Google
 
Web www.anglerpraxis.de
Guten Morgen, und Viel Spaß im Archiv des Anglerboard-Magazins!


  Navigation
picStart
picAktuelles Magazin
picMagazinforum
picOnlineshops
picKleinanzeigen
picImpressum
picHaftungsausschluss
picAnglerboard.de



  Archiv
picGesamtes Archiv
picAllgemein
picRaubfischangeln
picFriedfischangeln
picMeeresangeln
picJungangler
picGewässertipps und Reiseberichte
picGerätetips und Berichte picBasteln und Gerätepflege
picRezepte und Kochtips
picPolitik und Naturschutz
picInteressengemeinschaft Angeln
picUnterhaltung
picPressemitteilungen und Firmenvorstellungen
picSonstiges




Wanderung mit Hindernissen



An der Einmündung eines mittelgroßen Flusses steht ein großer Schwarm karpfenartiger Fische im Strom und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Jahrelang haben sie diesen Bereich gemieden wie der Teufel das Weihwasser, weil dieser Fluss, irgendwo im deutschen Mittelgebirgsvorland, ganzjährig eine Unmenge übelriechender Abwässer in ihren Lebensraum transportierte. Sie können nicht wissen, dass die endlich fertiggestellte neue Kläranlage nahezu alle Abwässer im Einzugsgebiet des Unterlaufes aufnimmt und dass das letzte Hochwasser des Flusses viel belastetes Sediment Richtung Nordsee transportiert hat.


Uralte Instinkte steigern die Unruhe im Schwarm. Die Paarungszeit ist nicht mehr fern, und der Platz am naheliegenden Laichgrund reichte schon im vergangenen Jahr nicht für alle laichreifen Weibchen aus. Eine Gruppe von 10 Fischen sondert sich ab und schwimmt kurzentschlossen in das für sie unbekannte Gewässer. Angeführt wird die Expedition von einem erfahrenen Pärchen, nennen wir sie Alfons und Bärbel. Zunächst kommt der neugebildete Trupp gut voran. Die kräftige Strömung im begradigten Fluss kann ihnen nicht viel anhaben, alle sind erprobte Schwimmer, selbst der kleine Moritz kommt gut mit. Andere Arten haben Probleme, ihnen fehlen Ruhezonen, in denen sie neue Kräfte sammeln können. Alfons und Bärbel führen den Schwarm in Grundnähe und immer in der Hauptströmung. Sie folgen so den Verhaltensmustern, die ihrer Art über viele Generationen das Überleben gesichert hat. Doch genau dieses Verhalten wird plötzlich zum Problem. Angelockt durch die heftige Strömung ziehen sie geradewegs in die Einmündung eines kanalartigen Seitenarmes hinein. Woher sollen sie auch wissen, dass dieser Mühlgraben selbst bei durchschnittlichen Abflussmengen einen großen Teil der Wasserführung aufnimmt und im eigentlichen Gewässerbett nur ein vergleichsweise geringer Abflussanteil verbleibt. Der Seitenarm wird für den Schwarm zur Sackgasse, an deren Ende das Wasser von oben über eine unüberwindbare Mauer in ein tiefes Becken fällt. Am Grund dieses Beckens tummelt sich eine Schar fetter Krebse. Der Weg aus dem Mühlgraben zurück in den Fluss dauert lange, eine innere Stimme wehrt sich dagegen, in dieser Jahreszeit stromabwärts zu ziehen. Zu allem Ungemach nutzen auch noch zwei Kormorane das unsichere Verhalten des Schwarmes, jetzt sind es nur noch acht Unentwegte, die das Abenteuer fortsetzen können.


Wieder im Fluss angekommen, wandern sie weiter stromauf. Doch schon nach kurzer Zeit taucht das nächste Hindernis auf, eine unüberwindliche Wehranlage stellt sich in den Weg, selbst die Bachforellen und sogar ein Lachs springen vergeblich. Nach ratlosem Umherirren im wildschäumenden Wasser des Tosbeckens finden Alfons und Bärbel schließlich den Eingang in die neuangelegte Fischaufstiegsanlage und führen den kleinen Trupp mutig in diese fremdartige Welt. Sie stellt sich dar als eine Kette aus merkwürdig regelmäßig geformten kolkartigen Becken, an deren Ende jeweils ein schmaler Schlitz jene verführerische Strömung aufweist, die den Weg stromaufwärts kennzeichnet. In den Becken sind viele verschiedene Fische unterwegs. Die Vertreter der weniger leistungsfähigen Arten müssen lange Pausen einlegen, die hohe Strömungsgeschwindigkeit in den Schlitzen ist für sie ungewohnte Kost. Mit einem Schmunzeln konstatieren die Forellen die pfiffige Fortbewegungsart der Bachflohkrebse. Seitlich auf dem Grund schwimmend nutzen diese die günstigen laminaren Strömungsverhältnisse auf der rauhen Gewässersohle. So können die Salmoniden sicher sein, dass ihr Nachwuchs später einmal genügend Futtertiere vorfindet.


Alfons, Bärbel und ihr Gefolge überwinden den Fischaufstieg sehr zügig, sie haben schon sehr viel Zeit verloren. Am Ausgang der Anlage erwartet sie neues Ungemach. Der Charakter des Flusses hat sich urplötzlich grundlegend verändert. Breit, tief und träge stellt er sich dar, im Rückstaubereich des Wehres ist die Strömung nicht mehr wahrnehmbar. Wieder irrt der Trupp ziellos umher. Auf einmal schießt ein dunkler Schatten auf den Schwarm zu und Moritz, der Youngster, zappelt hilflos zwischen den Fangzähnen eines halbwüchsigen Hechtes, der vor 4 Jahren als blinder Passagier in Form eines befruchteten Fischeies im Gefieder einer Stockente klebend von der nahe liegenden Kiesgrube in den Fluss transportiert wurde. Alfons flüchtet blitzschnell in den Mühlgraben, der oberhalb des Wehres vom Fluss abzweigt und alle 6 verbliebenen Leidensgenossen folgen ihm. Vor lauter Panik bemerkt Alfons zu spät, dass die Strömungsgeschwindigkeit im Mühlgraben auf Höhe der Mühle plötzlich rasend schnell zunimmt. Zusammen mit einem stromabwärts wandernden fetten Blankaal wird er mit unwiderstehlicher Kraft in die Turbine gesogen, die jetzt statt des Mühlrades an der Außenwand der Mühle ihre Arbeit verrichtet. Unterhalb der Turbine freuen sich die Krebse über die in scherengerechte Häppchen tranchierten Fischleiber.


Weder für den Aal noch für Alfons ist es jetzt noch von Bedeutung, dass der Mühlenbetreiber sich lange gegen die Installation der Turbine zur Wehr gesetzt hatte. Es war immer sein Traum, dass seine beiden Kinder die Tradition der Mühle weiterführen. Aber sie gingen lieber zum Studium und sprachen dann nur noch von regenerativer Energie und das sie auch einen entsprechenden Beitrag zum Umweltschutz leisten wollen. Die hohen Investitionskosten für die Turbinenanlage, die sich normalerweise niemals amortisiert hätte, wurden größtenteils durch Fördermittel abgedeckt. So gingen dann auch dem alten Müller die Argumente aus und angesichts seiner Absatzprobleme stellte er den Betrieb der Mühle endgültig ein, die Kinder konnten das Mühlrad gegen die Turbine tauschen...


Der vollends verschreckte Rest des Schwarmes konnte im Gegensatz zu Alfons rechtzeitig vor der Turbine umkehren und strebt jetzt unter der alleinigen Führung von Bärbel weiter stromaufwärts. Allerdings ist ihre Suche nach geeigneten Laichplätzen nach wie vor vergebens, nicht eine Kiesbank ist in diesem Gewässerabschnitt zu finden. Zu stark haben die Menschen das Gesicht des Flusses verändert, eine Mühle nach der anderen säumt die Ufer. Deshalb gibt es auf dem Weg stromaufwärts noch mehrere Wehre mit entsprechenden Rückstaubereichen, die als Sedimentfalle wirken. Der bei den immer wiederkehrenden Hochwasserereignissen normalerweise über die gesamte Fließstrecke transportierte und an geeigneten Stellen in Form von Bänken abgelagerte Kies versinkt hier hoffnungslos im Faulschlamm. Auch die Hechte vermissen die angestammten Laichplätze ihrer Urahnen auf den ehemaligen Auwiesen. Dort befindet sich jetzt Ackerland, durch Deiche vor den früher alljährlich stattfindenden Überschwemmungen geschützt. Selbst die Forellen können sich in den einmündenden Bächen nicht mehr fortpflanzen, seitdem diese aus falsch verstandenem Hochwasserschutz heraus begradigt und teilweise sogar mit überdimensionalen und nicht passierbaren Stauanlagen versehen wurden.


Mutlos zieht Bärbel weiter stromaufwärts. Mittlerweile ist sie allein, ihre Gefährten sind den überall lauernden Gefahren zum Opfer gefallen. Tief in Gedanken versunken bemerkt sie zunächst nicht, wie der Fluss allmählich seinen Charakter verändert. Dann aber zieht sie die ungewohnte Strukturvielfalt in ihren Bann. Erlen und Weiden säumen die flachen Ufer und bieten in ihrem Wurzelwerk zahlreiche Versteckmöglichkeiten. Gewässerbreite und Gewässertiefe variieren genau so stark wie Fließgeschwindigkeit und Sohlsubstrat. Die auffällig vielfältige Verwandtschaft ist zahlreich vertreten, sogar ein Pärchen der empfindlichen Äschen steht im Strömungsschatten einer kiesigen Uferbank. "Kiesbänke, die suche ich doch" durchzuckt es Bärbel. Gleichzeitig erfasst sie tiefe Trauer. Ohne ihre Gefährten und vor allem ohne Alfons ist dieses Paradies für sie eigentlich nichts wert.


Wenigstens gibt es hier genug Nahrung. Gerade taumelt unmittelbar vor ihrer Nase ein Regenwurm durch die Strömung, warum eigentlich nicht... Sie hat den Wurm noch nicht richtig verschluckt, da spürt sie einen heftigen Schlag und irgend ein zäher Widerstand behindert sie bei ihrer Flucht. Immer wieder muss sie die Richtung ändern. Zusehends verlassen sie die Kräfte und sie gibt dem stetigen Zug nach, schließlich umfängt ein Netzgeflecht ihren Körper und sie wird aus dem Wasser gehoben. Atemnot bemächtigt sich ihrer und sie sieht verschwommen die Umrisse eines unbekannten Wesens, das seltsame Geräusche von sich gibt. Als Bärbel wieder zu sich kommt, liegt sie in einer Flachwasserzone und ihre Kiemen arbeiten schwer. Langsam schwimmt sie davon...


Zwei Jahre später lebt Bärbel immer noch in diesem Revier. Ihr zahlreicher Nachwuchs tummelt sich ganz in ihrer Nähe, ihr deutlich jüngerer Partner steht unmittelbar neben ihr. Sie fühlt sich hier sehr wohl. Nur manchmal beschleicht sie Wehmut, wenn sie sich an die verlustreiche Wanderung in dieses Paradies erinnert. Und dann war da ja noch dieses eigenartige Erlebnis mit dem Regenwurm, das ihr bis heute wie ein unwirklicher Traum vorkommt.


Hätte sie damals die seltsamen Geräusche des Wesens verstehen können, wüsste sie, das es ein Angler war, der sie überlistet hatte und bei ihrem Anblick erstaunt zu sich selber sagte: Sieh' an, eine Barbe. Die kann nicht aus unseren Besatzmaßnahmen stammen, dafür ist sie viel groß. Sie hat es also aus eigener Kraft bis hier hoch geschafft, alle Achtung! Soviel Courage muss belohnt werden.


Der Angler löste vorsichtig den Haken und setzte sie wieder zurück. Dabei dachte er darüber nach, dass seine beharrlichen Aktivitäten im Verein nicht umsonst waren, auch wenn anfangs Viele nicht einsehen wollten, dass es durchaus Sinn macht, den Unterhaltungsverband, die Behörden und selbst die Naturschützer in die geplanten Vorhaben an den Vereinsgewässern mit einzubeziehen. Mittlerweile war ja sogar der Bauernverband sehr an konstruktiver Zusammenarbeit interessiert.


Den Eisvogel, der gerade vorüber flog, nahm er kaum war. Das lag weniger an der hereinbrechenden Dämmerung als an der Tatsache, dass dieser Anblick ihm längst vertraut war. Die Begegnung mit der großen Barbe hingegen würde er nicht so schnell vergessen.



Anmerkung des Verfassers:


Mit dieser kleinen Geschichte, die weniger Märchen, sondern eher ein Tatsachenbericht auf der Basis langjähriger Erfahrungen in der Arbeit rund um das Medium Wasser sein soll, möchte ich einen Beitrag leisten für die Entwicklung des Anglerboard-Magazins. Gerade im Jahr 2003, wo die Barbe Fisch des Jahres ist, möchte ich auch dazu anregen, noch mehr über den allzu oft mangelhaften Zustand des Lebensraumes unserer geliebten (manchmal auch gehassten) Flossenträger nachzudenken. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es natürlich einige Unschärfen. Sie resultieren aus dem Umstand, dass ganz bewusst versucht wurde, den Einfluss der verschiedenen menschlichen Aktivitäten an unseren Gewässern und deren Umfeld aus der Sicht einiger Bewohner dieses Lebensraumes darzustellen. Dabei ist zu beachten, dass das Verhalten der Tiere nicht von abstraktem Denken geprägt sondern überwiegend von Instinkten geleitet wird. Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass der Mensch mit seinem Tun entscheidenden Einfluss auf den Charakter und die Entwicklung der natürlichen und naturnahen Lebensräume nimmt. Fließgewässer haben in unserer Kulturlandlandschaft infolge ihrer verbindenden Grundstruktur eine zentrale Bedeutung, auch und gerade für die Revitalisierung übermäßig belasteter und deshalb verarmter Nutzlandschaften. Für den Lebensraum Fließgewässer ist eine ausgewogene Populationsdichte aller zugehörigen Tier- und Pflanzenarten von existenzieller Bedeutung. Die gezielte Einflussnahme auf einzelne Elemente oder Arten steht diesem Sachverhalt entgegen, unabhängig davon ob es sich dabei um den Schutz von Kormoranen, Ackerflächen und alten Wasserrechten oder die einseitige Förderung von Karpfen- und Regenbogenforellenbeständen handelt. Unsere Fließgewässer sind äußerst vielfältige und sensible Lebensräume mit komplizierten Wirkmechanismen, blinder Aktionismus kann enormen Schaden anrichten. Das gilt natürlich gleichermaßen für viele andere Lebensräume wie Stillgewässer, Wiesen oder Wälder.


Der Verfasser möchte dazu beitragen, dass alle, die an der nachhaltigen Nutzung und Entwicklung solcher Lebensräume beteiligt bzw. interessiert sind, gemeinsam auf der Grundlage langjähriger Beobachtungen und Erfahrungen sowie auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse danach streben, Fehler der Vergangenheit und der Gegenwart zu revidieren und der naturräumlichen Entwicklung unseres eigenen Lebensumfeldes genügend Raum zu lassen. Grabenkämpfe zwischen Nutzern, Schützern und Verwaltern binden nur unnötig Energie, die eigentlich dringend für die anstehenden Aufgaben benötigt wird. Bei der Arbeit Schulter an Schulter wird sich auch ganz schnell zeigen, wer es ernst meint mit seinen Äußerungen hinsichtlich der Notwendigkeit der Verbesserung der gegenwärtigen Situation und wer im Gegensatz dazu nur das Ziel verfolgt, mit geschickter Argumentation möglichst viele Menschen zu erreichen, die dann in treuem Glauben dabei helfen, bestimmte politische Strategien zu verfolgen.



Karsten Wullstein alias SILURUS

Anglerboard-Magazin 2003


© 2003-2011 Anglerpraxis.de - Alle Rechte und Irrtümer vorbehalten
Powered by MLIT