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Was ist (noch) Natur?????
Eine philosophische Betrachtung zum Umwelt- und Artenschutz
Auf der einen Seite alle "Gutmenschen", die Natur, Biotope oder Arten schützen wollen, auf der anderen Seite alle "Schlechten", die Überschüsse aus der Natur abschöpfen wie Angler, Jäger, Berufsfischer oder Landwirte.
Ich persönlich habe dazu eine eigene Sicht, ob man sich meiner Argumentation anschließen kann oder sogar muß, kann ich nicht beurteilen. Aber zur Diskussion stellen möchte ich sie hier einmal:
Was ist überhaupt Natur oder natürlich?? Gibt es das überhaupt noch in Deutschland, in Europa, weltweit??
Es gibt sicher kaum Natur im Sinne von ursprünglich oder natürlich (gewachsen). Auf Grund der dichten Bevölkerung und damit einhergehender Zersiedelung der Landsschaften sowohl durch Nutzung wie auch durch Bau von Straßen und Städten, läßt einen selbst Naturschutzgebiete, so wichtig sie sind, nicht mehr als natürlich bezeichnen. Denn jedes Biotop steht ja mit angrenzenden Gebiete, deren Wirtschaft und Zersiedelung, in Kontakt, welches dieses "natürliche" Biotop auch entsprechend beeinflußt.
Nicht umsonst halten ja viele "Schützer" auch von Menschen geschaffene "Biotope" wie Heide, Bergalmen oder Trockenmauern in Weinbergen für schützenswert. Dies hat aber sicher nichts mit Natur im Sinne von ursprünglich oder natürlich zu tun, sondern das sind Lebensräume die erst durch die Urbarmachung von Land durch die Menschen überhaupt erst geschaffen wurden.
Und wie sieht das bei Gewässern aus?? Viele Angler sind auch an Kraftwerkseinläufen unterwegs, weil dieses "Biotop" einigen Fischen immerhin so weit zusagt, dass sie eher dort als in angrenzenden, vielleicht mehr "naturbelassenen" Flussteilen zu finden sind.
Und Hafenbecken oder Kaimauern sind sicher kein natürlich entstandenes Biotop, sondern vom Menschen geschaffen. Dennoch bieten gerade an Flüssen solche "Biotope" Fischarten einen Lebensraum, die man im Fluss selber weniger findet. Muß man dies deswegen negativ beurteilen, weil man lieber einen unverbauten Fluss ansieht als einen, wie auch immer, "genutzten?? Und sind die Arten, die sich in solch "künstlichen Biotopen" wohlfühlen, deswegen weniger wert??
Ausserdem ist Schutz immer ein anderes Wort für Erhalt des Bestehenden. Aber gerade die Natur selber ist ja nur durch ständige Veränderung und Anpassung entstanden. Und so wie sich Landschaft und Biotope ständig verändern, sterben auch Tier- und Pflanzenarten aus und es bilden sich neue, sie sich an diese verändernden Bedingungen anpassen.
Die Frage ist also in meinen Augen weniger die, ob man Lebensräume oder Arten schützen muss oder sollte. Langfristig hat und wird eine Veränderung von Lebensräumen und Arten immer stattfinden. Es ist in meinen Augen nur die Frage der Geschwindigkeit, mit der das passiert, da die heutigen Pflanzen und Tiere eine gewisse Zeit brauchen, um sich in einem evolutionären Prozess veränderten Bedingungen anpassen zu können.
Es geht hier in meinen Augen den sensiblen und denkenden "Gutmenschen" wohl weniger darum, eine Evolution zu gestatten. Sie wollen die Evolution nach ihren Gesichtspunkten gestalten: Es scheint es so zu sein, dass man die Natur und die heute darin vorkommenden Arten auf Teufel komm raus in der uns bekannten Art und Weise erhalten will. Aber selbst mit noch so viel Gesetzen oder Vorschriften wird man dies nicht erreichen können.
Da hat die Menschheit als dominierende Tierart der heutigen Welt schon zu viel ihren Bedürfnissen angepaßt. Aber die Menschheit ist ja auch Teil der heutigen Lebensgemeinschaft auf der Erde, also der momentan herrschenden Natur.
Dass diese Vorherrschaft dazu führen kann, dass viele heutige Lebensräume zerstört werden, viele Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden und vielleicht in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten Insekten oder Bakterien oder andere Gattungen die beherrschenden Arten auf der Erde sein werden, ist sicher nicht weit hergeholt sondern wahrscheinlich.
Was aber ist der Schutz vor allem von Arten anderes, als die Erde und die Natur den Bedürfnissen der Menschheit anpassen zu wollen. Zum Beispiel den Bedürfnissen vieler "Gutmenschen", die zwar in der Stadt leben und arbeiten, damit die Natur nachhaltig verändern, aber in ihrer Freizeit gerne ein möglichst naturnahes Biotop zum ausspannen, das am Wochenende im besten Falle mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist.
Veränderung war schon immer das Merkmal des Lebens und der Evolution. Dass durch die Menschheit und die Veränderungen der Menschen in ihren Lebensräumen diese Veränderung in immer schneller aufeinanderfolgenden Zeitabläufen passiert, kann und muss man sicher nicht gutheissen. Verhindern wird man es wohl kaum können.
Das heißt ganz klar nicht, dass man alles gutheissen muss oder soll, was die Menschheit in der "Natur" verbricht. Aber ein bisschen Augenmaß scheint da doch angebracht zu sein.
Für mich stellt sich auch die Frage, wer letztlich einem für Menschen geeigneten Lebensraum mehr bringt:
Diejenigen, die darauf setzen alles so weit als möglich in einen (in meinen Augen nicht mehr herzustellenden) "natürlichen" Zustand belassen oder zurückversetzen wollen, oder diejenigen, die ihre Umwelt auch nutzen wollen.
Oder soll die Lösung für die Menschheit sein, daß man die Menschen als "Zerstörer der Natur" in "Ghettos" hält, damit ausserhalb dieser man die Natur sich selbst überlassen kann??
Die Lösung für mich liegt für mich nur darin, dass man versucht miteinander zu diskutieren.
Gerade Angler und andere Nutzer müssen dabei auch die "Berührungsängste" verlieren, die man vor vielen "Schützerverbänden" hat.
Denn letztlich gibt es doch viel mehr Gemeinsamkeiten, als es auf den ersten Blick scheint.
Wenn die Angler den "Schützern" zugestehen, dass vieles im Argen liegt und verbessert werden kann, umgekehrt die "Schützer" den Anglern, dass nicht jeder der die Natur nutzen will, gleichzeitig zu verurteilen oder gar zu verunglimpfen ist, ist man schon ein gutes Stück weiter.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen lebhafte "Diskussion"!!
Thomas Finkbeiner
Anglerboard-Magazin April 2003 |