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Hechtträume
Vorsichtig setze ich Schritt für Schritt meine Füße am Uferrand entlang. Im Osten erscheinen am Himmel die ersten Lichter. Über dem Wasser bewegen sich Elfengleich kleine, dichte Nebelbänke. Die ersten Vögel setzen zum morgendlichen Gesang an. Ein paar Blesshühner bewegen sich zögerlich auf dem Wasser auf der Jagd nach der ersten Beute. Die Seerosenblätter liegen ruhig und unbeweglich auf dem Wasser. Dies ist eine Idylle, die man nicht mit Worten beschreiben kann.
Und doch trügt der Schein. Hier am Wasser gibt es nur Jäger und Gejagte. Räuber und die unterlegende Beute. Doch heute, will ich der größte Jäger unter ihnen sein. Denn ich will Sie endlich erwischen. Meine alte Widersacherin. Bis heute war sie immer die Gewinnerin. Doch heute, ja heute soll Sie mir endlich unterlegen sein. Wie oft hatte ich sie schon am Haken und konnte sie letztendlich nicht bezwingen und landen. Immer wieder gelang es ihr, den Haken abzuschütteln oder das Vorfach zu sprengen.
Wie oft hörte ich, die Bremse aufheulen, wenn sie mit schier unbändiger Kraft, mir die Schnur von der Rolle riss. Welch wilde Fluchten legt sie an den Tag, die mein Angelgeschirr bis an die Grenzen strapazierte.
Was für eine Kraft legte sie an den Tag, die ich bestaunte und bewunderte.
Seit nunmehr 2 Jahren läuft dieser Kampf zwischen uns, doch heute soll die endgültige Entscheidung fallen.
Ausgerüstet bin ich mit meiner guten Sportex Spinnrute. Die Rolle ist frisch gereinigt und eingefettet. Frische 0,12er geflochtene liegt auf der Spule. Ein Vorfach aus geschmeidigen Kevlar rundet die Sache ab.
Langsam taste ich mich an den von mir ausgewählten Platz ran. Dicht neben dem umgestürzten Baum bleibe ich stehen. Die Baumkrone liegt im Wasser. Oft konnte ich die Räuberin dabei beobachten, wie sie unter der Krone Stellung bezog und sich unbarmherzig auf ihre Beute stürzte. Auch heute wird sie bestimmt hier ihre Stellung beziehen oder daran vorbei ziehen. Ich befestige noch schnell meinen Lieblingsköder. Einen roten Masoca in der Größe 5. Dieser langsam laufende Spinner hat mir schon so manchen Fisch beschert. Auch heute soll er mich hier zum Erfolg führen. Die alte Hechtdame kennt diesen geheimen Köder noch nicht von mir.
Voller Hoffnung beginne ich nun das Gewässer systematisch abzufischen. Da schon nach dem 5. Wurf habe ich den ersten Biss. Wütend schüttelt der Räuber seinen Kopf und setzt zur ersten Flucht an. Schnell merke ich, das dies nicht meine alte Lady ist und trotzdem bringt dieser Fight eine Menge Spaß und beansprucht das Geschirr. Nach knapp 3 Minuten habe ich den Räuber bezwungen und ein Hecht von 75 cm gleitet über den Kescherrand. Schnell habe ich den Fisch abgeschlagen und den Spinner gelöst. Gar nicht so schlecht, denke ich dabei. Nun ist es an der Zeit, erst einmal ein Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen.
Während der kurzen Pause, kommt mein alter Freund der Graureiher angeflogen und lässt sich unweit von mir am Wasserzulauf nieder. Gerne beobachte ich diesen Vogel, wie er unbeweglich im Wasser steht, um dann mit einem blitzschnellen Hieb ins Wasser, sich seinen Fisch holt. Wir beide kennen und respektieren uns. Er fliegt schon seit Monaten nicht mehr davon, wenn ich an ihm vorbei gehe. Er weiß, dass er in mir einen Verbündeten hat. Oft habe ich ihm auch meine Köderfische vorgelegt, die er dann auch mit der Zeit nahm.
Langsam steigt nun die Sonne am Horizont hoch und es wird Zeit, dass ich weiter mit dem angeln mache. Immer und immer wieder stößt mein Spinner ins Wasser um dann verführerisch durchs Wasser zu taumeln. Nach einer halben Stunde, kommt der nächste Biss. Diesmal ist der Gegner klein. Der junge Hecht von knapp 50 cm darf nach dem lösen des Hakens wieder zurück in sein nasses Element.
Allmählich werde ich nervös und schaue wiederholt zur Uhr. „Was ist los mit meiner Lady?“ frage ich mich in Gedanken. Lässt sie heute ihre Runde ausfallen oder ist sie gesättigt?
Normalerweise ist sie immer um diese Uhrzeit an diesem Ort.
Auf einmal durchfährt ein gewaltiger Schlag meine Rute. Die Bremse kreischt unbarmherzig auf und ich weiß, meine Langersehnte Beute hat endlich zugeschlagen. Unser persönlicher Zweikampf hat begonnen. Jetzt und hier werden wir sehen, wer von uns nun der größere Räuber ist.
In ihrer ersten Flucht reißt sie mir knappe 40 Meter Schnur von der Rolle, ehe ich sie stoppen kann. Mit gewaltigen Kopfstößen schüttelt sie sich unter dem Wasser. Langsam kann ich einige Meter Schnur gewinnen, bis sie wieder erneut mir Meter für Meter von der Spule zieht.
Einige Schweißperlen rinnen mir ins Auge. Schnell wische ich sie mit dem Ärmel ab. In den nächsten Minuten gibt es ein hin und ein her mit uns beiden. Nun sind schon knappe 15 Minuten vergangen und keiner von uns beiden will aufgeben.
Auf einmal setzt meine Gegnerin zum Sprung aus dem Wasser an. Welch ein gewaltiger Körper schießt da durch die Wasseroberfläche. Fassungslos und bewundernd bestaune ich diese ungebändigte Kraft und Schönheit. Ich kann dabei sehen, dass das Spinnerblatt an der Maulseite heraushängt. Hoffentlich sitzt der Drilling richtig.
Weitere 5 Minuten vergehen, ehe ich sie soweit am Uferrand habe, dass ich sie im Wasser sehen kann. Der erste Landungsversuch scheitert, da ihre Kraft noch ausreicht für eine weitere Flucht. Langsam aber wird sie müde. Bei dem nächsten herankurbeln, sehe ich das der Drilling nicht richtig sitzt. Nur ein Haken hält sich im Hechtmaul auf. Die beiden anderen sitzen außen. Hoffentlich hält dieser eine Haken. Jetzt habe ich sie wieder so dicht am Ufer, das ich die nächste Landung wagen kann. Ich tauche meinen großen Kescher ins Wasser und versuche die Hechtdame darüber zu ziehen. Auf einmal sehe ich, dass sich ein Haken im Kescher verfängt. Diese einzigartige Chance nutzt meine Rivalin auch. Wild bäumt sie sich auf, während ich verzweifelt versuche, sie endgültig in den Kescher zu bekommen. Da, mit gewaltigem Kopfschütteln kann sich die Hechtdame von dem Haken lösen und mit einem Schwanzschlag verabschiedet sie sich. Neiiiiiiinnn !!!!
„Sven, Sven aufwachen“. Total verschwitzt und verwirrt schaue ich meine Frau an.
„Hast du wieder von deinem Hecht geträumt?“ fragt sie mich. „Ja“, dabei schaue ich zur Uhr. Es ist 4.00 Uhr morgens. Dabei hätte ich schwören können, dass alles echt war. Langsam beruhigt sich mein Puls wieder. Mitleidig schaut mich meine Frau an, um dann mit einem Lächeln zu sagen.
„Schatz, da du sowieso nicht mehr schlafen kannst, was hältst du davon, wenn ich dir ein Kaffee koche und du dann zum Angeln fährst. Vielleicht hast du ja heute Glück und fängst sie endlich.“
Dankbar küsse ich meine Frau und denke dabei: „ Vielleicht, ja vielleicht kann ich sie heute endlich bezwingen.
Sven Matthiesen
www.der-norden-angelt.de
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