch nicht.

Wenn ich heute meine High Tech - Carbongräten anschaue, die hier so rumstehen...............

Sei´s drum. Mit meiner ersten, eigenen Ausrüstung wurde ich zur Gefahr! Zur Gefahr für den ersten Zielfisch meiner Anglerlaufbahn: Dem Barsch! Mein Großvater und ich waren mittlerweile ein eingespieltes Team. Morgens, lange vor Sonnenaufgang, ging die Tür meines Zimmers auf und eine schwielige Hand zupfte an meinem großen Zeh.

Ein brummiges - "Reise, Reise! Komm hoch! Geiht los!" - folgte. (Ich war meistens schon längst wach.). In der Küche duftete es nach Speck und Eiern. Ein großer Pott Tee stand auf dem Tisch. Richtig satt essen war angesagt! Soviel wie nur reinging! Ich wusste: Vor dem Abend gab´s nix mehr.

Meistens vor Tageslicht ruderte der Alte schon den Kahn auf den See raus. Gesprochen haben wir nie viel. Es kam vor, dass stundenlang kein Wort fiel. Nur wenn mein Schwimmer zu zucken begann, Großvadderns großer, knallroter Hechtproppen unruhig wurde, seine Spezial-Eigenbau-Gänsekiel-Karpfenpose plötzlich von einem feinperligen Blasenteppich umgeben war oder ein dicker Hecht oder Karpfen in der Nähe schlug, kam so etwas wie leise gehauchte Konversation auf.

Sichere Zeichen, dass es ernst wurde waren ein langsamer Griff zur Rute und drei, vier kurz hintereinander in die Luft gepaffte Rauchwolken aus seiner Pfeife. Der Alte gab Dampf auf´n Kessel. Beliebt war auch, den anderen mit Anhieb oder Drill zu überraschen. Die Regeln dieses Spiels waren einfach. Mann biss sich auf die Zunge, um die abziehende Pose ja nicht zu melden, nahm so unauffällig wie nur möglich die Rute zur Hand, schlug an und drehte, nach einem lässigen - "sitzt" - grinsend den Kopf .

Wenn wir abends zurückfuhren, stoppte er manchmal mitten auf dem See, stopfte seinen Tabakkocher neu und erzählte von Angelschnüren aus gewachstem Manila oder geklöppelter Seide, von teuren und schwer zu bekommenden Vorfächern aus geflochtenem Rosshaar und wie man fluchte wenn ein Hecht so eine Kostbarkeit ruinierte, weil man keine Klaviersaite als Vorfach verwendet hatte.

Ich hörte von schweren Hechtruten mit Spitzenteilen aus Federstahl oder wie er seinen ersten Rehbock schoss und den Steinmarder mit der Flinte vom Dach des Hühnerstalls putzte (nach dem Krieg nahm er nie wieder ein Gewehr in die Hand). Ich sog alles auf wie ein Schwamm.

Sowie ich schwimmen konnte, wurde ich selbstständig. Der Alte ließ die Zügel locker und ich blieb oft an Land.......... immer auf der Suche nach "meinen" Barschen. Ich turnte auf Boots, -u. Badestegen herum, manchmal auch in fremden, vertäuten Booten. Ich liebte (und liebe) die gestreiften Raubritter. Wenn sie mit aufgestellter Rückenflosse, wütend gegen den Zug der Rute schlagend, unter der Wasseroberfläche auftauchten, war der Tag mein Freund.

Natürlich liebte ich sie fast noch mehr, wenn sie goldbraun und knusprig aus der Pfanne kamen.

Gestört wurden meine Unternehmungen eigentlich nie. Keinen Schein, kein Vereinsmitglied. Aber ich war "Fietes Enkel"! Keinem Gewässerwart wäre es im Traum eingefallen mich zu maßregeln. Fiete, mein Großvater war Neugründungsmitglied nach Kriegsende. Außerdem schob er, bis der Krebs in umriss, reichliche 200 Pfund, verteilt auf abgerundete 190cm durch die Gegend, - "konnte mit einer Hand ´n Klo zudecken" - um seinen besten Freund zu zitieren und war bekannt für seine sehr offene, direkte Art.

Auch meinereiner musste schnell, sehr schnell sein, wenn er was ausgefressen hatte. (Was natürlich höchstselten, eigentlich nie vorkam!)

Ich lernte alles von ihm was man brauchte um Fische zu fangen.

Ich lernte von ihm den Rot vom Schwarzmilan zu unterscheiden.

Ich lernte, dass das Blässhuhn gar kein Huhn ist.

Ich lernte, dass Aalschnur/Reusen-Wilderer "Hupnschieter" sind.

Ich lernte aufsteigende Faulgasblasen von Gründelzeichen zu unterscheiden.

Ich lernte Geduld, still zu sitzen, mit wenig Schlaf auszukommen, das Regen nur aus Wasser besteht und man höchstens büschn nass wird und das Angeln viel mehr ist, als nur Fische zu fangen.

Ich lernte, sehr früh, eigene Mindestmaße zu erstellen.

("Sett mi ja den Lüttkrom wedder rinn!")

Ich lernte erstklassiges Anglerlatein.

Er konnte - "irgend so´m vogeligen Quatschkopp" - riesige Bären aufbinden. Todernst, sachlich, in gestochenem Hochdeutsch und mit unbewegter Miene. Wenn ich einen Fisch fing, nahm er die Pfeife aus dem Mund und setzte ein Grinsen auf, das jeden Werbefilmer für Zahnpasta in Ekstase versetzt hätte.

Er machte mich zum Angler.

Aber die Wurzeln liegen bei einem Geruch, vier Wänden und einer kleinen Türglocke.



Havkat




© 2003-2011 Anglerpraxis.de - Alle Rechte und Irrtümer vorbehalten
Powered by MLIT