Winkelpickerangeln an Fluss und See
Während im Sommer schon einmal "das Grobe" der Angelausrüstung auf Rotauge, Brassen und Co. zum Zuge kommt, schlägt in der Übergangszeit vom Winter zum Frühling die Stunde des filigranen, feinen Angelns. Es geht mit leichten, empfindlichen Ruten und kleinen Ködern auf Friedfische. Jetzt sind es zum Anfang die dankbaren Weißfische, die sich als erstes im noch kalten Wasser überlisten lassen.
Mit fortschreitender Jahreszeit und zunehmender Wassertemperatur gesellen sich später mehr und mehr andere Friedfische hinzu, die mit der Picker-Methode gefangen werden können: Schleien, Karpfen und Barben gehen dann ebenfalls oft an den Haken. Aber auch mit Frellen, Barschen und Aalen muss man jederzeit rechnen.
Pickerfischen - Was ist das eigentlich?
Neben dem klassischen Stippangeln mit Pose gibt es vor allem zum Fang von Friedfischen eine andere, sehr erfolgreiche Methode: Das leichte Pickerfischen. Dies ist eine äußerst spannende und "ergiebige" Methode des feinen bis ultrafeinen Grundfischens.
(Zur Abgrenzung sei hier nur kurz das Feederangeln genannt, eine andere Variante des Pickerangelns. Dabei werden jedoch stärkere und längere Ruten, dickere Schnüre, größere Wurfgewichte, schwerere Futterkörbe und Teigballen sowie teils größere Köder verwendet.)
Im Grunde genommen wurden im Laufe der Zeit eine Vielzahl von Begriffen für diese Angelweise geschaffen: Man hört Begriffe wie Winkelpicker, Quivertip, Bibberspitze, Zitterspitze, die auf ganz besondere Weise zu verwendende Schwingspitze, etc.. Alle diese Bezeichnungen haben als Hauptmerkmal gemeinsam, dass es sich um feines Grundangeln handelt, bei dem die Bissanzeige am Ausschlagen der Rutenspitze zu erkennen ist.
Um die Verwirrung nicht zu groß zu machen und eine praktische Hilfe bei der Gerätezusammenstellung und beim praktischen Angeln geben zu können, wird im folgenden nur vom Winkelpickerangeln mit der Winkelpickerrute gesprochen.
Welches Gerät brauche ich?
Rute
Winkelpickerruten sind erhältlich in Längen von 2,40m bis 3,30m. Die gebräuchlichsten Längen sind 2,70m und 3,00m. Es gibt sie als 2-teilige Steckruten oder Teleskopruten. Für beide Rutentypen gibt es meistens zu jeder Rute 2, 3 oder sogar 4 auswechselbare Spitzen. Die 30-60cm langen Vollglas- oder Kohlefaser- Wechselspitzen sind sehr dünn, unterschiedlich gefärbt und besitzen verschiedene Stärken. Wurfgewichtsangaben fehlen bei Winkelpickerruten meistens, da ohnehin nur mit sehr leichten bis leichten Gewichten geangelt wird.
Abb.1: Wechselspitzen für Winkelpickerruten
Rolle
Es werden kleine Stationärrollen (20er oder 30er Modelle) mit einem Schnurfassungsvermögen von ca. 100-150m Schnur in einer Ø-Stärke bis 0,18mm verwendet.
Unbedingtes Muss ist eine gut funktionierende Rollenbremse, da bei den verwendeten dünnen Schnüren im Falle einer Fehlfunktion der Rolle sonst schnell einmal die Schnur reißen kann! Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Front- oder Heckbremse handelt.
Werbung
Schnur
Man kann bei dieser Methode mit einer monofilen, dehnungsarmen Angelschnur der Stärken 0,12mm bis 0,18mm Angeln, je nach der zu erwartenden Größe der Fische oder Hindernissen im Gewässer. Zu beachten ist, dass die Schnurdurchlaufringe der Winkelpickerruten in der Regel immer sehr enge Durchmesser haben; größere Schnurstärken scheiden daher ohnehin aus.
Besonders zu empfehlen ist jedoch, die dünnste erhältliche geflochtene Schnur zu verwenden (z.B. 0,10mm Ø). Die Bisserkennung bei geflochtenen Angelschnüren ohne jegliche Dehnung ist hervorragend! Es muss nicht gleich die teuerste Geflochtene aufgespult werden, bei preiswerteren Schnüren ist aber gerade beim Grundfischen der Abrieb größer und somit die Lebensdauer der Angelschnur kürzer. Man ist gut beraten, für die letzten 5-6 Meter zwischen dem Haken und der geflochtenen Hauptschnur noch eine monofile Schlagschnur in der o.g. Stärke 0,12mm bis 0,18mm vorzuschalten, um dem materialbedingten allmählichen Aufscheuern geflochtener Schnüre vorzubeugen und gleichzeitig beim Drill stärkerer Fische einen elastischen Puffer vor dem Fisch zu haben. Damit wird ein Ausschlitzen des Hakens verhindert und die Gefahr des Schnurbruchs verringert.
Haken
Die gleichen Haken, die beim "normalen" Friedfischstippen benutzt werden, werden auch beim Winkelpickerangeln verwendet. Man kann also bei erwarteten Fischen in Laubengröße bis auf feindrähtige rote Häkchen der Größe 18 heruntergehen, aber bei vermuteten großen Brassen oder kleinen bis mittleren Karpfen genauso gut Goldhaken der Größe 12, 10 oder auch 8 wählen.
Blei
Allgemein hat sich herausgestellt, dass beim Winkelpickerfischen zur feineren und genaueren Bissanzeige das Blei als Wurfgewicht nicht als Durchlaufblei auf der Hauptschnur, sondern besser fest angeknotet an einem 20-30cm langen Seitenarm, ca. 40-80cm oberhalb des Hakens, angebracht wird. Außerdem stört das Blei dann beim Anbiss den Fisch weniger; der Biss wird unmittelbar ohne Beeinflussung des Bleies an die Rutenspitze weitergeleitet. Wenn sich der Seitenarm beim Auswerfen oder Einholen schon einmal ein paar Klänge mit der Hauptschnur überschlägt, ist dies nicht weiter schlimm. Die Funktion des Seitenbleis bleibt gewährleistet, und in der Regel lassen sich solche Überschläge leicht wieder "enttüddeln".
Gebräuchliche Bleigewichte liegen zwischen 4g und 16g. Meistens sind Gewichte zwischen 8 und 12g eine gute Wahl. Eine oft verwendete Bleiform ist der "Tropfen" mit einer kleinen Öse zum Festbinden. Für Fließgewässer eignet sich auch ein Tellerblei gut, das auch bei stärkerer Strömung noch liegen bleibt.
Abb.2: Bleigewichte zum Pickerfischen (Tellerblei oben links)
Futterkörbchen
Statt des Bleigewichts kann wahlweise auch ein kleines(!) unbeschwertes Futterkörbchen, eines mit eingearbeitetem Blei oder ein unbeschwertes Körbchen zusätzlich zum normalen Bleigewicht mit am Seitenvorfach befestigt werden. Dies erhöht die Lockwirkung noch mehr. Das Gesamtgewicht der Montage muss jedoch beachtet und darf nicht zu schwer gewählt werden. Mit der Zeit bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was für eine Belastung man seiner Rutenspitze zumuten kann. Ein vorsichtiges und gefühlvolles Auswerfen von Futterkorbmontagen schont die feine, hochelastische Rutenspitze. Auf hängerträchtigem Gewässergrund ist von Futterkörbchen aber abzuraten und ein Anbieten des Lockfutters per Hand oder Futterschleuder sinnvoller.
Wirbel
Beim feinen Pickerfischen sollten keine Wirbel verwendet sondern alle Schnurverbindungen geschlauft oder geknotet werden; man muss es wirklich einmal versuchen! Die Bissanzeige ist dann um ein Vielfaches sensibler, direkter und für vorsichtige Fische unauffälliger und kaum störend. Vor Verdrallungen der Schnur braucht man sich nicht allzu sehr zu fürchten, normalerweise hält sich diese in Grenzen. Man sollte allerdings keine "Propellerköder" auf den Haken ziehen, also Köder, die sich von vornherein schon aufgrund ihrer Form am Haken beim Einzug ständig um ihre eigene Achse drehen.
Werbung

Köder
Die ganze Palette der Friedfischköder. Von Maden, Mehlkäfern, Mais über Würmer bis hin zu Forellenteig, Brot, Hartkäse usw.. Oft ist es auch hilfreich, z.B. bei schlammigem oder bewachsenem Boden oder Vorkommen von Wollhandkrabben zusätzlich zu dem Köder eine kleine Auftriebshilfe (Auftriebsschaum, Styropor) auf den Haken zu ziehen, um ihn mit dem Köder etwas vom Boden weg zu bekommen. Dies empfiehlt sich auch besonders beim Winkelpickerangeln auf bestimmte Fischarten, z.B. Forellen, Schleien oder kleinere Karpfen. Schwerere Karpfen sollte man wegen dem zarten Angelgerät aus Sicherheitsgründen nicht mehr vorsätzlich mit der Winkelpickerrute beangeln.
Anfüttern
Man kann mit den gleichen Teigsorten, die man auch beim Stippfischen verwendet, entsprechende Futterplätze anlegen, etwa mit einer Futterschleuder. Gut ist es, dem Lockfutter ein paar Maden beizumischen. Auch ein paar reine Schleuderschüsse nur mit losen Maden sind nützlich. Sehr schnell stellt sich dann der gewünschte Fischerfolg ein.
Wie und wo angele ich mit der Winkelpickerrute?
Der große Vorteil des Winkelpickerfischens liegt in der Möglichkeit des Distanzfischens, der relativen Unabhängigkeit von Wind und Strömung und der dann trotz allem noch sensiblen Bissanzeige. Ohne Schwierigkeiten kann man zielsicher auf einem angefütterten Angelplatz in 20, 30 oder 40m Entfernung punktgenau mit ultraleichten Ködern Angeln und hat trotzdem noch eine sehr feine Anzeige beim Biss eines Fisches. Man kann den Fischen unverzüglich in nähere, flachere oder entferntere, tiefere Bereiche folgen, ohne die Montage verändern zu müssen.
Als erstes wirft man die Montage mit Seitenblei und angeschlauftem Vorfach an den gewünschten Angelplatz aus. Die Schnur wird nach einer kurzen Wartezeit des Absinkens langsam nach und nach mit kurzen Pausen aufgekurbelt und stramm gezogen, bis ein überschüssiger Schnurbogen und im Wasser frei durchhängende Schnur geradegezogen sind.
Abb.3: Zum Fischen abgelegte Winkelpickerrute in "Parallelstellung" zum Ufer
Wenn die Winkelpickerrute in die Rutenhalter abgelegt wird, ist die klassische Standard-Rutenstellung folgende:
Die Rute befindet sich wagerecht in 2 Rutenhaltern ungefähr parallel zum Ufer. Ideal ist es, als vordere Rutenauflage für die Rutenspitze eine breite, wagerechte "Kleiderbügelform" zu wählen. So lässt sich die Rute einfach und optimal ausrichten und bei einem Biss sofort anschlagen, ohne evtl. beim schnellen Hochziehen der Rute an einem engen Rutenhalter hängen zu bleiben. Normale Rutenhalter tun es aber auch. Für diejenigen, die diese Art des Angelns noch nicht kennen, sieht es schon ein bischen komisch aus, wenn der Angler nicht auf's Wasser schaut, sondern zur Bisserkennung seitlich abgewandt sitzt und die Rutenspitze seitwärts von ihm am Ufer beobachtet! Die Angelschnur geht also ungefähr in einem rechten oder zumindest großen stumpfen Winkel (daher auch der Name Winkelpickerangeln") von der Rutenspitze zum Wasser. Jetzt wird die Schnur vorsichtig allmählich so weit aufgekurbelt, bis die Rutenspitze leicht 3-5cm in einem kleinen Bogen angespannt wird. Durch den Widerstand des Bleis draußen im Wasser verharrt die Rutenspitze in dieser angezogenen, gekrümmten Position. Jetzt ist jeder auch noch so kleine Zupfer am Köder sichtbar: Wenn der Köder aufgenommen oder daran gezogen wird, zittert die Rutenspitze oder sie schlägt aus. Es kommt auch vor, dass ein Fisch ganz ungestüm beißt und er schon beim ersten Anbiss mit anschließender Flucht Schnur von der Rolle zieht. Aber auch, wenn ein Fisch den Köder nur vorsichtig aufnimmt und dem Angler entgegengeschwommen kommt, kann das der Angler erkennen: Die zuvor gespannte Rutenspitze wird entlastet, streckt sich in ihre gerade Ursprungsform und die Schnur wird locker.
Manche Angler verwenden zum noch besseren Erkennen der Bisse und ermüdungsfreien Beobachten der auf Spannung gehaltenen Rutenspitze ein "Target Board", eine Art kontrastgebende, mit einigen parallelen, senkrechten Strichmarkierungen versehene Zielscheibe (oft schwarz mit weißen Strichen). Sie wird hinter der Rutenspitze mit einem Erdspieß in den Boden gesteckt und ermöglicht ein optimales Beobachten der Rutenspitze vor dem Hintergrund des "Target Board". Zu einem erfolgreichen Angeln ist eine solche Scheibe aber nicht unbedingt notwendig.
Das Angeln mit der Winkelpickerrute eignet sich sehr gut an vielen unterschiedlichen Gewässern. Selbst in großen Flüssen oder Strömen kann man damit noch Angeln, dort allerdings mehr in den ruhigeren Bereichen wie den Buhnenfeldern, Kehrwassern oder Hafenbecken. In Flüssen eignen sich besonders die o.g., etwas schwereren Gewichte und Bleie in Tellerform. Die Montagen wirft man am erfolgversprechendsten entweder über ein Buhnenfeld hinweg bis ans Ende des "ruhigen" Wassers an den Rand der Fahrrinne, wo die größeren Brassen, Rotaugen und Barben lauern oder aber nur in geringer Entfernung, manchmal keine 10m weit, in den ufernahen, vorderen Bereich eines Buhnenfeldes. Dort gibt es oft eine schon verhältnismäßig tiefe Rinne, während es in der Mitte eines Buhnenabschnitts durch angesammelte Sandanspülungen meist flacher ist. An buhnenfreien Flussstrecken empfiehlt sich des Auswerfen der Rute ca. 45º stromauf oder 45º stromabwärts, nahe an die Strömungskante. Beim Anfüttern in Flüssen ist die Strömung zu berücksichtigen, entsprechend muss das Lockfutter mit einigem Vorhalt etwas oberhalb des eigentlichen Angelplatzes eingeworfen werden.
Eine ideale Gewässerform für dieses Angeln sind mittlere und große Seen, wo man auf die scheuen Fische auf Distanz angeln kann, ohne diese gleich zu vergrämen. Hier kann man nun auch auf den Punkt genau anfüttern. Angelt man bei klarem Wetter tagsüber, sollte man die ersten Angelversuche auch in der Ferne starten. Bei trüberem Wetter, Regen, im Morgengrauen oder bei einbrechender Dämmerung lohnt es sich dagegen oft, die hochsensible Montage nur ein paar Meter vor den eigenen Füßen auszuwerfen. Am Ufer muss man sich dann natürlich absolut ruhig verhalten.
Abb.4: Angeln mit hochgestellter Pickerrute
Ein Fall für sich sind beengte Platzverhältnisse am Angelplatz: Hat man links und rechts nur wenig Platz, stellt man die Rute ganz einfach nahezu kerzengerade mit einem kleinen Klapprutenhalter steil in die Höhe und bringt dann genauso seine Schnur auf Vorspannung wie bereits beschrieben. Die empfindliche Bissanzeige in der Rutenspitze ist dann genauso hervorragend. Das gleiche sollte man übrigens beim Angeln in starker Strömung machen, wenn es sich in bestimmten Situationen nicht empfiehlt, die Rute wagerecht und parallel am Ufer abzulegen. Zerrt z.B. die Strömung doch zu sehr an der Schnur und zieht in diese sogar schon einen Bogen, stellt man die Rute einfach steil und gerade aufrecht; gleich klappt es wieder besser. Herrscht allerdings starker Wind, der die Rute dann ständig hin und her bewegt, dauernd in die Schnur greift und dabei ständig Bisse vortäuscht, muss man ausprobieren, welches Übel das geringere ist, Strömung oder Wind. Dann sucht man sich eben die in diesem Fall noch am besten funktionierende Kompromisslösung für die Ablage der Rute, flach und wagerecht oder steil hochgestellt.
Abb.5: Winkelpicker-Brassen (der zuvor einem Hecht entkommen war)
Welche Fische kann ich damit fangen?
Wie schon erwähnt, kann man beim Winkelpickerangeln mit einer breiten Palette an Fischen rechnen. Sämtliche Friedfische sind darin eingeschlossen, aber auch Überraschungen sind möglich. Von Zufallsfängen wie Flundern in den sandigen Bereichen der großen Flüsse auch noch weit im Hinterland bis hin zu kampfstarken Barben, die in die reißende Strömung ziehen, urgewaltigen Fluchten mehrpfündiger Karpfen an diesem feinen, aber ebenbürtigen Gerät und Aalen in den Abendstunden ist Abwechslung nonstop angesagt.
Abb.6: Schöner Lohn: 12-pfündiger Winkelpickerkarpfen aus dem Rhein
Wer einmal Spaß an dieser Methode gefunden hat - und im Vergleich zum "normalen" Grundangeln macht es einen Riesenspaß - wird diese spannende Art des Angelns sicher gern das ganze Jahr über erfolgreich anwenden!
Norbert Wiercimok
(Fragen zum Thema an: Anglerboard-Magazin@laksos.de)
Anglerboard-Magazin März 2003
|